Auf leisen Sohlen

Nicht von dieser Welt: Während der Tage im finnischen Lappland spielt Zeit keine Rolle mehr. Nicht in einer Glitzerwelt aus Schlittenhunden, Badezubern und Spuren im Schnee.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vielleicht geht es langsam voran, vielleicht ganz flott, ich weiss es nicht. Zeit ist nicht wichtig, Tempo schon gar nicht, ich sehe nur die Tiere und ihren Atem, der in der kalten Luft aufsteigt. Und die Landschaft. Eine seltsame Ruhe liegt über allem, nur das Knirschen der Kufen ist zu hören und dann und wann das leise Hecheln der Hunde.

Wir gleiten durch die tief verschneite Landschaft, acht Huskys ziehen meinen Schlitten, alle weiblich. Ich sags nicht gern, aber es wird wohl deshalb ziemlich herumgezickt, zumindest am Anfang. Die Huskys von Lauri und Marika Sassali haben alle unterschiedliche Charaktere, doch eines ist ihnen gemein: Sie können es nicht erwarten loszurennen. Auf leisen Sohlen legen sie Kilometer um Kilometer zurück. Vielleicht langsam, vielleicht schnell, ich weiss es nicht.

Im Basecamp

Wir wohnen im Basecamp Oulanka im Süden Lapplands. Keijo Salenius hat es hier, inmitten mächtiger Wälder, am Rande des Nationalparks gebaut. Eine halbe Autostunde entfernt liegen die grossen Skiorte, mit den grossen Schanzen, eine andere Welt. Trotzdem frage ich Keijo, ob er unseren berühmtesten Skispringer kennt? «Everybody knows Simon Ammann», sagt Kejo, den kennen alle, er trainiert manchmal unten in Ruka.

Wir bekommen Schneeschuhe, Handschuhe, einen Schlafsack und Proviant, als wir morgens um 4 Uhr aus unseren Blockhütten treten. Es geht gegen die 20 Grad minus. Die Gruppe ist klein, und das ist gut, wir wollen Auerhühner bei der Brunft beobachten. Die Nacht war kurz – am Abend zuvor gabs im Wilderness-Hotel gutes Essen und Karhu-Bier, Karhu heisst Bär. Jetzt stapfen wir durch den Schnee und hocken uns in kleine Blechhütten, jeweils zu dritt, wickeln uns in die Schlafsäcke ein und warten.

Eine Stunde lang, oder mehr. Zeit ist nicht wichtig. Die Auerhühner und auch die Hähne glänzen mit Abwesenheit. Dabei haben wir nicht geduscht und auch keine Gesichtscreme aufgetragen, der Duft würde die Tiere fernhalten. Wir entdecken nur Spuren: An den Stämmen der Birken kleben Bärenhaare. Auf Hüfthöhe, jetzt, da der Schnee fast einen Meter hoch liegt. Die Tiere sind jetzt im März noch im Winterschlaf.

Who’s who der Wildnis

Auch Rentierkämpfe könne man an Bäumen ablesen, sagt Keijo, und überhaupt präsentiert sich die Schneedecke über den Wiesen und im Wald als Who’s who der finnischen Wildnis: Spuren von Fuchs, Hase, Adler, Wolf, Eichhörnchen, Otter sind zu sehen. Und vom Vielfrass, einem scheuen Jäger, man bekommt ihn sehr selten zu Gesicht.

Am nächsten Tag erkunden wir einen anderen Teil des Nationalparks, unser Guide ist die wunderbare Tessa Kokkonen, in Finnisch-Karelien geboren, und ein richtiges Naturmädel. Sie hätte gerne ein eigenes Husky-Team, erzählt sie mir, doch noch habe sie zu wenig Zeit. Sie führt uns durch die endlosen Wälder und Flüssen entlang, zeigt uns, wie man eine Schneehütte baut und Feuer macht (am besten mit einem Magnesium-Feuerstein aus dem Outdoorladen, Birkenrinde und einem auseinandergezupften Tampon, beides brennt hervorragend. Tessa trägt alles stets auf sich.)

Wie man wieder zu Energie kommt, «sucht euch eine Kiefer und umarmt sie», sagt Tessa. So machen es die Samen. Apropos Energie: Jeden Morgen liegen im Basecamp Energieriegel parat, gegen den Hunger, der sich einstellt in dieser eisigen Kälte. Sie sättigen und schmecken köstlich, sogar abends in der Hitze des beheizten Badeholzzubers. Dort, im heissen Wasser, schaue ich auf den verschneiten Wald hinaus, ich weiss nicht, für wie lange. Zeit spielt keine Rolle mehr. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.09.2015, 10:39 Uhr

Artikel zum Thema

Auf heissen Öfen

Fremde Welt: In Russisch-Karelien gerät man schnell in einen Rausch. Er rührt von der Geschwindigkeit des Schneetöffs. Und von der kalten, erbarmungslosen Wildnis. Mehr...

Tipps & Infos

Hinkommen: Flug nach Kuusamo (über Helsinki). Shuttlebus zum Basecamp Oulanka. Motorschlittensafari auf Waldwegen zum Dorf Pääjärvi und weiter bis nach Paanajärvi, wo das Blockhaus liegt. Visum und Geld: Für Russland ist ein Visum nötig. Nebst Finnland werden auch in Russland Euros angenommen. Auf der oben beschriebenen Reise gibt es allerdings keine Gelegenheit, diese auszugeben.

Finnland: Unterkunft: Basecamp Oulanka: www.basecampoulanka.fi. Hundeschlittenfahren bei Kota-Husky (www.kota-husky.fi). Tierbeobachtungen, unter anderem Balzzeit von Auer- und Birkhuhn sowie Bären (Mai–August) bietet Karhu Kuusamo an (www.karhukuusamo.com). An klaren Abenden sind Nordlichter zu beobachten.

Russland: Übernachtung im Wildniszentrum Paanajärvi, unter anderem bei Glur Reisen buchbar. Motorschlitten und Ausrüstung für die Touren sind inbegriffen, nicht aber das Visum für Russland.

Beide Reisen wurden ermöglicht durch Baumeler Reisen und Glur Reisen und sind so oder ähnlich buchbar: Finnland bei Baumeler («Arktischer Zauber», www.baumeler.ch) und die 5-tägige Rundreise auf dem Schneetöff bei Glur («Ruka–Paanajärvi, Motorschlittenabenteuer in die Karelische Wildnis», www.glur.ch).

Rezept

Teddys Energy Boost
Energieriegel aus dem Oulanka Basecamp

Zutaten:
3 dl Golden Syrup (oder Melasse)
1 dl Zucker
2 TL Butter
400 g Peanutbutter
1 l roasted Oatmeal
1 TL Vanillezucker
400 g schwarze Schokolade
2 TL Rahm

Zubereitung:
Bis und mit Peanutbutter aufkochen. Oatmeal und Vanillezucker beigeben. Mischen, auf Blech geben, auskühlen lassen. Eventuell flüssige Schokolade darübergeben, auskühlen lassen. Riegel schneiden, Rest einfrieren.

Kommentare

Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Er hängt in den Seilen: Ein junger roter Vari staunt Bauklötze im Zoo von Köln. (27. April 2017)
(Bild: Sascha Steinbach (EPA, Keystone)) Mehr...