Das nutzloseste Kleidungsstück

Der Ursprung der Krawatte ist der Schal, und den gibt es schon eine halbe Ewigkeit. Die hohe Zeit der Krawatte ist zwar passé, doch totzukriegen ist sie nicht. Am Dienstag war Tag der Krawatte. Allerlei über ein nutzloses Kleidungstück.

Oliver Weisbrod, CEO der Weisbrod-Zürrer AG, zeigt im Video, wie man den Klassiker "Four in Hand" bindet.
Video: Martin Burkhalter

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Die Krawatte. Eines der nutzlosesten Kleidungstücke überhaupt, ein oft unbeliebtes und noch dazu unbequemes. Und doch hält sich der Schlips als modisches Accessoire seit einer halben Ewigkeit. Nein, die Krawatte ist nicht totzukriegen.

Der 18. Oktober ist Welttag der Krawatte. Der wird besonders in Kroatien mit grossen Werbeaktionen gefeiert. Der Grund: Kroatische Soldaten waren es, die erstmals etwas Ähnliches wie eine Krawatte als Accessoire zu ihren Uniformen trugen. Hier geht es zur Geschichte der Krawatte.

Eines ist klar: der Schlips hat nicht mehr die Bedeutung wie früher. Nicht einmal mehr alle Regierungschefs tragen heute noch einen. Etwa der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras verzichtet meist darauf. Im hiesigen Ständerat ist sie zwar noch Pflicht, im Nationalrat drückt man neu gerade im Sommer schon mal ein Auge zu.

Und auch in der Schweizer Wirtschaft muss es nicht immer ein Schlips sein. In der Zürcher Handelskammer würden gut zwanzig Prozent der Anwesenden zwar immer noch konservative Anzüge tragen, aber die Krawatte zu Hause lassen.

Das sagt Oliver Weisbrod, CEO der Weisbrod-Zürrer AG aus Hausen am Albis, einer der wenigen Firmen, die Krawatten noch in der Schweiz nähen. Oliver Weisbrod führt das Unternehmen bereits in der sechsten Generation.

Noch fünf Prozent

Die Krawatte macht gut fünf Prozent des Umsatzes aus. Den Rest erwirtschaftet Weisbrod-Zürrer mit Stoffhandel, eigenem Stoffladen und Liegenschaften. War der Schlips jahrelang ein wichtiges Standbein des Unternehmens, werden heute nur noch gut 10 000 Stück produziert. Im Detailhandel sind die Weisbrod-Krawatten nicht mehr erhältlich – nur im Direktverkauf im Onlineshop und in den eigenen Läden. Zu teuer sei man im Vergleich zu jenen aus China.

Heute beliefert Weisbrod-Zürrer vor allem noch Grossbanken, Airlines, Versicherungsgesellschaften. «Überall dort, wo Seriosität ausgedrückt werden soll, kommt die Krawatte noch zum Zug», sagt Oliver Weisbrod. Auch er selber trage sie fast nur noch zu geschäftlichen Anlässen.

Das soll aber nicht heissen, dass ihn das traditionsreiche Kleidungstück nicht interessieren würde. Für diese Zeitung hat er die gängigsten Knoten gebunden. Hier zeigt Oliver Weisbrod den äusserst beliebten «Doppelten Windsor»:

Die Vaterschaft dieses Knotens wird König Edward VIII. zugeschrieben, der nach seiner Abdankung 1936 von seinem jüngeren Bruder zum Herzog von Windsor ernannt wurde. Dass Edward der Erfinder dieses Knotens von «vollendeter» Würde sein soll, ist jedoch umstritten, da Bilder existieren, die seinen Vater, George V., zeigen, auf denen dieser mit einem konisch geformten Knoten zu sehen ist, der dem heutigen Windsor sehr ähnlich sieht. Wie dem auch sei. Dieser Knoten mit seinen Varianten wie dem doppelten, dem einfachen und dem halben Windsor erfreut sich bis heute grosser Beliebtheit.

Ein weiterer Royaler Knoten: der «Prince Albert»

Dieser Knoten ist auch als «doppelter Einfacher» bekannt, da das breite Ende zweimal um das schmalere geschlungen wird. Wie es der Name schon sagt, erfand man diesen Knoten zur Zeit Prinz Alberts von England. Der doppelte Einfache sollte vor allem den schmalen Krawatten aus leichtem Stoff einen kräftigeren Knoten geben. Er wirkt voluminöser, weil er sich durch die doppelte Windung etwas in die Länge entwickelt. Er passt daher gut zu Hemden mit läng­lichem Kragen.

Topmodern und ganz einfach: der «Champ»

Der Schal ist der Vorläufer der Krawatte. Vor rund dreissig Jahren wählten Männer öfters einen Rollkragenpullover mit Schal anstelle von Krawatte und Hemd. Doch dies blieb nur eine Modeerscheinung. Eine Variante, einen Schal zu binden, nennt sich Champ. Dabei werden beide Enden des Schals von der mit der Schalmitte geformten Schlinge gehalten. Für Oliver Weisbrod gibt es keinen Grund, nicht auch eine Krawatte in diesem Stil zu binden. Ein sehr einfacher, schneller und topmoderner Krawattenknoten.

Keine Revolutionen

Beim Besuch im Lernwerk, einem Arbeits­integrationsprojekt in Turgi, wo die Krawatten genäht werden, erzählt er allerlei über das unliebsame Kleidungsstück.

Etwa, dass seit der Bankenkrise 2008 die Verkäufe zurückgegangen sind, weil die Krawatten mit gierigen Bankern in Zusammenhang gebracht werden. Oder, dass sowohl eine Renaissance mit neuen Designs gescheitert ist und auch Revolutionen bisher ausblieben. «Es ist schwer, ein konservatives Produkt neu zu erfinden», erklärt Weisbrod. Krawatten mit Clipper haben sich so wenig durchgesetzt wie moderne Schnitte. «Viele Jungunternehmer sind auf mich zugekommen und wollten etwas Neues versuchen», sagt Weisbrod. «Das hat aber alles nicht geklappt.»

Die Psychologie des Schlipses

Vorbei sind die Zeiten, als in Zeitungsberichten über Politiker noch die Farbe der Krawatte erwähnt wurde, um aufzuzeigen, welche Strategie der jeweilige Politiker wohl im Sinn hatte. «Die ganze Farbenpsychologie der Krawatte ist heute nicht mehr wichtig», sagt Weisbrod. «Aber früher, als alle die gleichen dunkelblauen, schwarzen oder grauen Anzüge trugen, war die Farbe der Krawatte wichtig.

Oliver Weisbrod, CEO der Weisbrod-Zürrer AG

Rot galt als kompromisslos, blau als kompromissbereit.» Auch die Muster auf der Krawatte hatten ihre Bedeutung. Punkte sagten Genauigkeit aus, karierte Schlipse Fortschrittlichkeit, Streifen standen für Gradlinigkeit. Apropos Streifen. In Europa gehen die Streifen von links unten nach rechts oben. In den USA aber ist es gerade umgekehrt. «Ich glaube, die Amerikaner wollten sich auch bei der Krawatte von der alten Welt emanzipieren.»

Ja, die hohe Zeit der Krawatte ist vorüber. Politiker können sich heute anders profilieren, und jene Jahre, als das Ausziehen einer Krawatte noch als erotischer Akt wahrgenommen wurde, wie das Anfang des 20. Jahrhunderts eine Engländerin beschrieb, liegen auch weit hinter uns. «Nein, die Krawatte hat keine Funktion», sagt Weisbrod zum Schluss. «Aber immer noch: Überall dort, wo es wichtig ist, wird sie ge­tragen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.10.2016, 12:24 Uhr

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Zwei weitere Knoten:

Der «Onassis»:



Die Erfindung dieses Knotens wird häufig dem griechischen Reedereikönig Aristoteles Onassis zugeschrieben. Ob wirklich er es war, der ihn erfunden hat, ist nicht geklärt. Klar ist jedoch, dass er ihn in New Yorker Bankkreisen und in der mondänen Welt von St. Moritz und Montecarlo berühmt gemacht hat. Seine Entstehungszeit liegt daher wohl in den 1950er-Jahren. Bei diesem speziellen Knoten bekommt die Krawatte durch das Überwerfen des vorderen Teils über den Knoten ein sehr wuchtiges Aussehen. Der Onassis-Knoten wurde übrigens auch schon am verstorbenen Libyschen Diktator Muammar al-Ghadhafi gesehen.

Der «Big Ben»:



Dieser Knoten zeigt am ehesten auf, woher die Krawatte eigentlich kommt. Ihre Vorgänger waren Schleifen und Ascots, die sogenannten Krawattenschals mit viel Stoff, die voluminös um den Hals getragen wurden. So um 1850 ging die Mode in Richtung der heutigen modernen Schlipse, in Richtung Langbinder. Anfänglich glaubte man aber, auch die Krawatte müsse den gleichen breiten Raum unter dem Kinn einnehmen wie die Ascots. Zudem war der Stoff noch viel schwerer und nicht so geschnitten wie heute. Big Ben – eines der ersten Exemplare der nouvelle vague jener Zeit.

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