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Auf den Spuren von Gilberte de Courgenay

Gilberte de Courgenay ist eine der bekanntesten Frauen der Schweiz. Doch wer war sie? Auf Spurensuche im Hôtel de la Gare im Jura, wo «la petite Gilberte» lebte.

1/11 Hilfsbereite Serviertochter: Wenn die Offiziere an der französischen Sprache scheiterten, half Gilberte schon mal als Sekretärin aus.
Bild: zvg

   

Das berühmte Lied

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«Hier hat meine Tante serviert», sagt Eliane Chytil-Montavon. Sie lässt den Blick durch den länglichen Saal mit den vielen alten Fotos an den Wänden schweifen. Dann beginnt sie lebhaft zu erzählen. «Gilberte hat nichts Aussergewöhnliches getan», sagt sie. «Sie war bloss zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten am richtigen Ort.»

Erster Weltkrieg: Die Ajoie war von Krieg führenden Mächten umgeben. General Wille schickte deshalb viele Schweizer Soldaten in den Pruntruter Zipfel. Wer in Courgenay stationiert war, traf sich im grössten Saal des Dorfes zum Trinken, Diskutieren und Kartenspielen. Um den Ansturm bewältigen zu können, musste die ganze Wirtsfamilie anpacken: die Eltern, die beiden Buben, die drei Töchter und die Cousinen. Die jüngste Tochter, die damals 18-jährige Gilberte, servierte. «Sie hat ihre Arbeit sehr gut gemacht», sagt Chytil-Montavon. Da Gilberte zuvor in der Deutschschweiz gelebt hatte, konnte sie sich in Dialekt mit den Soldaten unterhalten. «Sie war zudem sehr charmant. Und sie hatte ein schier unglaubliches Personengedächtnis. Die Soldaten schätzten es, dass Gilberte sie bereits beim zweiten Besuch mit Namen begrüsste.»

Bald schon schwärmten diese von der «petite Gilberte». Einige erzählten ihr auch, wo der Schuh drückt. Gilberte hörte zu, nähte bei Bedarf einen Knopf an oder griff für Offiziere, die der französischen Sprache zu wenig mächtig waren, in die Tasten.

«C’est la petite Gilberte»

Dass Gilberte bis heute nicht vergessen wurde, ist aber Hanns In der Gand zu verdanken. Der Komödiant und Musiker, der bei seinem ersten Courgenay-Besuch von der sagenhaften Serviertochter gehört hatte, holte diese bei einem späteren Auftritt zu sich – und trug das zweisprachige Lied über die «petite Gilberte» vor; ob ers selbst komponiert hatte, ist heute umstritten. Das Publikum stimmte begeistert in den Gesang mit ein. Der Ohrwurm wurde zum Volkslied – und Gilberte im ganzen Land bekannt. Als die Schweiz vor dem nächsten Krieg an der Deutschland-Frage entlang der Sprachgrenze zu zerbrechen drohte, wurde die Serviertochter Gilberte in einem Roman, einem Theaterstück und zwei Filmen zur nationalen Ikone stilisiert.

Gilberte arbeitete damals längst nicht mehr im Hotel: Bereits im Jahr 1923 hatte sie einen Deutschschweizer Geschäftsmann geheiratet – er war nie als Soldat in der Ajoie gewesen – und war zu ihm nach Zürich gezogen. 1957 starb sie an Krebs.

Hotel stand vor dem Aus

So erzählt Gilbertes Nichte. Mit nicht minder grossem Engagement berichtet Eliane Chytil-Montavon, wie ihre Familie das Hotel de la Gare schliesslich verkauft hat, es unter späteren Besitzern verlottert ist und gepfändet wurde. Und wie sie mit Mitstreitern eine Stiftung gegründet hat, um das Haus zu retten. Dank der Unterstützung des Basler Industriellen Moritz Schmidli bekam sie das nötige Geld nach langer Suche schliesslich zusammen. Seit neun Jahren ist das Hotel nun wieder geöffnet. Trotz der jüngsten Turbulenzen – der Stiftungsrat wurde nach Meinungsverschiedenheiten umbesetzt, die Familie von Moritz Schmidli will das Hotel verkaufen – bleibe dieses geöffnet, sagt die Wirtin Jacqueline Boillat. Sie führt durchs Hotel mit den sechs ganz unterschiedlichen Zimmern. Jenes, das Gilberte gewidmet ist, punktet mit antiken Möbeln und einer Badewanne mit gusseisernen Füssen.

Im Hotel kehrten vor allem Touristen und Geschäftsleute ein, erzählt Boillat, sowie Offiziere vom nahen Waffenplatz. Einen wichtigen Teil des Umsatzes erwirtschaftet sie aber mit dem Restaurant: Im Frühling und Herbst besuchen carweise Leute den alten Saal, die sich noch an die Figur der Gilberte erinnern. Und Eliane Chytil-Montavon sorgt jeweils dafür, dass die Geschichte ihrer Tante lebendig bleibt, der petite Gilberte de Courgenay. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.08.2010, 10:41 Uhr

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