Die Milch steht zu Unrecht unter Verdacht

Was wird der Kuhmilch nicht alles angedichtet: Sie mache dick, begünstige ­Allergien – und sogar Krebs. Belegt ist davon kaum etwas. Milch ist aber auch kein Durstlöscher, sondern ein hochwertiges Lebensmittel.

Umstrittener Muntermacher: Jahrtausendelang sind die Menschen mit Milch grossgeworden. Doch heute wird der natürliche Lebenssaft zunehmend infrage gestellt – entgegen allen wissenschaftlichen Studien.

Umstrittener Muntermacher: Jahrtausendelang sind die Menschen mit Milch grossgeworden. Doch heute wird der natürliche Lebenssaft zunehmend infrage gestellt – entgegen allen wissenschaftlichen Studien. Bild: Keystone

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Vor etwa 60 Jahren hiess es, Milch mache «müde Männer munter» – ein Slogan der Milchwirtschaft, der zum geflügelten Wort geworden ist. «Dieser Werbespruch war wissenschaftlich noch nie haltbar, ausser dass Milch Energie liefert, aber das macht ein Brot oder ein Apfel auch», sagt Bernhard Watzl, Leiter des Instituts für Physiologie und Biochemie der Ernährung beim Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe.

«Der Slogan sollte bei den Menschen gut ankommen – und das ist er, sonst würden wir ihn nicht heute noch kennen.» Später wurde das flüssige Lebensmittel beworben mit Aussagen wie «Die Milch macht’s» oder «Milch ist meine Stärke».

Fragwürdiger Milchersatz

Man muss solche Sprüche nicht gut finden, aber es ist auch nicht einfach, für ein seit etwa 7000 Jahren gebräuchliches Erzeugnis Werbung zu machen, das vielen Menschen als Allerweltprodukt gilt. Und für etwas, das so gewöhnlich erscheint, mag man eben auch nicht gerne viel Geld ausgeben, wobei das nicht der einzige Grund ist für die niedrigen Milchpreise.

Gleichzeitig werden – vor allem im Biohandel – die Milchersatzgetränke aus Hafer, Reis, Soja oder auch Kokosnüssen und Mandeln deutlich teurer verkauft. Das wäre noch verständlich, wenn solche Getränke mehr wertvolle Nährstoffe enthielten oder gar gesünder wären als die gute alte Kuhmilch. Doch das ist nicht der Fall. Mit Ausnahme der traditionsreichen Sojamilch seien die neuen Drinks aus Hafer und anderen Getreidearten gar «nicht gesund», sagt Ernährungswissenschaftler Watzl.

Bei ihnen müsse «viel imitiert werden, was die Milch von Natur aus mitbringt», zum Beispiel Geschmack und Farbe. Und Kalzium, das in der Milch in hohem Masse natürlich enthalten ist, müsse «solchen Kunstprodukten» hinzugefügt werden. Watzl: «Wer sich naturnah ernähren möchte, sollte eigentlich nicht zu Kunstprodukten greifen, sondern lieber zu Milch.»

Es sei denn, man wolle nur vegane Produkte konsumieren. Das sei aber eine reine Kulturfrage und keine Frage der ­Gesundheit oder der Ernährungsphysiologie. «Es gibt keine ernährungswissenschaftliche Begründung für eine vegane Ernährung. Der Mensch war nie ­Veganer», so der Ernährungswissenschaftler.

Für Kuhmilch hingegen spreche viel. «Alle Ernährungsgesellschaften in westlichen Industrieländern, in denen Milch eine lange Tradition hat, stufen sie als gesund ein und empfehlen sie als Lebensmittel», betont Watzl. «Milch hat viele Inhaltsstoffe, die für Kinder und Erwachsene wichtig sind, da gibt es unter Fachleuten keine Debatten.»

Viele Falschinformationen

Auch Stéphanie Hochstrasser von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung, der unabhängigen Plattform für die ­Aufklärung der Bevölkerung, verweist auf die wertvollen Bestandteile von Milch und Milchprodukten. «Sie sind reich an hochwertigem Protein, einem wichtigen Baustoff für den Körper.» Zudem enthielten sie viel Kalzium, das besonders für Knochen und Zähne benötigt werde, und die Vitamine A, B2 und B12.

«Deshalb», so die Ernährungsfachfrau, «sind Milch und Milchprodukte für uns wertvolle Lebensmittel, die ihren berechtigten Platz in einer ausgewogenen Ernährung haben.» Der zweite Vorteil für Hochstrasser ist die grosse Vielfalt von Milch und ihren Erzeugnissen: Trinkmilch, Joghurt, Quark, Buttermilch und fast unzähligen Käsesorten. «Die ganze Palette bietet Abwechslung und bereichert den Speiseplan.»

Dennoch sind viele falsche oder verzerrte Informationen über angeblich ungünstige oder krank machende Folgen des Milchkonsums im Umlauf. Die Aussage zum Beispiel, Milch mache dick, ist laut Watzl «absolut unsinnig». Entscheidend sei die Menge an Energie, die man dem Körper über die Nahrung zuführe. «Man kann auch mit den gesündesten Lebensmitteln zunehmen, wenn man zu viel davon isst und sich nicht ausreichend bewegt.»

Ja, es gebe sogar Hinweise aus Studien, dass Milch dazu beitragen kann, Übergewicht zu verhindern. Falsch sei auch die Ansicht, Milchkonsum im Alter führe vermehrt zu Knochenbrüchen. Erwiesen ist hingegen, dass Milch wegen ihres hohen Kalziumgehalts die Knochendichte erhöht, was vor allem in jungen Jahren wichtig ist. Dies beugt, bei zusätzlich genügend Bewegung, einem späteren Knochenschwund (Osteoporose) vor.

Uneinheitlich ist das Bild bei Krebs. Nach heutigen Erkenntnissen senken Männer wie Frauen durch einen üblichen Verzehr von Milch und Milcherzeugnissen (aktuell in der Schweiz rund 350 Gramm pro Kopf und Tag) das Risiko, an Dickdarmkrebs zu erkranken – ebenso die Wahrscheinlichkeit, Bluthochdruck oder Diabetes zu entwickeln. Männer jedoch, die unübliche 1,2 Liter Milch oder mehr pro Tag trinken oder mehr als 140 Gramm Hartkäse täglich verspeisen, scheinen ein höheres Risiko für Prostatatumoren zu haben.

All diese Zusammenhänge hat das Karlsruher Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel unlängst in seinem Bericht «Ernährungsphysiologische Bewertung von Milch und Milchprodukten und ihren Inhaltsstoffen» dargelegt.

Selbstverständlich sollte bei einer nachgewiesen Kuhmilchallergie auf die Milch von Kühen, aber auch auf die recht ähnliche von Schafen und Ziegen verzichtet werden. In Europa reagiert etwa jedes 20. Kind allergisch auf Kuhmilch. Diese Allergie darf indes nicht mit der Unverträglichkeit von Milchzucker verwechselt werden (vgl. Kasten).

«Religiöse Züge»

Doch längst nicht alle, die meinen, Milchzucker nicht zu ver­tragen, sind wirklich laktose­intolerant. «Das Problem wird überschätzt», sagt Ernährungswissenschaftler Watzl. Manche unhaltbaren Ernährungsempfehlungen trügen quasireligiöse Züge; immer mehr Lebensmittel würden «frei von Gluten, Laktose oder sonst etwas» angeboten, weil dies angeblich gesünder sei. «Dabei haben wir heute so sichere Lebensmittel wie nie zuvor.»

Stattdessen, so der Wissenschaftler, prangerten selbst ernannte Ernährungsexperten nun andere Inhaltsstoffe an – «Stoffe, die schon immer drin waren». Hier würden Risiken konstruiert, die wissenschaftlich unsinnig seien. Watzl: «Da geht es um Ernährungsreligion – und um Geschäfte.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.08.2016, 13:19 Uhr

Kleines Milch-ABC

Der Konsum von Milch und Milchprodukten in der Schweiz betrug letztes Jahr laut Swissmilk, dem Verband der Schweizer Milchproduzenten, 120,1 Kilogramm pro Kopf. Dabei ist der Verbrauch von Trinkmilch rückläufig – gleichzeitig nimmt aber der Konsum von Milchmischgetränken und Pflanzendrinks zu, wie auch der Verzehr von Käse. Trotz sinkender Nachfrage bei der Trinkmilch ist es nicht einfach, bei den verschiedenen Arten den Überblick zu behalten. Die wichtigsten Milchsorten (nach Haltbarkeitsverfahren, Fettgehalt und Produktionsweise):

Rohmilch: Gibt es heute bloss noch ab Bauernhof (nicht kommerziell). Sie ist nur drei bis vier Tage haltbar und muss vor dem Konsumieren aufgekocht werden.
Pastmilch: Wird auf 72 bis 85 Grad erhitzt und homogenisiert (gleichmässige Fettverteilung).
Hochpastmilch: Wird auf bis 134 Grad erhitzt und homogenisiert. Gekühlt bis 24 Tage haltbar.
UHT-Milch: Wird auf 140 bis 150 Grad erhitzt und homogenisiert. Die Milch wird dadurch keimfrei und ist ungekühlt bis zu sechs Monate haltbar. Durch den Ultrahochtemperatur-Prozess verändert sich der Geschmack der Milch allerdings leicht.
Biomilch: Produktion nach biologischen Richtlinien, insbesondere stark eingeschränkter Einsatz von Kraftfutter. Biomilch ist meist pasteurisiert.
Fast alle diese Milchsorten sind als Vollmilch (Fettgehalt: 3,5 Prozent), Milchdrink (2,7), fettreduzierte Milch (1,5) und Magermilch (0,5) erhältlich. sae

Laktose-Intoleranz

Bei der Laktoseintoleranz wird das Verdauungsenzym Laktase nicht oder nur ungenügend produziert. Das Enzym ist nötig, um die Laktose (Milchzucker) in ihre Bestandteile zu spalten. Mangelt es an diesem Enzym, kann es zu Blähungen, Durchfall oder Bauchschmerzen kommen. Das Allergiezentrum Schweiz Aha geht davon aus, dass hierzulande rund 20 Prozent der Bevölkerung von einer Laktoseintoleranz betroffen sind. Bei Verdacht auf eine Intoleranz empfiehlt das Allergiezentrum eine medizinische Abklärung. Verunsicherte Leute können sich auch an die kostenlose Aha-Infoline wenden (031 359?90?50).

Laktoseintoleranz kann aber auch nur eingebildet sein, wie Magnus Heier in seinem Buch über medizinisch krank machende Scheinwirkungen beschreibt («Nocebo: Wer’s glaubt, wird krank», Hirzel-Verlag). Der deutsche Neurologe berichtet darin über eine Studie aus dem Jahr 2010: Diese ergab, dass bei einem Test keineswegs alle vermeintlich Laktoseintoleranten auch in Wirklichkeit keinen Milchzucker vertrugen – sie hatten es bloss angenommen. Noch erstaunlicher war, dass die Betreffenden bei einem Experiment typische Darmsymptome entwickelten, obwohl ihnen gar kein Milchzucker (wie angekündigt), sondern Glukose, ein Einfachzucker, gegeben worden war.

Der aber muss nicht mit dem Enzym Laktase gespalten werden und kann gar keine Symptome im Darm verursachen. Doch weil die angeblich Laktoseempfindlichen glaubten, die Unverträglichkeit aufzu­weisen, reagierte ihr Darm auch entsprechend – ein zwar absurd erscheinendes, in der Medizin aber überraschend häufiges Phänomen. wsch/sae

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