Gemeinsam in die Pedale treten

Das Tandem ist der Inbegriff der Harmonie. Mit solch einem Velo kommt man zusammen an. Oder aber gar nicht. Drei Tandem-Gespanne – zwei Ehepaare und zwei Schulfreundinnen – erklären, wie das gemeinsame Treten bestens funktionieren kann.

Auf dem Tandem in die Berge: Kathrin und Robert Füchsle 
vor imposanter Bergkulisse.

Auf dem Tandem in die Berge: Kathrin und Robert Füchsle vor imposanter Bergkulisse.
Bild: zvg

Mit dem Tandem um die Welt: Julia und Stefan Meinhold auf ihrer Weltreise per Tandem. (Bild: zvg)

Zu zweit um die Welt

Am Anfang war die Liebe: Die Liebe zueinander und die Liebe zum gemeinsamen Velofahren. Aus der Leidenschaft erwuchs der Entschluss, eine Weltreise zu machen. Das Ehepaar Julia und Stefan Meinhold ist mit dem Tandem unter anderem rund um Neuseeland geradelt oder war auf der Panamericana von Alaska nach Mexiko unterwegs. Was die beiden auf der gemeinsamen Fahrt erlebt haben, schildern sie in ihrem Buch «Gangwechsel – Eine Weltreise mit dem Tandem». Besonders reizvoll ist, dass die beiden zwar gemeinsam geradelt sind, aber einzeln schreiben: Mal erzählt sie von den Erlebnissen auf der gemeinsamen Reise, mal er. Der Reisebericht wirkt so plastischer und zugleich objektiver, da alles von zwei Seiten beleuchtet wird, und subjektiver, da beide das Gleiche verschieden empfinden.

«Gangwechsel» von Julia und Stefan Meinhold ist im Delis Klasing Verlag erschienen und kostet rund 35 Franken.

So läufts auf Touren rund

1. Der Captain (so wird beim Tandem der Vordermann respektive die Vorderfrau genannt) sollte sich mit dem Tandem vertraut machen. Dazu fährt er oder sie zuerst einmal alleine, um ein Gefühl für das Fahrverhalten zu bekommen.

2. Das Schwierigste ist das Anfahren und Absteigen. Der Captain muss sich immer vergewissern, dass der Stoker (der Hintermann oder die Hinterfrau) bereit ist, bevor es losgeht oder wenn angehalten werden muss. Der Captain gibt das Kommando zum Losfahren. Der Stoker sollte sich beim Losfahren möglichst wenig bewegen, da man rasch das Gleichgewicht verliert.

3. Eine harmonische Beziehung zwischen Captain und Stoker ist für die Tandemfahrt zentral.

4. Der Captain sollte ansagen, wenn er bremsen und schalten will oder wenn ein Hindernis auftaucht. Sonst kommt beim Stoker Unzufriedenheit auf. Spontanes Bremsen des Stokers ist nicht zu empfehlen.

«Er – vorne, tretend und hart arbeitend – sah in der Reflektion in einem Schaufenster, dass seine Partnerin die Füsse von den Pedalen genommen hatte. Und dies obwohl sie eben gerade betont hatte, dass auch sie sich sehr anstrenge» So endete eine langjährige Beziehung, erzählt Veloimporteur Patrik Etschmayer, selber ein erfahrener Biker und Tandemfahrer.

Doch Tandem fahren kann auch zusammenschweissen. Das zeigen zahlreiche Geschichten von Paaren, die schon lange gemeinsam unterwegs sind. Etwa jene von Julia und Stefan Meinhold aus Frankfurt.

Per Tandem um die Welt

Stefan Meinhold kennt die Anforderungen, die das gemeinsame Radeln stellt. Beim Tandem fahren müsse man auf den Partner Rücksicht nehmen, sagt er. Probleme müsse man sofort thematisieren, um für Konflikte Lösungen zu suchen. «Man sollte sich ausreichend Freiheit gönnen, um immer wieder zusammenzufinden.» Ihn fasziniere das gemeinsame Erleben – «einen Pass bezwingen, eine rauschende Abfahrt geniessen und dann miteinander am Ziel ankommen». Das Tandem bringe Menschen zum Lächeln, es entstünden sehr schöne Kontakte. Und nicht zuletzt: «Beim Downhill und im Flachen ist man unschlagbar schnell.»

Zusammen mit seiner Frau Julia hat er vor kurzem ein besonderes Abenteuer bestritten. Beide bereisten mit ihrem bloss per Muskelkraft bewegten Gefährt die Welt. Viele Erfahrungen später und wieder zurück in der Heimat veröffentlichten sie das Buch «Gangwechsel » (siehe Kasten).

Unvergessliches Abenteuer

Am Ende der Tandemreise von Nina Hangartner und Céline-Lisa Hiltbrunner stand ebenfalls eine schriftliche Arbeit. Während der Vorbereitung zur Maturitätsarbeit entstand bei den jungen Frauen die Idee, eine Spendenfahrt zu machen. Dabei sollte zur Hauptsache ein Tandem zum Einsatz kommen. Die beiden Schülerinnen der Kantonsschule Wetzikon wollten «radeln, damit auch andere radeln können». Das gesammelte Geld würde nach Ende der Sammelaktion der Organisation «Pfadi Trotz Allem» zukommen. Dass sie als Team gut harmonieren, hatten sie unter anderem mit einer gemeinsamen Velotour bereits bewiesen, die sie vor drei Jahren von Gossau nach Genf unternommen hatten.

Die neue Tour nannten die beiden «Rhein by bike». Die Strecke führte zunächst zu Fuss vom Oberalppass bis zum Tomasee. Von dort ging es per Velo nach Disentis. In Landquart stiegen sie von den Bikes aufs Tandem um. Damit ging es weiter nach Basel. Die zweite Etappe der Spendenfahrt von Basel nach Rotterdam im letzten Sommer dauerte 10 Tage und endete nach 1500 Kilometern mit einem erfrischenden Bad in der Nordsee.

Auf der Suche nach einem geeigneten Tandem waren die beiden jungen Frauen von «Rhein by bike» auf das Fachgeschäft Velo Zürich gestossen. Mit etwa 60 Tandems ist Velo Zürich der grösste Anbieter und Verleiher auf unserem Kontinent, wenn nicht weltweit. Geschäftsführer Thomas Ernst fand das Projekt «Rhein by bike» sympathisch. Er habe sich dabei an seine eigenen, erlebnisreichen Tandemreisen erinnert, sagt er. Und so stellte der begeisterungsfähige Velohändler dem Duo für die Dauer der Reise ein Tandem und einen passenden Anhänger zur Verfügung.

Vor dem Kauf ausprobieren

Viele Tandem-Paare mieten sich bei Velo Zürich ein Tandem und entscheiden sich erst nach den ersten gemeinsamen Touren über eine Anschaffung. Auch Robert Füchsle empfiehlt, vor dem Kauf zuerst einmal auf einem Miettandem auszuprobieren. Er und seine Partnerin Kathrin sind seit ein paar Jahren mit einem Tandem unterwegs. «Ein Tandem sollte man nur bei einer Person kaufen, die sich speziell mit dieser Art von Velos auskennt», sagt er. «Also ist kein Weg zu weit. Im Internet lässt sich recherchieren, was es alles gibt. Auf der Eurobike und auf Spezialradmessen kann man dann Probe fahren.»

Das in München lebende Paar lernte zuvor das Mountainbiken kennen und schätzen. Also kam nur ein voll gefedertes Bike in Frage. Die suche nach einem geländetauglichen Fully-Tandem führte sie von München in die Schweiz. Robert Füchsle: «Dort konnten wir drei Stunden Probe fahren. Danach war alles klar.»

Der Veloimporteur Patrik Etschmayer findet das Tandem als gemeinsames Trainingsgerät ideal. Vor allem dann, ´wenn beide unterschiedlich stark sind. Zudem: «Lange Touren sind gemeinsame einfach angenehmer zu bewältigen». Dies bestätigt auch Robert Füchsle: «Man kommt zusammen an oder gar nicht.» Auf dem Tandem sei zudem eine Unterhaltung besser möglich, als wenn beide das normale Velo benützten. «Und der Hintermann oder die Hinterfrau kann während der Fahrt problemlos die Landkarte studieren oder das GPS-Gerät bedienen.»

Der Webauftritt von Julia und Stefan Meinhold ist unter Bankerbiker.de zu finden, der Blog zum Projekt von Nina Hangartner und Céline-Lisa Hiltbrunner unter Rhein-by-bike.ch. Wer ein Tandem kaufen will, schaut bei www.occasion-tandem.ch und www.velo-zuerich.ch vorbei. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.05.2010, 09:47 Uhr

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