Der Mikronaut
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«I am genuinely impressed with the quality of your images and your restrained use of color – Ich bin ehrlich beeindruckt von der Qualität Ihrer Bilder und von Ihrem zurückhaltenden Gebrauch von Farbe.» Dies schreibt kein Geringerer als Todd James, Senior Photo Editor von «National Geographic», dem berühmten US-Magazin, das rund um die Erde in einer Auflage von 25 Millionen Exemplaren gelesen wird. Für Martin Oeggerli, an den die Worte gerichtet waren, bedeutete James’ Urteil der Ritterschlag in seiner noch jungen Karriere.
Reisender in den Mikrokosmos
Es katapultierte den Schweizer Biologen, 36 Jahre alt, mit einem Schlag in den Olymp der weltweiten Fotografengilde. Und also ob die Auszeichnung, innert weniger Monate gleich zweimal im «National Geographic» publiziert zu werden, nicht schon genug wäre, erhielt Martin Oeggerli vor kurzem einen wichtigen internationalen Preis: Seine Pollenbilder erzielten in der Kategorie «Special: Micro Pro» der International Photography Awards 2010 den zweiten Rang. «Wissenschaftlicher Fotograf ist jetzt mein Hauptberuf», sagt Oeggerli auf die Frage, was er denn hauptberuflich mache. «Mikronaut» nennt er sich spielerisch, Reisender in den Mikrokosmos.
Pollen aus aller Herren Ländern
Es begann vor etwa fünf Jahren mit einem Zufall. Martin Oeggerli, seit seiner Promotion in der Krebsforschung an der Universität Basel tätig, gerieten per Zufall ab und zu Pollen unters Mikroskop. Eines Tages, er war mit einer Arbeit am Raster-Elektronenmikroskop beschäftigt, entdeckte er unter seinem Objektiv den Pollen einer Tulpe – und war fasziniert: «Struktur und Farben waren wunderschön anzusehen», erzählt Martin Oeggerli, «und ich erkannte das Potenzial für fantastische Bilder.»
Angestachelt von seiner Neugierde begann er, von der ganzen Welt Pollen zu sammeln. In allen Kontinenten kontaktierte er Bekannte oder Kollegen mit der Bitte, ihm von dieser oder jener Pflanze eine Pollenprobe nach Basel zu schicken. Mit dem Zug fuhr er einmal pro Woche nach Altdorf, dort schob er die Präparate ins Rasterelektronenmikroskop der PTU (Prüftechnik Uri GmbH). Was sich seinem Auge präsentierte, war überwältigend: glatt oder stachlig, rund wie Fussbälle oder oval wie Hühnereier, mit kraterähnlichen Oberflächen oder ballonartigen Ausstülpungen – «die Topographie von Pollen ist grenzenlos», sagt Martin Oeggerli. An den Pollen von Nadelbäumen zum Beispiel hängen Luftsäcke, zu deren Funktion verschiedene Theorien existieren. Manche Fachleute sehen darin die Flugfähigkeit der Pollen begünstigt, andere meinen, dank der Luftsäcke könne der Pollen besser in die Eizelle eindringen.
Dass die verschiedenen Strukturen dazu bestimmt sind, dem Pollen und letztendlich der Pflanze einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, davon ist auch Martin Oeggerli überzeugt. «Manche Pollen weisen Stacheln auf, um im Gefieder von Vögeln besser hängen zu bleiben», erklärt er, «andere sind von einem klebrigen Film überzogen, damit sie an den Insekten besser haften, wieder andere haben an der Oberfläche winzige Öffnungen, die sie Wasser aufsaugen und somit schneller keimen lassen: All diese Varianten erhöhen die Chancen einer erfolgreichen Befruchtung.»
Pixel für Pixel zum kompletten Scan
Weil die Oberfläche von Pollen, die das männliche Genom einer Pflanze bergen, über Jahrmillionen einen widerstandsfähigen Schutz beispielsweise gegen UV-Strahlen entwickelt haben, kann man sie mehr oder weniger problemlos bearbeiten. «Manchmal lasse ich den Pollen quellen, damit seine Oberfläche umso schöner zur Geltung kommt», sagt Martin Oeggerli. Seine stark vergrösserten Bilder erzeugt der Fotograf nicht mit einem optischen Gerät, sondern mit dem Raster-Elektronenmikroskop (REM). «Erst wird ein Vakuum erzeugt, dann wird der Pollen vom Elektronenstrahl Pixel für Pixel abgetastet», erklärt er. Die Auflösung beträgt im Idealfall bis zu 0,5 Nanometer, also ein Fünfmillionstel Millimeter – schon rein numerisch kaum vorstellbar, geschweige denn von blossem Auge erfassbar. Auf diese Weise baut sich über mehrere Minuten ein Schwarz-Weiss-Bild auf. Diesem fügt Martin Oeggerli im Nachhinein per Computer die Farben wieder zu. Teilweise über 100 Stunden dauert dieser aufwendige Kolorationsvorgang.
Nach drei Jahren Arbeit hatte Martin Oeggerli ein Portfolio mit Bildern von 50 Pollenarten beisammen, darunter auch den grössten – von der Kürbispflanze – und den kleinsten, das Vergissmeinnicht, sein persönlicher Liebling. Längst hatte er einen grossen Entschluss gefasst: Er wollte seine Fotos dem «National Geographic» anbieten, das er seit seiner Kindheit begeistert las. «Vergessen Sies», wurde ihm zwar beschieden, als er sich in den USA nach Einreichekriterien erkundigte. Er versuchte es trotzdem – und landete einen Volltreffer.
Enorme Resonanz
Im Dezember 2009 veröffentlichte das renommierte Magazin in einem grossen Artikel sechs seiner Pollenbilder, zusammen mit einem Text des australischen Autors Robert R. Dunn. Die Resonanz war enorm. «Einen Monat lang war ich praktisch nur noch damit beschäftigt, E-Mails zu beantworten», erzählt Oeggerli. Im September brachte das «National Geographic» bereits sein zweites Projekt, diesmal Mikrobilder von Schmetterlingseiern – nicht minder faszinierend.
Martin Oeggerli war in Italien in den Ferien, als das Heft herauskam. An einem Kiosk kaufte er zwei Exemplare, die Kioskfrau tippte sich an die Stirn: Wirklich zwei Hefte, ob er sicher sei? Der junge Fotograf nickte: eins fürs Archiv, eins für einen guten Freund in Sizilien. Unter dem Mikroskop hat er längst neue Motive ins Auge gefasst. Die Reise in den Mikrokosmos ist noch weit. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.10.2010, 11:48 Uhr
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