Der xx-Faktor

Wenn introvertierte Musiker plötzlich im grellen Rampenlicht stehen: Mit zwei düsteren Platten feierten The xx weltweit überraschende Erfolge. Auf Album Nummer drei verlässt das Trio nun die Komfortzone. Ein risikoreiches Unterfangen.

Die Single «On Hold» ist der bisher grösste Popmoment des Trios «The xx» Quelle: Youtube


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Songs wie musikalische Schattenspiele – melancholische Melodien, sparsame, schleppende Beats, Gitarren, die stimmungsvolle Akzente setzen, subtile Arrangements, zwei Stimmen, die sich traurig umgarnen, ergänzen: Es ist das Rezept, mit dem die Londoner Band The xx weltweite Erfolge feierte – in einem Ausmass, das die drei introvertierten Musiker selber wohl am meisten überraschte.

Ein Beispiel: Neben One Direction und Mumford & Sons waren The xx in der letzten Dekade die einzige britische Band, deren Debütalbum («xx», 2009) in den USA Gold-Status ­erreichte. Der grossartige Zweitling «Coexist» (2012) entstand in einem abgeschirmten kleinen Raum im Londoner Stadtteil Islington. Umso mehr lässt aufhorchen, dass das Trio für sein drittes Album nach LA, Texas, New York und Island reiste. Und dass Produzent Jamie xx – bürgerlich Smith – nun gar verkündet: «Die neuen Aufnahmen klingen triumphierend und feierlich.»

«Es war erschreckend»

Doch gemach: Wer erwartet, dass Sängerin Romy Madley Croft plötzlich jauchzt und jubiliert und die atmosphärischen Gitarrenparts durch quirlige Banjoläufe ersetzt werden, liegt – natürlich und zum Glück – falsch. Das «triumphierend und feierlich» gilt gemessen am xx-Standard. Aber tatsächlich ist Liebe in den neuen Songs nicht mehr zwingend hoffnungslos – im warmen «Say Something Loving» etwa ist die Rede vom «thrill of affection». Tatsächlich hinterlässt «In Colour», das farbenfrohere Solowerk von Jamie xx, Spuren.

«Es war inspirierend für mich, zu denken: ‹Okay, Jamie wird zurückkommen, also sollten wir einige tolle Songs für ihn bereit ­haben›», sagt Madley Croft, welche die Band mit Bassist und ­Co-Sänger Oliver Sim gründete, als beide erst 15 waren. Und tatsächlich scheinen The xx jene Kritiker zum Schweigen bringen zu wollen, denen «Coexist» im Vergleich mit dem Debüt zu wenig abenteuerlustig war. Madley Croft spricht von «neuen Wegen», die sie finden wollten: «Es war erschreckend. Aber ich wollte es so.»

Der grösste Pop-Moment

So weit, so mutig. Doch die Frage stellt sich: Geht auf der Suche nach Neuem der dunkle Zauber, der den Sound von The xx ausmachte, verloren? Nun, während das still-traurige «Performance» mit den charakteristischen Gi­tarrenklängen und Romy Madley Crofts zerbrechlich-klagendem Gesang die Brücke zum Vorgänger schlägt, ist etwa «Dangerous» mit seinen federnden Beats und eingängigen Bläsersamples für xx-Verhältnisse richtiggehend munter.

In «Lips» sorgen Synthesizer für unbehagliche Zwischentöne. Und die Single «On Hold» – flirrender Beat, quirlige Samples aus dem Hall-&-Oates-Hit «I Can’t Go for That (No Can Do)» – ist der bisher grösste Popmoment des Trios. Es sind diese Momente, die für Spannung sorgen.

Die eigenwillige Magie, dieser eigentliche xx-Faktor, geht deswegen nicht verloren – man höre bloss die dunkel schimmernde Schönheit von «Brave For You» oder «Replica». Indem sie ihre Schattenspiele mit mehr Lichteinfall ausstatten, haben The xx einiges gewagt. Und letztlich viel ge­wonnen.

The xx: «I See You», Young Turks /Musikvertrieb (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.01.2017, 11:38 Uhr

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