Die Wohnung wird zum Hotel
Von Mathias Born. Aktualisiert am 17.09.2012 5 Kommentare
Hotellerie
Konkurrenzieren die Amateure die Hotelprofis? «Nein», sagt Thomas Allemann, Mitglied der Geschäftsleitung von Hotelleriesuisse. «Der semikommerzielle Bereich ist noch verschwindend klein.» Zudem sprächen solche Angebote eine ganz bestimmte Gruppe Menschen an: vorab solche, die auf sozialen Netzwerken wie Facebook aktiv seien und die sich vor einer Buchung lieber durch Kommentare anderer Gäste ackerten, als sich auf eine standardisierte Sterneklassierung zu verlassen. «Viele Reisende suchen zwar tatsächlich ein Heim fern von zu Hause», sagt er. Ebenso wichtig sei den meisten aber ihre Privatsphäre. «Wenn man sich hingegen bei einer Privatperson einquartiert, ist es schwierig, sich abzugrenzen.»
Angebote, wie sie auf Airbnb, Wimdu und 9flats zu finden seien, seien deshalb für die Hotellerie eher eine Ergänzung als eine Konkurrenz, sagt Thomas Allemann. Und eine Bereicherung: «Vielleicht spornen besonders gelungene Angebote Hoteliers an, noch persönlicher zu werden, die Zimmer noch individueller zu gestalten oder stärker auf soziale Medien zu setzen.»
Franziska deutet auf eine Bleistiftzeichnung an der Pinwand. «Eine Künstlerin, die mal hier logierte, hat Lisbeth gezeichnet», erzählt sie. Dann führt sie weiter durch ihr Reich, zeigt das kleine Wohnzimmer mit dem Schlafsofa und dem grossen Fernsehgerät, in dem jeweils ihre Gäste logieren, und die Küche mit dem alten Schrank, dem hölzernen Tisch und natürlich dem Kissen, auf dem Lisbeth schläft, die Hündin.
Franziska vermietet ihr Wohnzimmer auf Airbnb, einer Onlineplattform zur Vermittlung von Privatunterkünften. Das Bad und die Küche teilt sie jeweils mit den Gästen. Diese bezahlten fürs kleine Zimmer etwas mehr als für ein Bett in der Jugi, aber weniger als für eine Nacht in einem Hotel.
Wichtiger als das Geld sei ihr aber das Soziale, sagt Franziska beim Gespräch am Küchentisch: «Ich lernte dank der Vermietung spannende Leute aus unterschiedlichen Kulturkreisen kennen.» Sie erzählt, wie asiatische Gäste oft frühmorgens loszögen, um am Tag nicht nur einen Berg zu erobern, sondern gleich noch zwei, drei Städte. Sie berichtet von zwei Amerikanern, die tagelang in der Wohnung abhängten, von älteren Thailändern, die mangels Englischkenntnissen mit Händen und Füssen kommunizierten, und von Deutschen, die für Fachkongresse nach Bern kamen und eine günstige Unterkunft brauchten. «Ich habe dank der Vermietung viele spannende Diskussionen geführt», sagt Franziska. Und mit einem Schmunzeln fügt sie an: «Und ich habe etliche Fondues gekocht.»
Sozialer reisen
Immer mehr Leute steigen auf Reisen nicht in Hotels ab. Stattdessen buchen sie eine Unterkunft über Websites wie Airbnb, Wimdu oder 9flats. Manche tun dies aus Kostengründen. Die meisten aber erhoffen sich einen Einblick ins Alltagsleben und Insidertipps. In einer Privatwohnung ergeben sich die Kontakte zu Einheimischen fast von selbst – anders als beim Aufenthalt im Hotel. «Auf meiner eigenen Weltreise hatte ich den Hotel- und Hostelgroove irgendwann mal satt», sagt Franziska. So ergehe es auch vielen ihrer Gäste. «In einer normalen Wohnung fühlt man sich eher zu Hause.» So zu reisen, brauche eine gewisse Offenheit, räumt sie ein: Man muss sich aufs Gegenüber einlassen, Rücksicht nehmen, gerne Gespräche führen. Und: Man muss das Bad mit fremden Leuten teilen.
Baumhaus, Hausboot, Iglu
Auf Plattformen wie Airbnb, Wimdu und 9flats werden indes längst nicht nur Einzelzimmer angeboten, sondern teils auch ganze Wohnungen. Zudem ist ein Trend zu exklusiven oder speziellen Übernachtungsmöglichkeiten auszumachen: Von mit Designermöbeln ausgestatteten Wohnungen über Zimmer in Schlössern und Kunstateliers bis zu Baumhäusern, Hausbooten und Iglus findet man dort alles.
Eugen Miropolski hat diverse Unterkünfte ausprobiert: Der Verantwortliche für Zentral- und Osteuropa der US-Plattform Airbnb logiert seit einigen Monaten ausschliesslich in fremden Wohnungen. Bei vielen Vermietern laufe das Geschäft sehr gut, sagt er – insbesondere in der Schweiz, einem der am schnellsten wachsenden Märkte, wo es noch zu wenige Anbieter gebe.
Kopie einer alten Idee
Schon seit Jahren vermitteln Portale wie Hospitalityclub und Couchsurfing kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten. Sind Airbnb und Wimdu, die aktuellen Überflieger, also bloss ein kommerzialisierter Abklatsch? Das Konzept hinter Airbnb sei nicht neu, räumt Eugen Miropolski ein. «Wir sind allerdings die ersten, die das Buchen einer privaten Unterkunft so einfach und sicher machen wie eine Hotelbuchung.» Zudem spreche Airbnb eine andere Zielgruppe an: «Menschen, die mehr Auswahl, mehr Komfort oder Style suchen, auf eine individuelle Unterkunft aber nicht verzichten wollen.»
Ähnlich argumentiert Nikola Günther, Pressesprecherin des Portals Windu aus Deutschland: «Wir kombinieren die Annehmlichkeiten eines Hotels mit den Social-Community-Vorteilen von Couchsurfing.» Der Gast erhalte eine sichere Unterkunft und mit der Bezahlung gewisse Rechte. «Er weiss genau, worauf er sich einlässt.» Die Nutzergruppe sei breit. «Von Studenten und Pärchen, die ein WG- oder Gästezimmer vermieten, bis zu Senioren, die die Räume ihrer Kinder freigeben, machen alle mit.»
Kommentare im Zentrum
Zurück am Küchentisch in der Berner Wohnung: Nein, Angst habe sie wegen einer Vermietung noch nie gehabt, sagt Franziska, die alleine in ihrer Wohnung lebt – «und auch noch nie ein komisches Gefühl». Schliesslich versichere sie Airbnb gegen Sachschäden. Zum Schutz der Gastgeber wie der Gäste werde das Geld erst während des Aufenthalts überwiesen. Wichtiger sei aber auch hier das Soziale: Bevor sie vermiete, lese sie, was andere über die Person geschrieben hätten. Allein reisende Männer, die keine Kommentare und keine Verifizierung haben, bleiben aussen vor. Und auch, wer schlechte Kommentare geerntet hat.
Alles lässt sich aus den Kommentaren indes nicht herauslesen. «Ob das Zwischenmenschliche stimmt, merkt man erst an der Haustür – das ist quasi der Blinddatemoment», sagt Franziska und lacht. Manchmal stimme die Chemie nicht. Dann vermiete sie halt einfach ein Zimmer. «Manchmal passt aber alles. Dann ist die Vermietung unterhaltsam, spannend und bereichernd – kurz: eine Supersache.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 17.09.2012, 11:35 Uhr
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5 Kommentare
Auch wir vermieten im Raum Bern via Airbnb. Franziska ist uns als sehr beliebte Mitanbieterin bekannt. Ihre Aussagen kann ich voll und ganz bestätigen. Wichtiger als der "Zustupf" sind die Gästen selbst und die Anektoden: So durfte ich spätabends den Brems-Seilzug am Rollstuhl eines Gastes reparieren, der am nächsten Tag nach London zu den Paralympics weiterreiste. Welches Hotel kann das? Antworten
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