Das Fest der Exoten

Die 52. Solothurner Filmtage stehen im Zeichen des Fremden. Was das bedeutet, zeigen die Berner Filme «Usgrächnet Gähwilers» und «Unerhört jenisch» – mal komisch, mal dokumentarisch.

Heitere Abgründe des Bünzlitums: Ruth Schwegler und Philippe Nauer spielen ein Politiker Ehepaar im Berner Spielfilm «Usgrächnet Gähwilers».


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Immer diese anderen. Kommen illegal ins Land, feiern und musizieren, setzen Kinder in die Welt, die sie kaum ernähren können, und vertreiben sogar wackere Eidgenossen aus ihrem Eigenheim. So oder ähnlich würde es aussehen, wenn man die Berner Filme «Usgrächnet Gähwilers» und «unerhört jenisch» aus der Perspektive von xenophoben Bünzlischweizern erzählte – und in «Usgrächnet Gähwilers» ist genau das der Fall: Der Film von Martin Guggisberg beschreibt die Welt aus Sicht von gut situierten Berner Vorstadtlangweilern.

Zwei Bünzli geraten in Panik

Ralph und Therese Gähwiler bereisen gerne exotische Orte und ergötzen sich zu Hause an ihren eigenen Sprachhülsen. Aber dann hält die Exotik in der gepützelten Nachbarschaft Einzug, und zwar in Gestalt von Ngundu (David Wurawa). Der Sudanese ist quasi die Notlösung von Therese, denn laut Ralph muss «endlich der Buchs geschnitten werden». Worauf sich eins zum andern fügt: Ngundu fällt von der Leiter und verletzt sich mit der Motorsäge, das Paar gerät in Panik und versorgt den verletzten Flüchtling zunächst im Kraftraum, um ihn schliesslich in den Bündner Bergen auszusetzen. Ralph Gähwiler ist im Wahlkampf, da kann er keine Skandale wegen Schwarzarbeit brauchen.

Von Abgründen des Bünzlitums zu berichten, das ist die Lieblingsspielwiese des Berner Regisseurs Martin Guggisberg. Zuletzt hatte er Guy Krnetas Kurzgeschichte «Buumes» (2012) als Kurzfilm adaptiert. Und auch in «Usgrächnet Gähwilers» gehts ums Aushalten von mühsamen Situationen und nervigen Nachbarn. Kein Zufall, dass Guggisberg nach den Buumes nun auch die Gähwilers wieder mit Philippe Nauer und Ruth Schwegler besetzt hat.

Das passt, weil bei diesen Hasenfussfiguren nichts passt. Wie in einem Labor kann man Gähwilers zuschauen, wie ihr latent rassistischer Vertuschungsaktionismus aus dem Ruder läuft. Doch weil Ngundu zurückkehrt und das Paar für jedes neuerliche Problem einen Chrütlitee bereithält, resultiert daraus eine eigenartige Komik. Man könnte auch sagen: Martin Guggisberg ist der etwas behutsamere Matto Kämpf, jenem anderen Spiessbürgerexperten aus Bern. Über die abendfüllende Filmdistanz funktioniert das bei Guggisberg jedoch nur bedingt, da die Plumpheit der Figuren allzu oft auf die Handlung abfärbt. Da hätte es mehr Zuspitzung, mehr Tempo, mehr Irritation vertragen. Oder schlicht: mehr Matto Kämpf.

Der Stempel des Jenischen

Zur Konfrontation mit dem Fremden kommts auch in «Unerhört jenisch». Und auch in diesem Dokumentarfilm von Martina Rieder und Karoline Arn gehts um Berner, die in die Bündner Berge fahren – in diesem Fall nach Obervaz, wo die Familien Waser, Moser und Kollegger leben. Es sind ursprünglich jenische Familien, die seit Generationen Tanzmusik machen. Allerdings mögen heute nicht mehr alle über ihre jenischen Wurzeln sprechen. Zu tief hat sich die schmerzhafte Vergangenheit ins kollektive Gedächtnis eingefressen. Jenische wurden während Jahrzehnten unterdrückt und verfolgt, von Ärzten und Pfarrern als lasterhaft und verblödet gebrandmarkt. Die Aktion «Kinder der Landstrasse» nahm ihnen den Nachwuchs weg.

Stephan Eicher sucht im Film «Unerhört» Jenisch nach seinen Wurzeln

«Unerhört jenisch» ist nun aber weniger Anklage, sondern vielmehr Spurensuche. Prominentestes Aushängeschild des Films ist Stephan Eicher. Zusammen mit seinem Bruder Erich spürt der Berner Chansonnier seinen jenischen Wurzeln nach, verleiht dem in Songs wie «I weiss nid, was es isch» Ausdruck und wundert sich, weshalb man in seinem Elternhaus nie über Musik oder Herkunft sprach.

Das alles bringt dieser Film ans Licht – und verschweigt trotzdem einiges. Zwar zeigen die Berner Regisseurinnen Rieder und Arn, wie nahe die jenische Musik an der Schweizer Volksmusik gebaut ist und – vor allem – wie die Urheber, die keine Noten schreiben konnten, um ihre Rechte betrogen wurden.

Kritik am «Hudigääggeler»

Als aber einmal Kritik an der «Hudigääggeler»-Musik geübt wird, bleibt der Film erstaunlich kleinlaut. Es ist Christian Mehr, der Sohn von Schriftstellerin ­Mariella Mehr, der diese Kritik vorbringt. Er, der einst seiner Mutter weggenommen wurde und schwerste Verbrennungen erlitt, versteht nicht, warum die Jenischen heute gerade jene Musik spielen, die er ihren Unterdrückern zuordnet. Eine vielversprechende Spur, der man hätte nachgehen müssen. Aber vielleicht sparen sich die Regisseurinnen, die sich seit langem mit Jenischen beschäftigen, dieses Thema für einen nächsten Film auf.


«Usgrächnet Gähwilers»:Ab 26. Januar im Kino. Premiere in Bern mit Cast und Crew im Kino Club (26. 1., 20.30 Uhr). «Unerhört jenisch»:Ab 2. Februar im Kino. Premiere in Bern mit Regisseurinnen und Musikern im Kino Rex (2. 2., 18.30 Uhr).
(Berner Zeitung)

Erstellt: 23.01.2017, 10:23 Uhr

Aufsteigerin: Liliane Amuat

Gestern erhielt sie in Solothurn den Fernsehfilmpreis als beste Nebendarstellerin in «Lotto»: Liliane Amuat, die in dieser Komödie dem todkranken Vater vorgaukelt, er habe Millionen gewonnen, ist der Shootingstar der Saison. Und die 27-jährige Zürcherin hat noch weitere Eisen im Feuer: In «Der Frosch» (Bild) spielt sie die chaotisch-sympathische Muse eines krisengeschüttelten Schriftstellers, in «Skizzen von Lou» wandelt sie als romantische Träumerin durchs Leben. Für beide Rollen könnte sie am Mittwoch eine Nomination für den Schweizer Filmpreis ergattern. Da es nur acht Anwärterinnen für die beste Hauptdarstellerin gibt, ist anzunehmen, dass Amuat locker durchmarschiert.

«Lotto»: 25. 1., 20.45 Uhr, Reithalle, Solothurn. TV-Ausstrahlung: 12. 2., 20.05 Uhr, SRF 1. «Der Frosch»: Heute, 17.45 Uhr, Reithalle, Solothurn. Ab 23. 3. im Kino. «Skizzen von Lou»: Ab 2. 2. im Kino.

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