Der Bart hat viele Gesichter

In den Städten gibt es mittlerweile mehr Bärte als Büsche, und auch auf dem Land sind die Männer verrückt nach Gesichtsbehaarung. Wer kann, lässt wuchern – Schnäuze und Bärte liegen mehr denn je im Trend.

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Seit dem vergangenen Wochenende trägt Madison Rowley offiziell den schönsten Bart der Welt. Der vermutlich junge Amerikaner – durch seinen voluminösen Vollbart ist das Alter schwer zu erkennen – schwang bei der diesjährigen Bart-Weltmeisterschaft in Portland im US-Bundesstaat Oregon obenaus. Und schrieb damit das jüngste Kapitel in der Geschichte des Gesichtshaarwuchses.

Altherren und Rebellen

Man möchte es nicht glauben, doch er Wirbel um die Haarpracht ist berechtigt. Schliesslich hat der Bart eine höchst spannende Vergangenheit und eine immerwährende Relevanz in der Menschheitsgeschichte. Wenn die üppige Pracht gerade nicht als Statussymbol der Mächtigen galt, so war sie das Merkmal der schmutzigen und verlausten Nichtsnutze. Manchmal waren es die Politiker, die Bart trugen, manchmal die Künstler. Und eine Zeit lang galt die Gesichtsbehaarung als ein Ausdruck von Väterlichkeit, während sie bald darauf von den jungen Wilden als ein Zeichen der Rebellion gegen alles Altherrenhafte getragen wurde.

Egal, welche Bedeutung die Gesellschaft ihm zuschreibt: Der Bart ist ein Statement. Die Gruppenzugehörigkeiten oder Ideologien, die man den Männern zuweilen vom Bart ablesen konnte, haben sich mit den Jahrhunderten stetig verändert. Wichtig war aber immer: Hinter diesem Dickicht versteckt sich (je nach Bartform) ein Revoluzzer, ein Blaublüter, ein eleganter Geschäftsmann, ein Bergler oder ein kreativer Geist. Heute ist das anders. Viele moderne Männer tragen den Bart nicht, um zu zeigen, wer sie sind. Sie sind jemand, weil sie einen Bart tragen. Sie lassen sich ihre Identität quasi wachsen.

Die Rede ist von jenen Männern, die mit ihren engen Hosen den Haarwuchs an den Beinen unterbinden und die Fäden stattdessen zum Gesicht rausquellen lassen. Genau, von Hipstern, die den Bart tatsächlich noch immer als Zeichen für Individualität und Trendbewusstsein wähnen, obwohl sich die Haare längst zu einer Matte verwoben haben und der einzelne Träger kaum mehr zu erkennen ist.

Amüsante Essays

Weil der Bart so omnipräsent ist, haben der in Bern lebende Kunstwissenschaftler, Journalist und Musiker Jörg Scheller und sein Kollege Alexander Schwinghammer in ihrem Buch «Anything Grows» interessante und nicht minder amüsante Essays zur Geschichte, Ästhetik und Bedeutung des Bartes zusammengetragen. Neben historischen Fakten und einer Chronik zur Bedeutungsveränderung von Gesichtsbehaarung dreht sich das Kapitel «Avantbart» um die Geschichte des Vollbarts in der Popmusik. In «Das Monster unter meiner Nase» steht dagegen ein Selbstversuch im Mittelpunkt, bei dem sich der Autor mit Hitler-Bart durch den Alltag kämpfte.

Nichts für Frauen

Besonders lesenswert ist auch der Text «Die Unerträglichkeit des Frauenbartes». Der Bericht zeigt auf, wie den gesichtsbehaarten Frauen gewissermassen das Recht auf den Bart, das «Symbol männlicher Dominanz gegenüber Nicht-Männern», entzogen wurde. Wie der weibliche Oberlippenflaum vom Auswuchs der Natur zum Zeichen von Hässlichkeit und Armut und irgendwann gar zum Karrierehindernis gemacht wurde.

Lustige Ideen

So sei der Spass am Bart und dessen unendlichen Tragvarianten den Männern gegönnt. Haben sie doch so viele lustige Ideen, wie sich die Stoppel und Strähnen immer neu stutzen, kämmen und formen lassen. Ob «Fu Manchu», der Oberlippenbart mit dünnen senkrechten Streifen zur Rechten und Linken des Mundes, oder «Schifferkrause», der struppige Kinnvorhang à la Abraham Lincoln: Die Geschichte um den Bart und seine Träger bleibt weiterhin im Wachstum.

(Berner Zeitung)

(Erstellt: 31.10.2014, 11:53 Uhr)

Charity-Aktion Movember

Temporäre Schnauzträger für einen guten Zweckmovember

Die Idee entstand im Pub. 1999 dachten sich ein paar junge Australier beim Biertrinken in Adelaide den Movember aus: Männer lassen sich im November einen Schnauz (Moustache) wachsen und sammeln Geld für Charity-Zwecke. 2004 wurde die Bieridee in Melbourne erstmals zur Prävention von Prostatakrebs genutzt. Seither gibt es kein Halten mehr für die Temporär-Schnauzträger.

In der Schweiz machten im letzten Jahr rund 5600 Männer mit, weltweit fast eine Million. Die Movember-Stiftung, die nun jährlich zum Schnauztragen aufruft, finanziert momentan mehr als 800 Programme in 21 Ländern und ist damit nach eigenen Angaben zur weltweit grössten Organisation avanciert, welche sich für die Gesundheit von Männern einsetzt.Insgesamt wurden bisher über 530 Millionen Franken gesammelt, um auf die Gefahren von Prostata- und Hodenkrebs aufmerksam zu machen und die Krebsforschung mit Spenden zu unterstützen.

In diesem Jahr unterstützt die Stiftung unter anderem eine Forschungsstudie in der Schweiz und in Frankreich mit 1,8 Millionen Franken. Ziel dieser Studie ist die Entwicklung von Behandlungsmethoden, die für Männer mit fortgeschrittenem Prostatakrebs schnell und günstig verfügbar sind. Prostatakrebs ist die häufigste Krebsart bei Männern, jährlich erkranken in der Schweiz insgesamt rund 7800 Menschen.

Die Movember-Regeln sind simpel: Glatt rasiert in den November starten, 30 Tage lange einen Schnurrbart wachsen lassen und pflegen (Vollbart zählt nicht!), die Macht des Schnurrbarts dazu nutzen, für die Sache Geld zu sammeln. Und schliesslich, so die letzte Regel auf Movember.com: Jeder «Mo Bro» sollte sich immer und überall wie ein Gentleman verhalten.

Auf der Website kann man sich oder das Büro oder auch den ganzen Verein registrieren und einen eigenen «Mo Space» einrichten und die Entwicklung des Schnauzes dokumentieren. Und im Style-Guide Inspiration finden. Denn Schnauz ist nicht gleich Schnauz. Unser Favorit: der Boxcar.

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