Leben
Ferien im Leuchtturm: «Highlights» an Europas Küsten
Einmal in einem Leuchtturm zu übernachten, war einer meiner grossen Kindheitswünsche. Ich hatte Enid Blytons «Fünf Freunde» gelesen, die Ferien in einem abgelegenen Leuchtturm machen und in einem Geheimgang unter dem Domizil einen verschollenen Strandräuberschatz entdecken. Nun bot sich «vier Freunden» – uns fehlte nur der Hund – die Gelegenheit, im Anschluss an eine Irland-Reise drei Tage und Nächte im Leuchtturm Wicklow Head zu verbringen.
Von Dublin führt ein schöner Weg gegen Süden durch die Grafschaft Wicklow ins gleichnamige Hafenstädtchen an einer Bucht. «The Garden of Ireland», wird die Region genannt, ein üppig grünes Hügelland mit properen Landsitzen und prächtigen Gärten, ein Paradies für Wanderer, Reiter und Golfspieler.
Fünf Kilometer südöstlich des Städtchen Wicklow liegt der Long Hill mit dem Leuchtturm von 1781 «on top». Der Turm leuchtet nicht mehr, ist aber bis heute ein Orientierungspunkt für Segler. Der Irish Landmark Trust liess das 23 Meter hohe Seezeichen 1996 restaurieren und eine Ferienwohnung einrichten. Die Stiftung kümmert sich um die Erhaltung 18 weiterer architektonischer Schmuckstücke und stellt sie Urlaubern als extravagante Unterkunft zur Verfügung, darunter Leuchtturmwärter-Häuser, ein Schulgebäude und ein Schloss.
Es regnete und windete, als wir ankamen. Der Leuchtturm mit seinen grauen Mauern wirkte wie das Ausrufezeichen einer tristen Szenerie, die allerdings unseren Abenteuergeist beflügelte. Wir rannten gleich die 109 Stufen der hoch ragenden Ferienwohnung hinauf, schauten dann auf das uns zu Füssen liegende Meer und die nassen grünen Hügel – ein beeindruckendes Panorama selbst bei diesem Wetter. Fürs beschwerliche Kofferhochtragen entschädigten der Tee und später das hübsch mit einem Messingbett eingerichtete Schlafzimmer, achteckig wie der gesamte Turm. Einige frühere Urlauber veranstalteten offensichtlich Wettrennen auf den 109 Stufen, stoppten die Zeit ihres Treppenlaufs und notierten sie im Gästebuch.
Abends pfiff der Wind und rüttelte an den Fenstern, um uns flogen grosse Wolken. Um Mitternacht sass ich allein im fünften Stock, blickte ins Dunkle, auf Land und Meer, und bekam eine Ahnung vom Dasein der Leuchtturmwärter. Sie galten als Sonderlinge, Seewölfe, nach Paraffin riechend, die Hände schwarz vom Öl, mutig, schweigsam, einsam. Stand ihr Turm mitten im Meer, waren sie oft monatelang eingeschlossen, von Halluzinationen heimgesucht und Neptuns Wut ausgesetzt, wenn immer neue Unwetter eine Ablösung unmöglich machten. Apropos Halluzinationen: Hier soll es auch einen Turmgeist geben, uns blieb eine Visite erspart.
Am nächsten Morgen vertrieb die Sonne jede Schauerromantik. Die kleinen Wellen blitzten silbrig nach oben, und die irische Insel strahlte uns an mit ihrem sattesten Grün. Wir vier Freunde machten uns auf den Weg entlang der Küste, voller Tatendrang, auch wenn wir die Chance realistisch einschätzten, irgendwo einen verschollenen Schatz zu entdecken. (Berner Zeitung)
Erstellt: 30.07.2010, 10:10 Uhr




