Die wahren Choreografen des Modetheaters
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 26.01.2010
Ist ebenso berühmt wie die Celebritys, die sie einkleidet: Rachel Zoe. (Bild: Keystone)
Verhalf Gucci zu einem phänomenalen Comeback: Carine Roitfeld. (Bild: Reuters)
Heutzutage haben sie ja alle einen. Oder vielmehr: eine. Cate Blanchett und Penélope Cruz und Britney Spears und, man würde es vielleicht nicht vermuten, Lady Gaga auch. Sie alle beschäftigen eine Stylistin. Also jemanden, der ihnen sagt, was sie anziehen sollen, wobei das bei Lady Gaga nicht nur eine Person ist, sondern gleich eine ganze Gruppe, nämlich «The Haus of Gaga», die sich um nichts anderes kümmert als das Erscheinungsbild der Chefin. Erstaunlich ist das nicht: Image ist alles.
Und dafür, dass das richtig rüberkommt, sorgt die Stylistin. Sie kennt die richtigen Marken, verhindert modische Fauxpas, die schon beim Tragen einer Tasche aus der letzten Saison beginnen, sorgt für die richtige Frisur in eben jenem Honigblond, das gerade als chic gilt, kurz, sie kreiert einen sogenannten Look. Und da wird nichts dem Zufall überlassen, selbst wenn Stars und Sternchen auf vermeintlichen Paparazzo-Bildern bloss Leggings, eine Lederjacke und einen Stoffbeutel tragen, ist das Ganze von Kopf bis Fuss durchdacht.
Austauschbare zu Stars gemacht
Die Stylistin Rachel Zoe hat so Lindsay Lohan und Nicole Richie berühmt gemacht; beide wurden von Zoe auf das in Hollywood geltende klapperdürre Schönheitsideal getrimmt. Sie steckte die beiden in flatternde Bohème-Kleider, verpasste ihnen übergrosse Sonnenbrillen und liess ihr Haar kunstvoll zerzausen. Zoe selbst wurde dank des Kunststücks, zwei mehr oder weniger austauschbaren Starlets zur Berühmtheit verholfen zu haben, selbst zu einer solchen, sie verfasst heute Stil-Ratgeber und hat eine eigene Fernsehsendung in den USA.
Trotz ihrer beeindruckenden Karriere gilt Rachel Zoe nicht als Visionärin. In der Branche heisst es, dass nur «Personal-Shopper» wird, wem es nicht gereicht habe für einen Job bei einem stilprägenden Magazin. Denn tatsächlich, dort, bei der Avantgarde des Prints, sind sie zu finden, die wirklichen Choreografen der Mode. Es sind längst nicht mehr die Designer, die das Modebild einer bestimmten Zeit prägen, es sind die Stylisten. Sie werden deshalb von den Modehäusern engagiert, um Stoffe und Skizzen zu beurteilen, oder sind verantwortlich für die Kampagnen, die dann weltweit zu sehen sind.
Eine Welt mit Style komponieren
Mit ihrem untrüglichen Auge definieren sie das, was wir schön finden, sie komponieren mit Kleidern, Accessoires und Make-up ein Bild, eine Fantasie, eine Welt. Das kann poetisch sein oder radikal, je nachdem, welche Strömung sie gerade wittern. Mal ist es eine Kurzhaarfrisur, die weltweit für Furore sorgt, mal unverhohlener, dampfender Sex. Manchmal sind es Kleinigkeiten wie ein hochgekrempelter Ärmel eines Männer-T-Shirts, der dem nicht geschulten Auge kaum auffällt. Das Tempo in der Mode hat sich derart beschleunigt, dass Designer ohne sie verloren wären, zudem sind sie in ihrer Arbeit oft isoliert; die Stylisten fungieren deshalb als ihre Aussenstationen, ihre Seismografen, ausgerüstet mit allerfeinsten Antennen, mit denen sie erkennen, was kommt.
Und wenn jemand richtig gut ist, den Nerv der Zeit spürt oder – noch besser – ihm voraus ist, dann kann ein solcher Stylist eine Firma gar vor dem finanziellen Ruin retten, wie das Carine Roitfeld, die heutige Chefredaktorin der französischen «Vogue», 1995 zusammen mit Kreativchef Tom Ford bei Gucci schaffte. Als Beraterin von Ford – oder als seine «Muse», wie er es damals nannte – hauchte sie dem verstaubten Label neues Leben ein, als es in die Bedeutungslosigkeit zu versinken drohte: Der von ihr kreierte Look – wilde Mähnen, dunkel umrandete Augen, schmale, auf der Hüfte getragene Samthosen – traf derart den Nerv der Zeit, dass Gucci mit einem Mal wieder als sexy und als sehr, sehr cool galt. Image ist eben alles.
Ziemlich viel Macht
Richtig gute Stylisten haben also ziemlich viel Macht; dass sie Tageshonorare von bis zu 8000 Dollar verlangen können, überrascht nicht. Beherrschen sie ihr Metier, dann sind sie für ihre Auftraggeber in jedem Fall lukrativ. Das hat auch Lady Gaga verstanden: Ohne ihren Stylisten Nicola Formichetti, hauptberuflich Kreativdirektor des Magazins «Dazed & Confused» sowie Modechef der «Vogue Hommes Japan», wäre die Sängerin bloss eine unter vielen, weder ihre Stimme noch ihre Musik wären gross genug, um für jene Aufmerksamkeit zu sorgen, die ihr nun sicher ist, wenn sie vor der Queen in einem roten Latex-Kostüm knickst. Formichetti hat sie regelrecht als Produkt oder vielmehr als Gesamtkunstwerk lanciert.
Der Effekt der gekonnten Inszenierung wird sich bei einer Musikerin zwar irgendwann totlaufen, dennoch sind gute Stylisten in der Lage, ganze Epochen zu prägen. Wie das zum Beispiel Katie Grand tat oder vielmehr immer noch tut. Sie ist eine der ganz Grossen der Branche, arbeitete früher für Marc Jacobs, Louis Vuitton, Dior Homme und Prada. 1991 gründete die Engländerin zusammen mit dem Fotografen Rankin und dem Journalisten Jefferson Hack, dem Vater von Kate Moss' Tochter, das Magazin «Dazed & Confused». Mit Grands Handschrift, dieser unwiderstehlichen Londoner Mischung aus Musik (Katie Grands Ex-Freund ist Pulp-Drummer Steve Mackey), erfrischender Nachlässigkeit und Luxusmode, die auf den Boden geholt wird, indem die Models beispielsweise Pizza essen, prägte das Heft die Neunziger; zehn Jahre später lancierte sie «Pop», das wieder dieselbe Funktion hatte, und natürlich bekam Grand Madonna problemlos als Covergirl, «Pop» galt als Ikone, Grand sowieso.
Eigenes Magazin als Spielwiese
Mittlerweile verfügt sie über so viel Einfluss, dass ihr der Verlag Condé Nast ein eigenes Magazin zur Verfügung stellte, und das in einer Zeit, in der aus dieser Branche hauptsächlich widersprüchliche Meldungen zu vernehmen sind. «Love» heisst es und ist momentan die Bibel der Modewelt, nicht nur wegen seines Umfangs (sprich: wegen der vielen Anzeigen), sondern vor allem deshalb, weil es eine einzige Spielwiese für Grand ist. Mode, findet sie, dürfe nicht mehr elitär sein, und so kommt «Love» mit einer geballten Ladung Lebenslust daher; dagegen wirkt die amerikanische «Vogue», deren Einfluss unter Chefredaktorin Anna Wintour stets gebetsmühlenartig betont wird, banal in ihrer Sterilität. «Love» erschien zum ersten Mal im Frühling 2009, war umgehend ausverkauft und zeigte auf dem Titel eine nackte Beth Ditto, die schwergewichtige Sängerin der US-Band The Gossip. Im Editorial philosophierte Grand über die Perfektion in der Modewelt und darüber, dass sie davon zu Tode gelangweilt sei. Grand war der Zeit voraus, einmal mehr: Fast alle Modemagazine, die etwas auf sich halten, haben in der Folge Fotostrecken mit Übergewichtigen gezeigt, Grand hatte die Dicken salonfähig gemacht.
Das macht sie aus, die wahren Stylisten: dieses undefinierbare Gefühl für ein Ding namens Zeitgeist, das man nirgends lernen kann und auf das die Designer so dringend angewiesen sind, weil nichts in der Mode so tödlich ist, wie das zu verpassen, was in der Luft liegt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.01.2010, 13:26 Uhr



