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Dreimal täglich SMS gegen das Vergessen

Von Pascal Schwendener. Aktualisiert am 15.07.2010

Die Volkskrankheit Nummer eins heisst «Non Compliance»: Patienten nehmen Medikamente nicht wie vorgeschrieben ein. Das hat weit reichende gesundheitliche und ökonomische Folgen. Eine viel versprechende Kur dagegen: SMS.

E-Health unterstützt das Selbstmanagement von Patienten.

E-Health unterstützt das Selbstmanagement von Patienten.
Bild: Beat Mathys

«Der Arzt soll sich immer bewusst sein, dass Patienten lügen, wenn sie behaupten, dass sie eine bestimmte Medizin eingenommen hätten», lautet ein bekannter Ausspruch des Hippokrates von Kos. Und obschon sich das Verhältnis zwischen Arzt und Patient seit der Antike doch etwas gewandelt hat: Am beschriebenen Phänomen hat sich in den letzten 2500 Jahren nichts geändert.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht heute davon aus, dass bei Langzeittherapien nur gerade die Hälfte der Patienten der Therapie treu bleibt. Die übrigen vergessen ihre Medikamente einzunehmen, schlucken zu viel davon oder brechen ihre Therapie ganz einfach ab. Dabei macht es kaum einen Unterschied, ob jemand nun an Depressionen, HIV, Asthma, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen leidet: Die Sache mit den Pillen hat jeder Zweite nicht im Griff.

Diese mangelnde Therapietreue – im Fachjargon Compliance genannt – hat schwerwiegende Konsequenzen für die Gesundheit der Patienten einerseits und auf die Gesundheitskosten andererseits. Ein Beispiel:

Die Kosten für einen Diabetespatienten, der seinen Zustand gewissenhaft überwacht, liegen in den USA bei 5000 Franken. Nimmt er es mit dem Insulin nicht so genau, liegen sie neunmal höher bei 45'000 Franken, denn der Zuckerkranke riskiert Gewebeveränderungen, die allenfalls eine Hospitalisation oder gar eine Amputation nötig machen, allenfalls auch einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall.

Jeder 4. Notfall provoziert

Bei den Schweizer Versicherern rechnet man damit, dass die nachlässigen und vergesslichen Patienten hierzulande jährlich Kosten von rund einer Milliarde Franken verursachen. Weil sie die ärztlichen Anweisungen und Ratschläge nicht befolgen, müssen ihre Therapien angepasst und verlängert werden, sie generieren zusätzliche Medikamenten- und Spitalkosten. Felix Huber vom Ärztenetzwerk Medix in Zürich schätzt, dass sich gar jede vierte Notfallhospitalisierung vermeiden liesse, wenn sich chronisch kranke Patienten an die Empfehlungen ihres Arztes halten würden. Auf jeden Fall würden sich die Therapiechancen signifikant verbessern.

Kontrolle ist besser

Hier setzt nun die neue Dienstleistung von Andreas Schiesser an. Die Geschäftsidee des 56-Jährigen: ein einfaches, aber umfassendes System, das Kranke an ihre «Patientenpflichten» erinnert. Ein SMS auf dem Handy oder ein Telefonanruf mahnt den Patienten, dass es Zeit ist für eine Spritze, ein Medikament, eine Impfung oder auch für den Arztbesuch. «Memorems» heisst dieser Dienst: Memory Reminder System. 2008 ins Leben gerufen, schaffte es die Dienstleistung noch im gleichen Jahr zum Finalisten des Jungunternehmerpreises Nordwestschweiz. Im ersten Halbjahr 2010 erinnerte er bereits 25'000 Personen an ihre Medikamenteneinnahme.

Verbesserte Therapietreue

«Unsere SMS gegen das Vergessen sind sicher kein Wundermittel», sagt Andreas Schiesser. Verschiedene Studien hätten aber gezeigt, dass sich mit Remindern via Telefon und SMS die Therapietreue um 5 bis 30 Prozent verbessern lässt. Bei einem Versuch in Lausanne konnte sogar eine Compliance von 90 Prozent erreicht werden. Eine Kurznachricht kann also durchaus einen grossen, langfristigen Effekt erzielen.

Aus Erfahrung klug

Es ist kein Zufall, dass gerade Andreas Schiesser auf die Idee mit dem Medikamenten-Reminder-System kam. Der Doktor der Wirtschaftswissenschaften hat eine 25 Jahre lange Karriere in der Pharmabranche hinter sich, in verschiedenen Positionen, vor allem bei Roche. Spezialbereich Therapietreue und Disease-Management. Schiesser weiss daher: «Ein Medikament kann nur dann wirken, wenn es auch tatsächlich eingenommen wird.»

Wer Interesse an seinem Dienst hat, nimmt Kontakt mit seinem Arzt oder Apotheker auf. Dieser richtet die gewünschte Erinnerungsmeldung gemeinsam mit dem Memorems-Dienst ein, was Gewähr für eine medizinische Kontrolle und Datensicherheit bietet. Einzige «Nebenwirkung»: Für eine Dosis von drei Kurzmitteilungen täglich bezahlt man rund einen Franken. «Wer drei verschiedene Medikamente parallel einnimmt, kann sich ‹Compliance-Hilfen› vom Arzt verschreiben und von der Krankenkasse vergüten lassen», erklärt Andreas Schiesser und rät: «Fragen Sie einfach Ihren Arzt oder Apotheker.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.07.2010, 12:18 Uhr

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