Mit Schneeschuhen bei den Walsern

Ein bisschen Walserkultur und viel urtümliche Natur – das finden Schneeschuhläufer in St. Antönien am schieren Ende der Welt. Kein Wunder, werben die Bündner mit dem Slogan «Hinter dem Mond, links».

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Zwei Dinge fallen bei der Fahrt nach St. Antönien auf: Zum einen ist das Dorf kein Dorf, sondern eine langgezogene Ansammlung von Häusern und Weilern. Sie stehen gut verteilt im engen Talboden und auf den abschüssigen Hängen und tragen Namen wie Gadenstätt, Ascharina, Dörfji, Rüti, Platz oder Partnun.

Einzig in Platz hat sich so etwas wie ein Minidorfkern gebildet; ein paar Häuser gruppieren sich um die spätgotische Kirche mit dem spitzen Turm. Zum anderen gibt es in St. Antönien so viele Lawinenverbauungen, dass man kaum nachkommt mit Schauen. Das Tal gleicht einer Festung, und die hohen Berge sind bedrohlich nah. Ob man hier überhaupt Schneeschuhlaufen kann?

Das Tal zu Füssen

Und ob man das kann! Das ab­gelegene Bündner Tal zwischen Prättigau und Montafon ist ein Eldorado für Skitourenfahrer und Schneeschuhläufer. Auf erstere warten ambitiöse Gipfelziele, auf letztere verträumte Alpen im Winterschlaf und vergleichsweise sanfte Hügel. Spitzenbüel ist so ein Hügel. 2193 Meter hoch und mit grandioser Aussicht. Steht man oben, liegt einem das ganze Tal zu Füssen, und die Bergriesen stehen Spalier: Eggberg, Gämpiflue, Schollberg, Schjienflue, Schafberg, Girenspitz, Chüenihorn und in der Mitte die Königin, die 2800 Meter hohe Sulzfluh.

Bis man dieses Panorama geniessen kann, ist einiges an Einsatz nötig. 750 Höhenmeter Aufstieg gibt es zu bewältigen, das kommt knapp drei Stunden Schneestapfen gleich. Viel Zeit, die urtümliche Landschaft auszukosten und zu verstehen, warum St. Antönien aus einer scheinbar strukturlosen Ansammlung von Häusern besteht und über dem Tal so viele Lawinenverbauungen wachen.

Verhängnisvolles Abholzen

Der Ausgangspunkt der Tour, Rüti, liefert einen ersten Hinweis. Rüti heisst so viel wie «roden», ­also abholzen. Und das taten die Walser in grossem Ausmass, als sie um 1300 die Gegend besiedelten. Damals war das Tal noch dicht bewaldet und unbewohnt, Lawinen kannte man nicht. Das änderte sich bald. Die Walser benötigten grosse Flächen Land für ihre Viehherden und Holz für den Bau ihrer Häuser und Ställe und für den Betrieb der Öfen. So verschwand Wald um Wald. Mit einem Mal donnerten die Schneemassen zu Tal und brachten Tod und Verwüstung.

Die Gefahr erkannte man bereits im 17. Jahrhundert und versuchte, die Abholzerei einzu­dämmen. Die Bevölkerung wuchs jedoch zu stark, der Erfolg war mässig.

Richtig angepackt wurde das Problem erst nach dem Lawinenwinter 1951. Das ganze Land sammelte Geld, an Chüenihorn und Eggberg entstanden 16 Kilometer Schutzbauten aus Stahl und Beton im Wert von 22 Millionen Franken. Es ist das grösste Schutzbauwerk der Schweiz. Der enorme Landbedarf der Walser erklärt auch ihre verzettelte Siedlungsform. Jeder schuf viel Platz um seinen Hof, damit die Tiere genug zu fressen hatten. Heute gilt St. Antönien als eine der typischsten Walsersiedlungen, eine Art bewohntes Freilichtmuseum.

Der traditionelle Hausbau der Walser begegnet uns auf Schritt und Tritt. Das Gafiatal, wohin unsere Tour führt, war wahrscheinlich das erste Gebiet, das die Ankömmlinge besiedelten. Unten im Tal stehen stattliche Höfe und Wohnhäuser. Weiter oben werden wir auf die dazugehörenden Alphütten treffen. Sie ähneln Kunstwerken, von der Sonne gebräunt und von Wind und Wetter gezeichnet.

Refugien für uns Schneeschuhläufer, eine Pause einzulegen. Noch ist es aber nicht so weit. Das Gafiatal zieht sich in die Länge, die ersten Höhenmeter werden bewältigt. Unzählige Spuren säumen den Weg, sogar ein Schneeschuh-Trail ist ausgesteckt. Bei Engi könnten wir den wilden Gafierbach queren und auf die andere Talseite wechseln. Zu früh, finden wir – und stapfen eine Brücke weiter. Wir wollen einen Blick auf den Schlangenstein werfen, der knapp 40 Meter hohe Felsen ist das Wahrzeichen des Tals. Der Sage nach soll der heilige Antonius unter dem Felsen Schlangen gehalten haben. Stritten Familien, drohte er, die Tiere frei zu lassen.

Flugs zurück ins Tal

In Dörfji beginnt der Ernst des Tages, der Aufstieg auf Spitzenbüel. Der Weiler gilt als Wiege St. Antöniens und war bis 1720 ganzjährig bewohnt. Dann fegte eine Lawine mehrere Häuser weg und beendete drei Menschenleben. Seither bleiben im Winter die Läden dicht. Die 400 Höhenmeter bis zur Alp Schollberg­meder können wir auf zwei Arten überwinden: gemütlich auf der weit ausholenden Alpstrasse oder sportlich im direkten Anstieg. Beiden gemeinsam ist die Sonne, und die lässt uns ganz schön schmoren. Gut, ist bei den letzten Alphütten das Gipfelziel Spitzenbüel zum Greifen nah.

Wer Lust und Ausdauer hat, kann die Tour fortsetzen nach Partnun im Talschluss und zurück auf dem Schneeschuh-Trail nach St. Antönien. Uns hingegen locken die Hänge, die wir hochgestapft sind. Und so fliegen wir mit Siebenmeilenschritten dem Tal entgegen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.01.2017, 12:17 Uhr

Tipps & Infos

So unbedeutend der Hügel, so grossartig die Aussicht, die er bietet. Vom fast 2200 Meter hohen Spitzenbüel hat man das ganze Tal von St. Antönien im Blick. Dazu gibt es Sonne satt und zahlreiche Alphütten, die zur Rast laden. Eine Bündner Schneeschuhtour für Geniesser.

Route: St. Antönien Rüti–Litzirüti–Dörfji–Bodenmeder–Schollbergmeder–Spitzenbüel (2194 Meter).
Variante: Bei sicherer Lawinenlage von Spitzenbüel weiter ins Tal über Boller und Glatt Boden nach Partnun. Zurück nach St. Antönien auf dem markierten Wegen. 1½ Stunden zusätzlich.
Anforderungen: Die Schneeschuhtour ist technisch einfach, erfordert aber eine gute Grundkondition für den Aufstieg von 750 Höhenmetern. Die reine Wanderzeit beträgt rund 4½ Stunden.
Orientierung: Die Orientierung ist problemlos. Von St. Antönien Rüti rechts der Strasse ins Gafiatal und bis Dörfji der markierten Schneeschuhroute folgen. Den Gafierbach überquert man nach Engi oder auf der Höhe von Dörfji. Danach entweder gemütlich auf überschneiter Alpstrasse oder im Direktaufstieg zu den Alphütten auf Schollbergmeder. Der Schlussaufstieg zur Kuppe Spitzenbüel verläuft über sanfte Hänge.
Ausrüstung: Nebst Schneeschuhen und Stöcken gehören eine Lawinenausrüstung und eine Karte zur Ausstattung einer Schneeschuhtour. Das Lawinenbulletin ist jederzeit auf der Website www.slf.ch abrufbar. Die markierten Schneeschuh-Trails um St. Antönien sind nicht gesichert.
Einkehrmöglichkeiten: In St. Antönien, Rüti und Platz.
Anreise: Mit dem Zug über Landquart nach Küblis, danach mit dem Postauto nach St. Antönien Rüti. Parkmöglichkeiten in St. Antönien Rüti. Diese sind wie alle Parkplätze im Dorf kostenpflichtig.
Karten: Swisstopo-Landeskarte 1:25 000, Blätter Sulzfluh (1157) und Serneus (1177), oder Skitourenkarte 1:50 000, Blatt Prättigau (248S).

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