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Tibet: eine Himmelsbahn, zwei Welten

Von Michael Hug. Aktualisiert am 27.01.2012

Peking treibt die touristische Entwicklung Tibets voran. Das erhöht einerseits den Lebensstandard in der chinesischen Provinz – und verdrängt andererseits nach und nach die alte tibetische Kultur.

Zwischen der tibetischen Hauptstadt Lhasa und dem Namtsoe-See.

Zwischen der tibetischen Hauptstadt Lhasa und dem Namtsoe-See.
Bild: Michael Hug

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Wehende Gebetsfahnen in weiter Berglandschaft. Friedliche Mönche und Pilger mit Gebetsmühlen. Sonnengegerbte Bauern in farbenfrohen Gewändern. Verbiesterte Chinesen in den Büros der Administration. Bis an die Zähne bewaffnete Soldaten vor den Tempeln der Buddhisten. So stellen wir uns Tibet vor. Und genau so ist es. Noch. Am frühen Morgen, wenn in der tibetischen Hauptstadt Lhasa die ersten Sonnenstrahlen auf den wuchtig himmelwärts strebenden Potala-Palast fallen, ist spürbar, wie lebendig der buddhistische Glaube zumindest bei den älteren Tibetern noch ist. Ein nie abreissender Strom von traditionell gekleideten Pilgern, viele in Begleitung ihrer Hunde, umrundet schweigend und andächtig den monumentalen Sitz der Dalai Lama im Uhrzeigersinn. Gerüche von Yakbutter und brennenden Kräutern wehen aus kleinen Felsnischen. Nur ab und zu trägt der Wind martialisches Gebrüll über die friedliche Szenerie. Es kommt vom Morgendrill aus nahen chinesischen Kasernen. In Sichtweite des Pilgerstroms stehen auf erhöhten Podesten in dicke Mäntel verpackt blutjunge chinesische Soldaten stramm und halten Wache.

3300 Schweizer

Solche Gegensätze begleiten Tibet-Touristen auf Schritt und Tritt. Lhasa besteht aus einer tibetischen Altstadt und einer chinesischen Neustadt. Es ist das politische und religiöse Zentrum der teilautonomen chinesischen Provinz Tibet. Hier, auf 3600 Metern über Meer, leben nach offiziellen chinesischen Angaben 90 Prozent Tibeter und 10 Prozent Han-Chinesen. Nach inoffiziellen tibetischen Angaben sind es 60 Prozent Chinesen und 40 Prozent Tibeter. Dazu kommt eine jährlich um 30 Prozent wachsende Zahl von Touristen. 2010 waren es 6,8 Millionen. Hauptsächlich Chinesen. Nur 230'000 stammten aus anderen Ländern. 3300 Touristen kamen aus der Schweiz. Die Entwicklung des Tourismus ist ein wichtiger Pfeiler der chinesischen Entwicklungspolitik für das rückständige Bergland. Die Erfolge sind spektakulär.

Der Lebensstandard der Bevölkerung verbessert sich in grossen Schritten. Die Erschliessung der Siedlungsgebiete schreitet voran. Längst kommen die tibetischen Souvenirs, all die Schmuckstücke, kleinen Gebetsmühlen und Tücher, die rund um die Tempel an pittoresken Ständen verkauft werden, aus dem benachbarten Nepal – weil dort billiger produziert wird. Die Statthalter Pekings in Lhasa sind stolz auf das Vollbrachte und verstehen nicht, weshalb der Westen immer nur vom Dalai Lama und dem unterdrückten tibetischen Volk spricht. Dabei gäbe es in ihren Augen genügend Gründe, China dankbar zu sein.

Eine «Himmelsbahn»

Sichtbares Zeichen dieses Fortschritts, der von Peking kam, ist die 1142 Kilometer lange «Himmelsbahn» von Golmud nach Lhasa. Die höchste Eisenbahnlinie der Welt fährt in 14 Stunden in durchschnittlich 4500 Metern Höhe durch eine spektakuläre Landschaft und überquert am höchsten Punkt den Tanggula-Pass auf über 5000 Metern. Die Eisenbahnwagen werden mit mitgeführtem Sauerstoff versorgt, um die Passagiere vor der Höhenkrankheit zu schützen. Wer das Glück hat, die Strecke bei schönem Wetter zu befahren, fühlt sich über Stunden wie in einem fahrenden Kino, in dem ein monumentaler Dokumentarfilm vom Dach der Welt gezeigt wird.

Zeitweise waren über 30'000 Arbeiter, zum Teil mit Sauerstoffgeräten, mit dem Eisenbahnbau im Permafrost beschäftigt. Streckenweise verhindern entlang des Bahndamms 12 Meter in den Boden versenkte Stahlrohre das Auftauen der Trasse im Sommer, weil die Schienen sonst im Schlamm versinken würden. Seit 2006 verbindet die Bahn das abgeschnittene Tibet mit der benachbarten chinesischen Provinz Qinghai.

Fluch oder Segen?

Seit Baubeginn ist umstritten, ob die Bahn Fluch oder Segen ist. Oder eher: Für das dynamisch wachsende China garantiert sie, dass die Provinz Tibet am wirtschaftlichen Segen teilhaben kann. Für die westlichen Freunde der tibetischen Unabhängigkeit beschleunigt sie das Tempo der chinesischen Besatzung. Die Bahn wirke wie ein übermächtiges «Made-in-China-Schild inmitten der tibetischen Landschaft», schreibt der Touristenführer «Lonely Planet» trocken.

Die unterschiedliche Sichtweise auf das Thema ist nicht nur durch sprachliche Barrieren begründet. Wer wie der Schreibende auf Einladung des chinesischen Tourismusministeriums mit einer kleinen Gruppe von Schweizer Journalisten Tibet bereiste, war trotz zuvorkommenden Übersetzerinnen auch mit anderen Verständigungsproblemen konfrontiert.

Motorräder statt Pferde

Den chinesischen Reiseführern war die Faszination ihrer Gäste für die ursprüngliche Lebensweise der Einheimischen vollkommen unbegreiflich. Sie dozierten auf stundenlangen Busfahrten durch die grandiose Landschaft über die alte Kultur und Geschichte des Landes, überhörten aber geflissentlich den Wunsch nach einem Halt bei den Nomaden, deren Jurten den Strassenrand säumten. Menschen, die heute zwar Motorräder statt Pferde mit ihren Decken behängen und die auf den weiten Weiden ihrer Yaks mit Handys kommunizieren, die aber im Wesentlichen noch immer so leben wie seit Hunderten von Jahren. Für die Chinesen aus den grossen Städten sind diese Landstriche völlig unromantisch das Refugium rückständiger Bauern, die zivilisiert werden müssen. Ganze Siedlungen von leer stehenden einfachen Häusern zeugen vom vergeblichen Versuch, die wandernden Hirten sesshaft zu machen. Nicht selten stehen die Zelte direkt neben den Zementhäusern mit den blinden Fenstern. Nichts, was Touristen aus chinesischer Perspektive sehen wollen und sollen.

Chinesischer Tourismus funktioniert anders. Chinesische Touristenbusse machen halt bei Sujets für das Erinnerungsfoto: Bei Gedenksteinen, Höhenmarken und in künstlichen Besucherparks, in denen historische Gebäude nachgebaut und Gerichtsszenen nachgespielt werden. Europäer möchten das Echte sehen. Für sie macht gerade dies die Faszination der wilden Gegend aus.

Verschwindende Kultur

Vollends schwierig wird es, wenn das Echte auch noch unangenehm ist, wie die kilometerlangen Militärkonvois in den tibetischen Tälern und die martialischen Patrouillen, die im Stechschritt durch das Zentrum von Lhasa marschieren. Das zu fotografieren, verbieten die ansonsten unendlich freundlichen chinesischen Reisebegleiter in schroffer Deutlichkeit.

Aber auch wenn Tibet für den Besucher selbst unter chinesischer Aufsicht mehr wirkt wie ein besetztes Land, auch wenn sich in den Klöstern als Zentren der buddhistischen Tradition immer wieder Widerstandsnester bilden: Nichts deutet in Tibet darauf hin, dass der Anschluss des Hochlandes im Himalaja an die moderne chinesische Welt noch aufzuhalten wäre. «Die jungen Leute wollen nicht mehr so leben wie ihre Vorfahren, sagt eine Einheimische in Lhasa, «sie interessieren sich nicht für die Unabhängigkeit, sondern für ein komfortableres Leben.» Schon heute bilden tibetische Pilger im täglichen Touristenstrom durch den Potala-Palast nur noch eine Minderheit. Wer von der alten tibetischen Kultur noch einen lebendigen Eindruck mit nach Hause nehmen will, sollte seine Reise planen.

Die grossartige Landschaft allerdings, das zauberhafte Licht und die imposanten Siebentausender in menschenleerer Weite werden auch weiterhin Touristen nach Tibet locken. Nicht weniger als 15 Millionen pro Jahr sollen es gemäss chinesischer Planung im Jahr 2015 sein. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.01.2012, 11:49 Uhr

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