Realität und «Tatort»-Schummelei
Von Miriam Lenz. Aktualisiert am 11.04.2011
Jürg Mosimann: Der ehemalige Polizeisprecher der Kantonspolizei Bern. (Bild: Christian Pfander)
«Tatort»
Immer Sonntag um 20.05 Uhr auf SF1.>
Von all den Krimis, die Jürg Mosimann regelmässig im Fernsehen schaut, ist ihm die Krimireihe «Tatort» am liebsten. Die Kultserie habe im Dschungel der TV-Krimis eindeutig am meisten Substanz, sagt er. Sowohl inhaltlich wie auch von den schauspielerischen Leistungen her. «Die ‹Tatort›-Macher lassen so viel Realität in die einzelnen Geschichten und Persönlichkeiten einfliessen, wie es in solchen Sendung eben möglich ist.»
Als ehemaliger Mediensprecher der Kantonspolizei Bern weiss Jürg Mosimann Realität und TV-Fiktion zu unterscheiden. Während vieler Jahre hat er im Rahmen seiner Arbeit Tatorte besucht, zahlreiche Leichen gesehen und sich an polizeilichen Ermittlungsdiskussionen beteiligt. Nachdem er in der Vergangenheit schon Vorträge zum Thema «Realität und Fiktion» gehalten hatte, wird er bei der beliebten Serie in Zukunft noch genauer hinschauen und in einer «Tatort Tatort»-Kolumne in dieser Zeitung auf die kleineren und grösseren Unterschiede zwischen der TV-Wahrheit und der realen Ermittlungsarbeit aufmerksam machen.
Typische «Tatort»-Fehler
Jürg Mosimann will in «Tatort Tatort» (siehe links) nicht den Nörgler spielen. «Ich bin ganz klar der Meinung, dass ein Fernsehkrimi in erster Linie spannend und nicht realistisch sein muss», sagt er. Viel mehr wolle er die Zuschauer in augenzwinkernder Manier auf die kleineren und grösseren Realitätsabweichungen aufmerksam machen.
Noch mag er nicht zu viel Pulver verschiessen. Die eine oder andere immer wiederkehrende Ungereimtheit verrät der Krimispezialist aber jetzt schon. «Einer der grössten Unterschiede zwischen den ‹Tatort›- und den echten Ermittlungen ist, dass in Wirklichkeit nie nur zwei Kommissare, sondern gleich mehrere Dutzend Polizisten mit den unterschiedlichsten Aufgaben im Einsatz sind», so Mosimann. Ebenso auffallend sei, dass die «Tatort»-Kommissare ihre Befragungen selten bis nie schriftlich festhalten. «In Wirklichkeit wird jede kleinste Aussage genauestens protokolliert.» Amüsant findet er zuweilen auch das Treiben an den TV-Tatorten. «Die Arbeit der Kriminaltechniker wird zwar ziemlich authentisch dargestellt», sagt er. «Weniger realistisch ist, dass am Fundort einer Leiche Leute herumspazieren dürfen, die in der Realität zu diesem Zeitpunkt dort nichts verloren hätten.»
Nicht alles ist unwahr
Jürg Mosimann will es nicht dabei belassen, Fiktion und Realität zu beleuchten. Er wird seine Kolumne auch mit spannenden Hintergründen spicken, die in so mancher «Tatort»-Kritik nicht zu lesen sind. Mit Informationen zu den Schauspielern, den Schauplätzen oder den Dreharbeiten.
Die Kolumne erscheint heute erstmals und danach in unregelmässigen Abständen. Ganz bewusst: «Es gibt Folgen, die sind so gut, da fehlen einem schlicht die Worte», sagt Mosimann. (Berner Zeitung)
Erstellt: 11.04.2011, 08:49 Uhr
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