Nach der Sonnenfinsternis

Die Dunkelheit ist ein Übergangszustand, und so trägt auch der Karfreitag bereits das Osterlicht in sich: Gedanken von Gottfried Locher, Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, zu Karfreitag und Ostern.

Karfreitag ist die Sonnenfinsternis des Glaubens.

Karfreitag ist die Sonnenfinsternis des Glaubens.

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Was feiern wir eigentlich an Ostern? Eine Antwort gibt dieses spektakuläre Bild einer totalen Sonnenfinsternis vom Mai 2012. Die Sonnenfinsternis ist eine eigenartige Erfahrung. Natürlich wissen wir, dass sie vorübergeht, dass sich da bloss ein Naturspektakel abspielt, dass nachher alles wieder beim Alten ist. Und doch, wenn sich der Mond dann vor die Sonne schiebt und der Himmel düster wird, wenn die Farben verblassen und sich die Luft abkühlt, dann kann es einem schon kalt den Rücken hinunterlaufen. Was, wenn es nun so dunkel bliebe? Wenn die Sonne wegbliebe?

In der Sonnenfinsternis ahnen wir, wie ganz und gar abhängig wir sind von jenem fremden Licht. Ohne seine Kraft geht hier gar nichts. Ein kosmischer Lichtausfall und bei uns erlöscht alles Leben. Das macht die Sonnen­finsternis zur Grenzerfahrung. Gut, dauert sie nur kurz, dann gibt der Mond die Sonne wieder frei, das Licht dringt durch, und die Welt wird hell und warm wie zuvor. Das Leben geht weiter.

Sonnenfinsternis als Grenzerfahrung: Davon erzählt auch die Bibel. Es ist Karfreitag, Jesus wird gekreuzigt, er stirbt einen stundenlangen, qualvollen Tod. Und dann: «Eine Finsternis kam über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und Jesus sprach: In deine Hände lege ich meinen Geist.» Mit diesen Worten stirbt Jesus. Für die, die an ihn glauben, ist damit alles verloren. Sie haben ihm vertraut, ihm, der eine bessere, gerechtere Welt in Aussicht gestellt hat; ihm, der sich nicht zu schade war, für seine Botschaft zu leiden, der sich verspotten und demütigen liess, der sein Leben gab, damit andere ihres nicht verlieren würden. Und nun ist er tot. Der Karfreitag ist die Sonnenfinsternis des Glaubens.

Zurück zum Bild: Eine schwarze Scheibe verdeckt das Licht – wir sehen schwarz. Das erinnert an eine andere, ganz persönliche Grenzerfahrung: die Verzweiflung. Dann, wenn wir in einer schwierigen Lebenssituation nicht mehr weiterwissen, eben schwarzsehen; dann, wenn wir einen Klumpen im Hals und einen Druck auf der Brust haben. Wenn uns die Angst fest im Griff hat. Die Verzweiflung, das ist unser eigener Karfreitag.

Sicher ist: Irgendwer erleidet gerade jetzt seinen Karfreitag, sei es bei uns ganz nah oder weiter entfernt: die Mütter und Väter der mit dem Giftgas getöteten Kinder in Syrien beispielsweise; die Kopten, die in Ägypten in ihren Kirchen angegriffen werden, die Familien der Terroropfer in London und Stockholm und St. Petersburg; die vom IS geschändeten jesidischen Frauen im Irak. Karfreitag ist immer irgendwo. Unsere Welt stöhnt unter der andauernden humanitären Sonnenfinsternis. Wir sollten nichts schönreden, gerade an Ostern nicht.

Auch die Menschen unter dem Kreuz wussten ob ihres Karfreitags nicht weiter. Ihre Verzweiflung war – total. Aber schon zwei Tage später wurde klar: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Am Sonntagmorgen finden Frauen das leere Grab, Christus ist auferstanden. «Der Engel sagte zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiss, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier, er ist auferweckt worden.»

Die Ostergeschichte ist konkret, ja leiblich, aber ihr Sinn weist über ihre Zeit hinaus, sie spricht in unser Leben. Wieder hilft ein Blick auf das Bild: Hinter der schwarzen Scheibe des Mondes gleisst ringförmig die helle Sonne. Der Mond vermag die Sonne nicht ganz zu verdecken, im Gegenteil, der dunkle Kern richtet den Blick erst recht auf den hellen Rand. Es ist nur eine Frage der Zeit, dann bricht das Licht wieder unvermindert durch und die Sonne ist wieder in ihrer vollen Pracht zu sehen. Jeder neue Karfreitag in unserem Leben trägt schon ein Osterlicht in sich. Dunkelheit gibt es nur als Übergangszustand, wie bei einer Sonnenfinsternis. Neues Licht wartet schon darauf, wieder zu leuchten.

Wie gesagt, es gibt nichts schönzureden. Der Karfreitag bleibt brutal und allgegenwärtig, und irgendwo erleidet ihn jemand gerade jetzt. Aber gerade deswegen feiern wir Ostern, Jahr für Jahr, in guten Zeiten und in schlechten. Wer mitfeiert, setzt ein Zeichen gegen die zerstörerische Macht des Todes. Wer mitfeiert, reiht sich ein in eine weltumspannende Gemeinschaft all jener, die sich nicht zufriedengeben mit der Welt, wie sie ist.

Wer mitfeiert, verpflichtet sich, selber auch etwas von dem umzusetzen, was der Gekreuzigte damals vorgelebt hat: Nächstenliebe, Geduld, Grosszügigkeit zum Beispiel, aber auch Mut, Zivilcourage und Entschlossenheit. Gottesdienst findet schliesslich nicht nur in der Kirche statt, sondern ebenso draussen bei den Menschen. Dort draussen, wo Menschen leiden und verzweifeln, dorthin gehört die Osterbotschaft, nicht nur verkündigt, sondern umgesetzt, glaubwürdig gemacht durch die Tat.

Karfreitag ist nicht alles, was diese Welt zu bieten hat. Seit zweitausend Jahren erinnert uns Ostern daran. Wie lange noch? Wie lange noch müssen wir dem Karfreitag widersprechen? Sicher noch lange, aber ebenso sicher einmal nicht mehr. Auch das ist die Botschaft von Ostern. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.04.2017, 19:40 Uhr

Gottfried Locher (50) ist seit 2011 Präsident des Rats des Schweize­rischen Evangelischen Kirchenbundes und damit der höchste Reformierte in der Schweiz. Seit 2015 ist er zudem Vorsitzender des Schweizerischen Rats der Religionen und seit 2016 Präsident des Rats der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa. Locher ist ­verheiratet und Vater von drei Kindern. (Bild: Beat Mathys)

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