Ökologische Gipfelleistung am Klein Matterhorn

Von der Bergsteigerherberge «Monte Rosa» aus bestieg Edward Whymper das Matterhorn zum ersten Mal, heute lockt eine vorbildlich ökologische Lodge die Bergsteiger an.

Die neue Ökolodge auf dem Klein Matterhorn.

zvg

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Obwohl es Hochsommer ist, bewegt sich das Thermometer um den Gefrierpunkt, als wir vom Klein Matterhorn aus die Wanderung aufs Breithorn in Angriff nehmen. Schon beim Marsch über den Gletscher macht sich ein eisiger Wind bemerkbar. Dieser macht den leichtesten Viertausender des Wallis, der – zu meinem Glück – weder Klettererfahrung noch Schwindelfreiheit erfordert, doch noch spannend. Nachdem wir die Steigeisen montiert haben und uns in den Gänsemarsch der diversen Seilschaften in Richtung Gipfel eingereiht haben, werden Erinnerungen an die Verfilmung des Jack-London-Romans «Lockruf des Goldes» wach. Ich fühle mich beinahe wie die Abenteurer, die über den Chilkoot-Pass zogen, um am Klondike ihr Glück zu machen. Auf dem 4164 Meter hohen Breithorn erwartet uns kein materieller Lohn, dafür entschädigt das atemberaubende Panorama für den Aufstieg über den 35 Grad steilen Hang.

Urherberge der Alpinisten

Seit dem Bau der Luftseilbahn aufs Klein Matterhorn 1979 ist diese Tour zwar nicht gerade ein Kinderspiel, doch in Begleitung eines Bergführers selbst mit berggängigen Kindern in drei bis vier Wanderstunden zu bewältigen. Als das «Monte Rosa» 1855 als zweitältestes Hotel von Zermatt eröffnet wurde, war die Breithorn-Besteigung noch ein riskantes Unternehmen. Zehn Jahre später sollte ein «Monte Rosa»–Gast Berühmtheit erlangen: Edward Whymper. Er bestieg als Erster das Matterhorn. An den wagemutigen Engländer erinnert heute eine Gedenktafel an der Hauptfassade der Edel-Herberge.

Dieser Tradition hat man sich bei der Seiler-Hotels-Gruppe erinnert, als man die umfassende Renovation plante, deren letzte Etappe am 20.Dezember abgeschlossen sein wird. «Wir haben 12 Millionen Franken investiert, um dem langjährigen Bergsteigerstammquartier wieder zu altem Glanz und Flair zu verhelfen und um die ehemaligen Mitarbeiterzimmer im 6.Stock in grosszügige Suiten zu verwandeln», erklärt die PR-Verantwortliche Romy Biner-Hauser. Während die Suiten einen gelungenen Mix aus modernem Design und rustikalem Holz darstellen, bleiben die restlichen Zimmer meist in dem Stil, den die Stammkundschaft aus Amerika oder vom «British Alpine Club» schätzt. Auf einen Wechsel zur Keycard wurde bewusst verzichtet, da ein Zimmerschlüssel mit bleischwerem Anhänger, der automatisch an der Réception abgegeben wird, für einen regelmässigeren Kontakt mit dem Gast sorgt.

Puristischer Kontrast

Wer in der ökologischsten Lodge der Alpen übernachten möchte, holt sich den Zimmerschlüssel an der Talstation der Bergbahnen aufs Klein Matterhorn ab. Einen Hüttenwart gibt es nicht. Zumindest solange bis sich die Bauherren Zermatt Bergbahnen AG und die Burgergemeinde Zermatt, die die Lizenz zur Bewirtschaftung der Lodge hat, auf eine gastfreundlichere Lösung geeinigt haben. Während der Öffnungszeit des Restaurants und des Shops im Parterre – also während der Bergbahnbetriebszeit von 7 bis 16 Uhr – hat man dort Ansprechpartner. Ansonsten bleiben die maximal 40 Alpinisten, die in fünf Achterzimmern mit Kajütenbetten unterkommen können, weitgehend sich selbst überlassen.

Spezielle Atmosphäre

Tagsüber herrscht im Selbstbedienungslokal mit 150 Plätzen Hochbetrieb, speziell im Winter, zunehmend aber auch im Sommer. Neben der Aussicht und dem Gletscherpalast lockt der Theodulgletscher, das grösste und höchstgelegene Sommerskigebiet Europas. Den Touristen stehen 15 Kilometer Abfahrten zur Verfügung. 14 zusätzliche Pisten sind morgens, wenn sie noch eisig sind, für Nationalteams reserviert. Auf die Idee, hier oben zu nächtigen, kommt niemand von ihnen. Stellt der geringe Sauerstoffgehalt der Luft doch eine starke Belastung für den Organismus dar. In dieser Höhe findet kaum jemand Schlaf. Bergsteiger, die das Klein Matterhorn als Ausgangspunkt für längere Touren auf umliegende Gipfel wie Castor, Pollux oder Dufourspitze wählen, stört dies weniger, da sie schon um 4 oder 5 Uhr aufbrechen wollen, wenn noch keine Bahn fährt.

Da die umliegenden Berghütten meistens überbelegt waren und es während 30 Jahren auf dem Klein Matterhorn nur ein paar Toiletten und einen Kiosk gegeben hatte, war der Neubau nötig. So befriedigen die Lodge und das Restaurant, die im vergangenen April beziehungsweise im Dezember 2008 in Betrieb genommen wurden, nicht nur die Bedürfnisse der jährlich über 500'000 Besucher. Sie drücken auch die Ambitionen der Zermatt Bergbahnen AG aus. «Nach Jahren rasant steigender Umsatzzahlen und zuletzt einer Stagnation auf hohem Niveau, bietet der Ausbau des Exkursionstourismus für uns die besten Wachstumschancen», sagt CEO Christen Baumann. In dieser exponierten Lage wollte er nicht nur einen funktionellen, sondern auch einen ökologisch vorbildlichen Bau realisieren.

Interessantes Konzept

Die nach Süden ausgerichtete Hauptfassade ist komplett mit Sonnenkollektoren bestückt, die dank der klaren Luft und der Reflexionen des Schnees eine doppelt so hohe Leistung wie im Mittelland erbringen. So wird mehr Energie erzeugt als für Heizung und Haustechnik benötigt werden. Bei Aussentemperaturen zwischen minus 30 und plus 10 Grad ist dies nur möglich, weil die Gebäudehülle sehr gut isoliert ist, die Fassade hinterlüftet und mittels einer Wärmepumpe eine optimale Energienutzung erzielt wird. Da Wasser für Küche und Bad mit der Bergbahn transportiert werden muss, wird das Abwasser in der hauseigenen mikrobiotischen Kläranlage so aufbereitet, dass es in der Toilettenspülung recycelt werden kann. «Ob sich die zehn Prozent Mehrkosten, welche die ökologische Optimierung dieses 9-Millionen-Franken-Projekts gekostet hat, komplett amortisieren, ist unsicher. Aber die gute PR, die der sorgsame Umgang mit den natürlichen Ressourcen bringt, ist uns eine mögliche Differenz wert», so Baumann.

Die Ökolodge wird vermutlich nicht der letzte Bau bleiben. Auch die umstrittene, von Künstler Heinz Julen entworfene 120 Meter hohe Pyramide, die das Klein Matterhorn zum Viertausender aufgestockt hätte, ist wieder im Gespräch. Wenn auch redimensioniert. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.09.2009, 14:29 Uhr

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