Leben

Rein ins Dirndl: «O’zapft is!»

Das Münchner Oktoberfest bietet vom 18. September bis zum 4. Oktober Amüsement bis zum Abwinken. Vorausgesetzt, man mag Bier und erträgt Menschenmassen.

1/7 Und immer schön lächeln: Das Servicepersonal –hier eine Bedienung im Hackerzelt – hat buchstäblich alle Hände voll zu tun.
Bild: B. Roemmelt

   

Rund um die Wiesn

Wann: 18.9.–4.10.

Anreise: An den drei Freitagen, 17.9., 24.9. und 1.10., verkehren zusätzlich zu den vier regulären Eurocity-Zügen Extrazüge von Zürich nach München und an den drei Sonntagen, 19.9., 26.9. und 3.10., von München nach Zürich.

Zelte: Reservationen gleich nach dem Oktoberfest fürs nächste Jahr vornehmen (www.wiesnwirte.de). Kurz vor der Wiesn findet nur noch Plätze, wer früh kommt oder Glück hat. An den Wochenenden gibt es reservationsfreie Zonen.

Wohnen: Auch während der Wiesn hat es noch freie Hotelzimmer (www.muenchen.de/ Tourismus/Oktoberfest). Für Wohnmobile gibts Stellplätze (www.oktoberfest.eu), für Rucksackreisende eine Zeltstadt (www.the-tent.com).

Trachten: Eine grosse Auswahl bietet in München Lodenfrey (Dirndl ab 250 Euro, Lederhosen ab 369 Euro, Maffeistrasse 7). Ein günstiges Angebot findet sich in den Wies´n Tracht & Mehr-Läden, z.B. an der Hohenzollernstrasse 7. Trachten leihen kann man in München etwa bei Kostüme Breuer (www.kostuemverleih.com) oder bei Vintage and more (www.vintageandmore.de). In Bern gibt es Dirndl zur Ausleihe bei Cinderella Rita Gysler (031 9918349, pro Tag 50–70 Fr.) oder bei Heidi’s Nähstübli (079 3838308, pro Woche 100–120 Fr.). Lederhosen kann man im Stadttheater mieten (031 979'53'37, pro Weekend 70–80 Fr.) oder nebst Dirndl auch bei Häxebäse (031 371'30'80, pro Weekend 70-100 Fr.).

Infos: www.muenchen.de (Quicklink «Oktoberfest»).

Die Qual der Zeltwahl

Aufs Oktoberfest gehen, heisst in die Atmosphäre eines Zeltes einzutauchen. Wer wo hingeht und wo man noch Platz findet. Wiesn-Besucher haben die Qual der Wahl zwischen 14 grossen Festzelten. Da hilft es zu wissen, wo welches Publikum bei Mass und Musik feiert.

14 Zelte platzen...

Im kleineren Hippodrom, wo früher tatsächlich Pferde im Kreis trabten, findet man viel Fernsehprominenz. Wer flirten will, sucht sich am besten ein Plätzchen an der Sektbar im oberen Geschoss. Als Schickimicki-Treffs und weitere gute Anbandelorte gelten das Weinzelt und die Käfers-Wiesn-Schenke. Dort, wie im Schützenfestzelt, tummelt sich auch gerne der Adel. «In diesen drei Zelten ist es jedoch am schwersten, noch einen Platz zu finden», sagt Anne Kathrin Koophamel, Redaktorin bei der «Münchner Abendzeitung». Im bei Einheimischen beliebten Schottenhamel sind die Gäste sehr jung, sodass man sich mit Mitte 30 schon ein wenig alt fühlt. Die Schwulen treffen sich in der Bräurosl, während das Hofbräuzelt fest in der Hand von Australiern und Amerikanern ist. Die Urmünchner, wenn es sie in einer Stadt, in der es vor lauter «Zuagroasten» wimmelt, überhaupt noch gibt, trinken ihr Bier gerne im Augustiner-Festzelt, in der Ochsenbraterei oder im Hackerbräu-Festzelt. Und den Steckerlfisch essen sie bei der Vischer Vroni. In den restlichen drei Festhallen – im Löwenbräu, im Armbrustschützen-Festzelt und im Winzerer Fähndl – ist das Publikum dagegen gemischt.

...aus allen Nähten

Zu wissen, in welches Zelt man möchte, ist das eine. Das andere ist, noch Platz zu finden, «aufgrund der 200-Jahr-Feier wird heuer mit einem viel grösseren Ansturm gerechnet als die Jahre zuvor», sagt Wiesn-Expertin Koophamel. Sie rät davon ab, an den Wochenenden auf die Theresienwiese zu gehen, da dann die Leute bereits um 9 Uhr morgens vor den Zelteingängen Schlange stehen. «Allenfalls an schönen Tagen bestehen Chancen, wenn draussen zusätzlich die Biergärten geöffnet sind», sagt Koophamel. Unter der Woche ist es leichter, einen Platz in den Zelten zu finden. «Gute Tage, da nicht so überfüllt, sind Montag, Dienstag und Mittwoch», weiss sie. An den restlichen Werktagen gilt: früh kommen, vor 15 Uhr. Auch am letzten Wiesn-Tag, heuer der 4.Oktober, sind die Zelte erfahrungsgemäss weniger bevölkert.

Als Geheimtipp gilt dieses Jahr das Winzerer Fähndl. «Im neu errichteten Zelt gibt es ein paar Hundert Plätze mehr – und gerade zu Beginn der Wiesn hat sich das noch nicht überall herumgesprochen», verrät Koophamel. Eine weitere Option bietet 2010 ausserdem die Nostalgiewiesn zum 200-jährigen Jubiläum, die bereits am 17.September auf dem Südgelände der Theresienwiese eröffnet wird. «Dort gibt es ein historisches Bierzelt und spezielles Jubiläumsbier», weiss Koophamel. Prost.

Am Samstag in zwei Wochen geht es wieder los. Wenn der Münchner Stadtpräsident Christian Ude am 18.September nach dem erfolgreichen ersten Fassanstich mit einem lauten «O’zapft is!» die Wiesn eröffnet. Heuer werden die Besucher die 5,7 Millionen vom letzten Jahr locker übersteigen, heisst es doch: 200 Jahre Oktoberfest.

Ein Hochzeitsfest

Zurück geht der ganze Rummel auf die Hochzeitsfeierlichkeiten des bayerischen Kronprinzen Ludwig, des späteren König Ludwig I., und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen. Ihr zu Ehren heisst das 42 Hektaren grosse Gelände Theresienwiese. 1810 feierten die Münchner fünf Tage lang mit einem grossen Fest und einem Pferderennen. Das fand bei den Leuten einen derartigen Anklang, dass es wiederholt wurde und sich so über die Jahre zum Oktoberfest entwickelte. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts wurde die Wiesn schliesslich aus Wettergründen in den milderen September vorverlegt.

Ein Trachtenfest

Heute feiern Münchner und Auswärtige 17 Tage lang bis zum 4.Oktober. Es ist immer wieder faszinierend, zu sehen, wie sich die Stadt am ersten Wiesn-Tag verwandelt. Plötzlich sind alle U-Bahn- und Tramstationen von Leuten in Tracht bevölkert. Von Kellnern und Bedienungen, die draussen arbeiten, und von all den anderen, die sich amüsieren.

Ein Bierfest

Das Fest mit seinen Massen und Bierströmen spaltet. Es gibt eine ganze Menge Münchner, die keinen Fuss auf die Theresienwiese setzen, während es genau so viele heiss und innig lieben. Und sich für die ganzen 17 Tage Ferien nehmen, um Abend für Abend zu feiern. Oder um sich auf der Wiesn einen Zustupf zu verdienen, denn die Jobs in den Zelten werfen viel Trinkgeld ab.

Ein Anbändelfest

Um Spass am Oktoberfest zu finden, sind zwei Voraussetzungen nötig: Keine Angst vor Menschenaufläufen und Freude am Bier. Dann aber kann es sehr unterhaltsam werden. Wer sich irgendwo an einen Tisch zwängt, kommt in der Regel schnell mit den Nachbarn ins Gespräch und tanzt später mit ihnen auf den Bänken. Die Wiesn ist ein Anbändelfest der Superlative. Es wäre interessant, zu wissen, wie viele Beziehungen auf dem Oktoberfest begannen und wie viele Kinder in diesen ausgelassenen Nächten gezeugt wurden. Nirgends kann man auch so schön Charakterstudien betreiben und das Balzgehabe der Männer, die Flirtkunst der Frauen und generell beobachten, was der Alkohol so alles mit den Menschen anstellt.

Selten schmeckt ein Poulet so fein wie auf dem Oktoberfest. Leider ist der Liter Bier, Mass genannt, dieses Jahr wieder teurer als 2009. Er kostet zwischen 8,30 und 8,90 Euro. Dennoch wird es bei den meisten nicht bei einem Mass bleiben. Und Augenmenschen kommen beim Anblick all der schönen Trachten, der prächtig dekorierten Festzelte und der fantasievoll gestalteten Fahrgeschäfte auf ihre Kosten. Wer die ganze Atmosphäre geniessen will, sollte über das Festgelände spazieren. Und eine Runde im altmodischen Karussell Krinoline drehen, dessen Plattform sanft ausschwingt wie ein Glockenrock, während dazu eine Liveblaskapelle spielt. Oder einer «Hinrichtung» beim Schichtl, einer anderen Institution, beiwohnen.

Der Dresscode

In den letzten zehn Jahren hat sich die Tracht flächendeckend durchgesetzt. Wiesnbesucherinnen und -besucher tragen Dirndl und Lederhosen. Mittlerweile stürzen sich auch Amerikaner oder Chinesen begeistert in die zahlreichen Münchner Trachtenläden und decken sich mit einer Krachlederdernen oder einem Gwand aus dem Chiemgau ein, was zuweilen etwas an Fasching gerinnert.

Natürlich gibt es auch bei den Trachten aktuelle Trends. «Da ist zum einen das sexy Dirndl mit kurzem Rock und tiefem Ausschnitt. Aber auch das tradionelle lange Dirndl mit Seidenvichys und -jaquards ist sehr angesagt», sagt Ricki Weiss, Sprecherin des österreichischen Traditionsherstellers Gössl. Bei den Farben sind warme Töne modisch vorn: «Rosa, Brombeer, Braun und Rost, die mit Schwarz und Fuchisa kombiniert werden», so Weiss. Und das Accessoire der Stunde ist der Trachtenhut. Zwar sind Trachtenträger eher trendresistent, da eine einmal gekaufte hochwertige Lederhose meist ein Leben lang hält. Allerdings legen derzeit immer mehr Herren Wert auf üppige Steppereien und Stickereien.

Man kann vieles falsch machen

Sich modisch für die Wiesn aufzubrezeln macht Spass, aber man kann dabei auch vieles falsch machen. Und wird von den echten Münchnern und Oberbayern, die es eher schlicht und gediegen mögen, gleich als Zuagroaste erkannt. Als modischer Wiesn Fauxpas gelten Trachten, die in einem früheren Leben Getreidesäcke waren, Dirndlschürzen mit Totenkopfmotiven oder Sisi-Hüte mit überlangen Federn.

Auch Trägerinnen von Lederhosen outen sich meist als unwissend. Dagegen machen sich Männer, die Hüte in Form von Bierkrügen tragen, lächerlich. Und bei weissen Strümpfen, Turnschuhen oder Loafern zur Krachledernen verdreht ein Münchner nur die Augen. Zur Lederhose passen nur drei Dinge: Ein schlichtes Leinenhemd, nichtweisse gestrickte Wadlstutzen und Haferlschuhe. Und wer viel Geld ausgeben will, trägt einen hochwertigen Janker dazu.

Ansonsten machen auswärtige Besucher – Männer wie Frauen – in weissen oder karierten Hemden, Jeans und robusten Schuhen eine viel bessere Figur als in irgendeinem Billigdirndl oder einer hässlichen Lederhose. Juliane Lutz

Die Autorin lebte vor ihrem Umzug nach Bern 15 Jahre in München und ist Wiesn-Fan. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.09.2010, 08:51 Uhr

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