Eine Nummer zu gross

Die chinesische Filmindustrie will mit Zhang ­Yimous «The Great Wall» die Welt erobern. Kritiker in den USA (t)wittern «Rassismus». Wer den flauen Fantasy­streifen gesehen hat, kann sich über beides nur wundern.

Der Trailer zum Fantasyspektakel «The Great Wall» mit Matt Damon. Quelle: Youtube


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Die Chinesische Mauer ist Tausende Kilometer lang, fast zweitausend Jahre wurde an ihr gebaut, aber nur ein Mann kann sie retten: Matt Damon. So ungefähr lässt sich die Handlung des Fantasy-Actiondramas «The Great Wall» zusammenfassen – wenn man den kritischen Stimmen aus den USA glaubt, die dem Film ­impliziten Rassismus vorwerfen. Auf der Basis eines Trailers. In den US-Kinos läuft «The Great Wall» erst am 17. Februar an.

In China und einigen anderen Ländern hat der Streifen sein auf 150 Millionen Dollar geschätztes Budget bereits eingespielt. «The Great Wall» ist die teuerste ausschliesslich in China gedrehte Filmproduktion und zugleich der erste englischsprachige Film des chinesischen Starregisseurs Zhang Yimou («House of Flying Daggers»).

Es ist ein Prestige­projekt, das Chinas Kinoindus­trie als Türöffner für den Weltmarkt dienen soll. Der Film entstand in enger chinesisch-amerikanischer Kooperation unter Federführung der im vergangenen Jahr von der chinesischen Wanda Group übernommenen kalifornischen Produktionsfirma Legendary Entertainment.

Langzahnige Monster

Neben den chinesischen Filmstars Jing Tian und Andy Lau sowie Teenieschwarm Wang Junkai, dem Leadsänger der Boygroup TFBoys, treten mit Willem Dafoe und Matt Damon auch zwei Hollywoodgrössen in Erscheinung. Damon spielt den irischen Söldner William Garin, den es im 15. Jahrhundert auf der Suche nach Schwarzpulver in eine Festungsanlage auf der Chinesischen Mauer verschlägt. Unter der Führung der Generäle Shao (Zhang Hanyu) und Lin (Jing ­Tian) bereiten sich die Truppen dort auf den Angriff gefrässiger, langzahniger Monsterhorden vor, die alle sechzig Jahre die Mauer bestürmen.

Lin gehört einer Einheit von Frauen an, die sich mit tollkühnen Bungee­sprüngen auf die Monster stürzen. Am Ende müssen Lin und William gemeinsam die Monsterkönigin besiegen. Natürlich knistert es dabei kräftig zwischen den beiden. Diese extrem abwegige und hölzern-triviale Story stammt aus der Feder eines US-Autorenteams um Max Brooks («World War Z»). Zhang Yimou hat daraus ein leidlich kurzwei­liges Abenteuer gebastelt, das für einen so grossartigen Action­choreografen enttäuschend bieder inszeniert ist.

Weisser Retter

Der Vorwurf des «White­washings», einer in Hollywood lange Jahre gängigen Praxis, nach der weisse Schauspieler Charaktere anderer Ethnien verkörpern, erweist sich dagegen als haltlos. Matt Damon spielt keinen Chi­nesen. Schon eher greift da die Kritik von Constance Wu. Die US-Schauspielerin mit taiwanesischen Wurzeln ärgerte sich auf Twitter in polarisierender Wir-ihr-Rhetorik darüber, dass einmal mehr im Kino ein Weisser als Retter der Welt oder in diesem Fall der Chinesen auftrete. Als könnten die das nicht allein schaffen.

Dass es sich bei «The Great Wall» um eine chinesische Produktion handelt, spielt für Wu keine Rolle. Einen Unterschied macht es aber doch. Betrachtet man nur den Film, ist dieser in keiner Weise rassistisch. Erst im Kontext vieler Werke, die immer wieder das Motiv vom weissen Retter abrufen, und einer US-Filmindustrie, in der ethnische Minderheiten oftmals unterrepräsentiert sind, lässt sich Wus Kritik begründen.

Zum Kontext gehört dann aber auch, dass der von Matt Damon gespielte Ire aus chinesischer Perspektive ein Fremder ist. Wenn die Einheimischen gemeinsam mit ihm eine Bedrohung abwenden, lässt sich das als völkerverbindende Botschaft deuten. Erst wer «The Great Wall» aus US-Sicht wie einen Hollywoodfilm behandelt, kann daraus einen Rassismusvorwurf ableiten. Am Ende, so scheint es, sind auch diejenigen, die Hollywoods US-zentrierte Weltrettermentalität kritisieren, nicht vor ihr gefeit.

«The Great Wall»: läuft ab Donnerstag im Kino. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 11.01.2017, 12:27 Uhr)

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