Der Hügel mit der wilden Vergangenheit
Auf der Terrasse: Ein schwarzer Falter mit weissen Tupfen flattert über den Espresso, eine Braut mit langem Schleier schreitet die Treppe hinunter zum Energieweg, die Hochzeitsgesellschaft applaudiert und lächelt. Unten, viel weiter unten, glitzert der Lago Maggiore und strahlt mit seinem Tiefblau eine solche Ruhe aus, dass man für immer auf diesen Gartenstühlen dösen möchte. Oder in einem Bett im Hotel, diesem architektonischen Bijou hoch oben auf dem Monte Verità.
Diese kraftspendende Ruhe hat in den letzten 100 Jahren Persönlichkeiten aus Kultur, Kunst und Politik gelockt, Anarchisten, Vegetarier, Luftbadende und Kunstsammler. Würde er sprechen, könnte der Hügel über Ascona mit dem verheissenden Namen Monte Verità ganze Romane erzählen. Einer, der das konnte, hat sich so ausgedrückt: «Sie müssen diesen Ort erleben. Dort gibt es alles: die Alpen, den See, die Inseln, wilde Felsen, Nackte in der Natur, Sonne und Luft.» Hermann Hesse war einer der wichtigsten Bergbewohner, allerdings noch nicht im Hotel.
Aussteiger – und ein Baron
Direktor Claudio Rossetti teilt die Geschichte um die Bewohner des Monte Verità in Phasen ein. Die erste beginnt um 1900. «Schon damals erfuhr der Berg eine Art touristische Ausnützung.» Damals in Form einer Stätte für Aussteiger, Vegetarier, Tänzer. Die Pioniergeneration sah den Ort als einer der Begegnung, der Philosophien, anarchischen Ideen und Utopien.
Dann kam der Baron: Eduard von der Heydt, Bankier Kaiser Wilhelms II. und grosser Kunstsammler, übernahm den Monte Verità 1926 und liess das Hotel im Bauhausstil errichten. Der Baron empfing die Internationale Schickeria. Politiker und Kulturschaffende feierten mit ihnen nach Meditationssitzungen in Champagner getränkte Partys.
Berg erstrahlt kulturell
Im Jahr 1964 geht der Berg in den Besitz des Kanton Tessins über. Der Baron wünschte sich vor seinem Tod, dass der sagenumwobene Hügel als kulturelle Stätte weiter bestehe. Sein Wunsch wurde vor allem durch eine Persönlichkeit mehr als erfüllt: Der Kunstsammler Harald Szeemann (1933–2005) entdeckte den Ort in den 1970er-Jahren, sammelte zahlreiche Zeugnisse und zeigte 1978 die Ausstellung «Mammelle delle verità», die anschliessend auch in Zürich, Berlin, München und Wien zu sehen war. Der Berg erstrahlte dank Szeemann in neuer Blüte.
Gäste schlafen im Bauhaus
Auch Claudio Rossetti versucht, das kulturelle Erbe zu ehren und vor allem den Tessinern, die den Aussteiger auf dem Berg immer etwas misstrauisch gegenüberstanden, etwas näher zu bringen. «Das ist ein langer Prozess», sagt er. «Wir merken aber langsam, dass wir in diesen ‹Polo culturale› des Tessins hineinwachsen.» Er organisiert diverse Reisen – und natürlich auch zahlreiche Anlässe auf dem Berg selber. Heute Abend etwa spielen Stiller Has auf dem Monte Verità – ein Versuch, die Hotelgäste zu erfreuen, einige Deutschschweizer auf den Berg zu locken und Tessiner «gwundrig» zu machen.
Überhaupt geht es voran in der Ära Rossetti. Heuer nimmt das Hotel zum Beispiel erstmals individuelle Gäste auf. Vorher war der Aufenthalt in der Albergo Monte Verità Gruppen vorenthalten, die Kongresse in den Seminarräumen besuchten. Individualtouristen nächtigen nun in einem Zimmer, das ganz im Bauhausstil eingerichtet ist: karg, dafür in diesen speziellen blassen Farben, und an den Wänden hängen Bilder aus der Sammlung Szeemann. Auch in der Jugendstilvilla befinden sich Zimmer für Individualtouristen.
Dösen und Tee trinken
Die wahre Erholung auf dem Berg mit der wilden Vergangenheit findet man aber rund um die Bauten: Ein historischer Tennisplatz thront über dem Zen-Garten mit seinen exotischen Pflanzen. An dessen Rand steht ein Teehaus, in dem Zeremonien stattfinden. Im kleinen Pavillon auf der anderen Seite weiss man gar nicht, ob man nun auf die Teeplantage oder auf den See schauen soll. Setzt man sich dort hin, überkommt einen wieder diese seltsame Trägheit, die doch voller Energie ist. Das könnte auch am Parcours liegen, der von Künstlern gestaltet wurde: Der kurze, geschlungene Weg vor dem Hauptgebäude endet in einem farbenfrohen Mandala – an einem der vielen Kraftorte auf dem Berg der Wahrheit.
Ob das mit Esoterik zu tun hat, findet Rossetti, solle jeder für sich selbst entscheiden. «Manche können hier oben erstmals seit Jahren wieder schlafen. Andere klagen, dass sie keinen Schlaf finden. Ich habe keine Ahnung, ob die Kraftpunkte einen Einfluss haben.»
An Schlaf muss das Brautpaar von eben jedenfalls noch nicht denken: Die Gesellschaft ist auf die nahen Brissago-Inseln gefahren, um dort zu feiern. Zurück bleibt nur der schwarze Falter mit den weissen Tupfen. Und ein Berg, der tausend Geschichten zu erzählen hätte – könnte er denn reden. (Berner Zeitung)
Erstellt: 30.07.2010, 10:24 Uhr



















































