Leben
Das Berggasthaus für ramponierte Seelen
Wanderer staunen nicht schlecht, wenn sie nach zweieinhalb Stunden Fussmarsch durchs Läntatal oberhalb von Vals zwischen grossen Felsblöcken das Moonstone-Motel entdecken. Auf einem Plakat erfahren sie, dass das Moonstone Motel zwar keine Zimmer anbietet, aber als «Erholungsort für die Seele» konzipiert ist. Über Nacht kann hier das lädierte Innere deponiert und am nächsten Morgen «vollkommen wiederhergestellt» abgeholt werden.
So schnell und günstig ist im Unterland kein Seelen-Service zu haben. Von dieser Gelegenheit muss man Gebrauch machen! Auf die Gesichter der wandernden Städter zaubert der Vorschlag zumindest ein Lächeln. Den Einheimischen ist ohnehin noch vertraut, dass den Seelen ein eigener Platz zukommt. Sie erinnern sich an die Seelenfensterchen in den alten Holzhäusern. Durch diese liessen die Valser die Seelen Verstorbener entwischen und sich irgendwo in der Natur ein Plätzchen suchen.
Während sich also das Gemüt im «Maanachugle Hotel» (so heisst das Motel in der Sprache der Valser) wundersam erholt, wird der Körper in der nahen Länta-Hütte aufgepäppelt: Hier gibts eine Matratze, Pasta und Wein, einen Holzofen, Wasser und WC – alles, was die müde, verschwitzte Hülle der im Moonstone Motel lagernden Seele eben so braucht.
Flucht vom Feuer zum Eis
Das Moonstone Motel besteht aus einem Container und ist das Basislager der amerikanischen Fotografin Julia Calfee. Sie selber nächtigt auch im Motel – stets bei offenem Fenster. Und sie startet von da aus zu ihren Exkursionen zum Läntagletscher am nördlichen Abhang des Rheinwaldhorns, hoch über dem Stausee von Zervreila.
Julia Calfee hält das Abschmelzen dieses Gletschers fest, in Bildern und in Tonaufzeichnungen. Metallisch knackt das Eis, einzelne Wassertropfen klatschen zu Boden, in der Tiefe rauschen ganze Bäche weg, die sich zum Valser Rhein formieren. Zu den Tönen montiert Calfee ihre Bilder von Schnee und Eis zu den «letzten Gesängen der Gletscher», so der Titel des Multimedia-Projekts.
Besonderes Augenmerk gilt Mondsteinen
Ihr besonderes Augenmerk gilt den sogenannten Mondsteinen, die sich auf dem Gletscher ins Eis graben und die dem Motel den Namen geben. Die Fotos von Calfee sind schwarzweiss, roh, grobkörnig, emotional. Sie berichtet nicht in buntem Glanz vom Vergehen der Gletscher, die da langsam aber sicher und stetig in Richtung Nordsee abfliessen.
Wasser und Kühle hatten Calfee ins Gebirge gezogen. 2007 fotografierte sie für die Illustrierte «Paris-Match», wie in Griechenland eine Welt unterging: Die Wälder. «Irgendwann hielt ich die Flammen nicht mehr aus», erzählt sie. «Ich erinnerte mich an ein Bild der Therme Vals, das ich in New York gesehen hatte und reiste ab.» 14 Stunden später stand sie in Vals: «Die Schlucht, die Wasserfälle. Das erschien mir nach der Feuerhölle als wahres Paradies.»
Seither ist sie immer wieder zurückgekehrt. «Im Hochtal beim Zervreilasee sah ich prähistorische Schönheit.» Das klingt pathetisch, ist aber ziemlich zutreffend. Und als Calfee ins Läntatal hinein wanderte, spürte sie ihr liebstes Gefühl: Entdeckerfreude. Nicht umsonst ist sie Mitglied im New Yorker Explorer Club, in dem seit 1904 alle namhaften Forscher von Roald Amundsen bis Jacques Piccard eingeschrieben sind.
Die Weltbürgerin und das enge Tal
Julia Calfee begeisterte sich für die Bündner Natur und für deren Bewohner. Für die Sennin, der das Wohl der Tiere wichtiger ist, als ihre eigenes. Für die Berggänger, die auch nachts unerschrocken und selbstverständlich über Stock und Stein steigen.
Die Valser erschienen der Amerikanerin fast so exotisch wie ein animistisches Volk in der Mongolei, das sich die ganze Natur beseelt vorstellt, oder wie die Freaks, die sie während vier Jahren im New Yorker Chelsea Hotel fotografierte. «Die Menschen hier leben zwar nicht wie die Exzentriker in der Künstlerherberge ständig auf Messers Schneide, aber schon rein geografisch wohnen auch sie an der Grenze der übrigen Gesellschaft. Die Erinnerung an ihren alten Dialekt grenzt sie zusätzlich von der Umgebung ab.»
Diese Valser sind so eigenwillig wie hilfsbereit. Der engagierte Hüttenwart Thomas Meier liess kurzerhand das Moonstone Motel ins Gebirge fliegen, um das Projekt zu ermöglichen. Und der junge Valser Filmemacher Markus Casutt unterstützt Calfee auf Schritt und Tritt. Sie und andere haben dafür gesorgt, dass mit dem «Maanechugle Hotel» für einen Sommer ein Treffpunkt im Gebirge entstanden ist, für Gletscherforscher, Künstler und ramponierte Seelen. Offen ist das Moonstone Motel voraussichtlich bis Ende September.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.09.2009, 04:00 Uhr
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