«Hände weg von PVC»
Von Juliane Lutz. Aktualisiert am 17.05.2010 2 Kommentare
Müll in Bern: 60 Prozent Plastik
Täglich fallen in Bern 2,5 Tonnen Müll in Abfalleimern
und in Form von weggeworfenem Kehricht an. An schönen Sommertagen und übers Wochenende sind es bis 3 Tonnen. Rund 60 Prozent davon sind Plastikabfälle. Wer mehr zum Thema Abfall wissen will, dem bietet sich der Rundgang «Wenn die Stadt erwacht» des Jugendamts Bern an. Dort berichten auch Putzleute von ihren nächtlichen Einsätzen.
Nächster Rundgang: 21.Mai. Beginn: 4 Uhr, Loeb-Egge.
Nur mit Anmeldung: Tel. 031 3216383.
Es geht auch mit weniger
9Tipps:
1. Eine Jutetasche wird etwa so lange verwendet wie 22000 Plastiksäcke. Beim Einkaufen also wiederverwendbare Stofftaschen oder Körbe verwenden.
2. Wasser aus dem Hahn macht Plastikflaschen überflüssig und ist zudem günstiger.
3. Mineralwasser, Säfte und Milchprodukte in Mehrwegbehältern kaufen. Glas ist sehr stabil und gibt keine Schadstoffe an die Lebensmittel ab.
4. Beim Kauf von einzelnen Früchten oder Gemüsestücken Preisschild direkt auf das Produkt kleben. Damit spart man Berge an den feinen Kunststoffsäcken aus der Obst- und Gemüseabteilung ein.
5. Bei in Plastik eingeschweissten Lebensmitteln wie Schokoriegeln möglichst grosse Stückgrössen mit verhältnismässig wenig Plastik wählen.
6. Lieber Porzellan und Steingut statt Plastikgeschirr kaufen.
7. Bei Kosmetika und Haushaltreinigern auf Nachfüllflaschen achten.
8. Statt Plastikspielzeug Alternativen aus Holz und anderen Materialien schenken.
9. Auch bei Möbeln sind Holz, Glas und Metall oft die bessere Wahl.
Plastikgegner: Werner Boote (Bild: zvg)
Herr Boote, nach der Lektüre Ihres Buches «Plastic Planet» wird einem anders. Sie schreiben, dass im Meer treibender Plastikmüll über die Zeit zu Pulver zerrieben wird. Und in die Nahrungsmittelkette und damit auf unsere Teller gelangt.
Werner Boote: Gut. Eines der Ziele, das Co-Autor Gerhard Pretting und ich mit dem Buch verfolgen, ist, die Konsumenten auf die Gefahren von Plastik aufmerksam zu machen. Derart sensibilisiert kauft man das nächste Mal bewusster ein.
Sie haben auch recherchiert, dass auf einem Quadratmeter Meeresboden 110 Plastikteile liegen. Mit diesem Wissen verzichten Sie heute möglichst auf Plastik?
Natürlich lebe ich modern mit Handy und Computer. Beide Dinge sind leider aus Plastik, aber ich kaufe sehr konsequent Milch, Wasser und Joghurt nur in Glasflaschen. Die Sachen, die man daraus konsumiert, schmecken eh besser als aus Plastikbehältern. Ausserdem gehe ich nie ohne Einkaufstasche in den Supermarkt, und die Wäscherei verlasse ich stets ohne Plastikfolie.
Wenn man einmal nicht um den Kauf von Plastikwasserflaschen oder -säcken herumkommt, soll man sie mehrfach nutzen?
Den Sack ja, die Flasche lieber nicht. Je öfter sie wiederverwendet wird, umso mehr Schadstoffe können sich ablösen.
Letztlich ist es unmöglich, komplett auf Plastikgegenstände zu verzichten. Aber worauf sollte man achten?
Mit dem Grundsatz «refuse, reduce, reuse, recycle» (ablehnen, reduzieren, mehrmals verwenden, wiederverwerten) im Kopf kann sich jeder schon einer gewissen Menge Plastik verweigern. Übrigens macht in unserem Buch eine Familie aus Österreich vor, wie man recht gut auf Kunststoff verzichtet.
Was sind denn nun die absoluten No-Gos beim Plastikkauf?
Kunststoffe, die diesen typischen Plastikgeruch haben oder beim Berühren einen leichten Film auf der Haut hinterlassen, sollte man meiden. Hände weg von PVC. Es gehört wegen der zahlreichen in ihm enthaltenen Weichmacher zu den gefährlichsten Kunststoffen.
Steht eigentlich angeschrieben, welche Kunststoffe für ein Produkt verwendet wurden?
Nicht immer. Aber wenn PVC oder gar nichts draufsteht, würde ich es nicht kaufen. Von Polystyrol (PS) und Polycarbonat (PC) würde ich ebenfalls abraten. Ist jedoch bei einem Artikel aus Polycarbonat noch der Hinweis «BPA-frei» angegeben, weiss man zumindest, dass sich der Hersteller Gedanken macht.
Für was steht BPA?
Für Bisphenol A, eine der billigsten und am häufigsten eingesetzten Industriechemikalien, von der man weiss, das sie aus Kunststoffen austritt. Untersuchungen weisen darauf hin, dass BPA im Zusammenhang mit Herz- und Krebserkrankungen und Unfruchtbarkeit steht.
Die Hersteller wissen das und verwenden BPA dennoch weiter?
Das ist ja einer der skandalösen Zustände, denen wir ausgesetzt sind. Seit 18 Jahren warnen internationale Wissenschaftler eindringlich davor, aber die Substanz wird bei der Herstellung von Polycarbonaten verwendet. Etwa für hitzebeständige Trinkgefässe wie Babyfläschchen oder mikrowellengeeignetes Plastikgeschirr. Die Politiker setzen sich nicht gegen die mächtige Plastiklobby durch. Noch nicht. In Kanada etwa darf BPA nicht mehr in Babyfläschchen verwendet werden, und Frankreich ist als erstes europäisches Land dabei, es zu verbieten.
Aber woanders wird es noch in Babyfläschchen verwendet?
Ja. Übrigens war BPA auch in Nuggi enthalten. Das ergab ein Test, den wir für «Plastic Planet» von einem Wiener Labor durchführen liessen. Daraufhin wurden diese EU-weit vom Markt genommen. Wenn Sie also Fläschchen und Nuggi kaufen, achten Sie darauf, dass «BPA-frei» draufsteht. Oder greifen Sie zu Produkten aus Glas und Latex.
Was ist mit Produkten aus Biokunststoffen, die wenigstens rascher abbaubar sind? Wo kann man die kaufen?
Ein paar Hersteller finden Sie auf der Website www.keinheimfuerplastik.at. In diesem Bereich tut sich gerade sehr viel. Chinesische Hersteller, aber auch Lebensmittelriesen wie Rewe interessieren sich sehr dafür.
Interview: Juliane Lutz
Buch: «Plastic Planet», Gerhard Pretting und Werner Boote, Orange Press, Fr. 34.50.
Film: «Plastic Planet» läuft im Berner Kellerkino, Kramgasse 26, Tel. 031 311 38 05. (Berner Zeitung)
Erstellt: 17.05.2010, 12:11 Uhr
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2 Kommentare
Als ich vor 20 Jahren die Matura machte, war dieses Problem schon längst bekannt und nichts hat sich bis jetzt zum guten verändert, im Gegenteil. Heute gibt es fast nur noch PET-Flaschen. Dabei gilt doch die Plastik-Flasche, Plastik-Sack und die Beschichtungen in Dosen als Todsünde. Wieso gibt es keinen Pfand auf PET-Flaschen? Was Bisphenol-A anrichten kann, ist extrem bedenklich! Antworten
Herr Peter, scheinbar sind Sie der Einzige, den dieses Thema interessiert. Dies sehe ich schon an der Anzahl von Kommentaren. Wäre das Interesse ähnlich wie im Mamablog, wäre dieses Problem schon 1992 gelöst worden. Gerade die Mamablogger sollte es interessieren, da Kleinkinder dem BPA ausgesetzt sind. Weitsichtigkeit hat mit Intelligenz zu tun, die bei den erwähnten Bloggern an der Haustüre endet Antworten








































































































































