«Humor für Fortgeschrittene»

Das Kabarettduo Schön & Gut hat in Thun den Schweizer Kleinkunstpreis erhalten. Warum seine Geschichten immer in Grosshöchstetten spielen, bleibt ein gut gehütetes ­Geheimnis.

Schön & Gut: Hinter der beschaulichen Idylle spielen sich fein gesponnene Geschichten ab.

Schön & Gut: Hinter der beschaulichen Idylle spielen sich fein gesponnene Geschichten ab. Bild: Christian Reichenbach/zvg

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Matrosentochter Gut und Metzgerssohn Schön treffen sich auf dem Bahnsteig von Grosshöchstetten. Daraus erblühte 2003 «Eine Liebesgeschichte», das erste Programm des Kabarettduos Schön & Gut von Anna-Katharina Rickert und Ralf Schlatter.

Bereits im Jahr darauf folgte der Salzburger Stier, die höchste Auszeichnung für Kleinkunst im deutschsprachigen Raum. Alles richtig gemacht, alles gewonnen, alles gesehen.

Dann muss man sich zumindest neu erfinden – könnte man meinen. Schön & Gut haben die Kirche im Dorf belassen, in Grosshöchstetten, Dreh- und Angelpunkt weiterer Geschichten und weiterer Erfolge: 2014 gabs den Cornichon der Oltner Kabarett-Tage. Nun kam an der Künstlerbörse Thun der Schweizer Kleinkunstpreis hinzu.

Schön, Gut, Grosshöchstetten

Gleich blieben in den folgenden Programmen «Das Kamel im Kreisel» (2006), «Der Fisch, die Kuh und das Meer» (2009), «Schönmatt» (2013) und «Mary» (2017) die Figuren, Schön und Gut – und eben: Grosshöchstetten. Warum haben die Zürcher bloss die 3500-Seelen-Gemeinde im Berner Mittelland auserwählt?

Rickert und Schlatter schweigen. Wir befragen das Internet. «Grosshöchstetten – modern und ländlich zugleich», preist sich das Dorf im Youtube-Video an. Ländlich und doch gewillt, mit der Entwicklung Schritt zu halten: Vielleicht ist Grosshöchstetten eine Schweiz im Kleinen, die «Grösse» im Namen bleibt eine Behauptung, die Welt ist im Dorf beschaulich.

Für Stadt und Land

Es sind die Dorfgeschichten von Schön & Gut, die viel über das Land erzählen und viele Menschen betreffen. Etwa im Stück «Schönmatt»: Da geht es um die Gemeindefusion von Grosshöchstetten und Konolfingen. Auf der Grenze, die durch die Schönmatt verläuft, treffen sich die Verliebten unter der Linde.

Auch Vertreter beider Gemeinden finden sich dort ein, um anzubandeln. Eine wahre Fusionseuphorie entsteht. Das Duo lässt die gewöhnlicherweise trockene Dorfpolitik überdrehen, für die Pointen sorgen Basisdemokratie, Günstlingswirtschaft und wohlformulierte Absurditäten des Dorflebens.

150-mal fusioniert

Das Kabarett von Schön & Gut pflegt einen Humor der feinen Klinge, setzt auf eleganten Wortwitz statt auf die herbeigeprügelte Pointe – und findet damit auf Stadt- und Landbühnen der ganzen Deutschschweiz sein Publikum. Alleine «Schönmatt» spielten Schön & Gut in den letzten drei Jahren über 150-Mal. Mit einem Konzept, das sich über mehrere Programme in Abwandlungen bewährt hat.

Das Bundesamt für Kultur (BAK), das den Kleinkunstpreis vergibt, zeichnet mit Schön & Gut nicht Innovation aus, sondern die Beständigkeit einer guten Idee. Und politisches Kabarett, das nicht den lauten Lacher sucht, sondern das Schöne und das Gute hinterfragt. Die BAK-Jury bezeichnet die Kabarett als «fein säuberlich sezierte Analyse des Deutschschweizer Provinzmiefs und gesellschaftlicher Befindlichkeiten.»

Beeindruckt ist das Bundesamt von ihren «mit musikalischen Einlagen versehenen virtuosen Wortspielkaskaden, mit der sie Humor für Fortgeschrittene anbieten, ohne dabei an Volksnähe einzubüssen.» Das durchaus volksnahe Jury-Mitglied Gardi Hutter betonte am Donnerstag die feine Klinge: «Comedy ist heute in der freien Szene marktbeherrschend, aber Schön & Gut behaupten literarisches Sprechtheater wider jeden Zeitgeist.»

Der mit 50'000 Franken dotierte Kleinkunstpreis geht also nach Grosshöchstetten, Schauplatz von grosser Kleinkunst und Wahlheimat des Humors für Fortgeschrittene.

Künstlerbörse: Bis Sonntag, 23. 4., KKThun. 80 Künstler und Künstlergruppen präsentieren während dreier Tage 20-minütige Ausschnitte aus ihren aktuellen Produktionen. Schön & Gut spielt am Sonntag um 15.30 Uhr im Schadausaal einen Ausschnitt aus «Mary». Weitere Auftritte in der Nähe: 12. Mai Olten, 13. Mai Mühlethurnen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.04.2017, 17:39 Uhr

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