«Männer haben oft das Gefühl, sie dürften kein Opfer sein»

Ein ehemaliger Schüler wirft dem Pädagogen Jürg Jegge Missbrauch vor. Pia Altorfer, Leiterin Beratungsstellen Opferhilfe Bern und Biel, erklärt, wieso sich Opfer oft erst spät zu Wort melden.

Jürg Jegge mit seinem Bestseller «Dummheit ist lernbar» (1977).

Jürg Jegge mit seinem Bestseller «Dummheit ist lernbar» (1977). Bild: Keystone

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Frau Altorfer, nach 30 Jahren redet Markus Zangger über den mutmasslichen Missbrauch durch seinen ehemaligen Lehrer Jürg Jegge. Wieso wartet ein Opfer so lange?
Pia Altorfer: Dafür kann es verschiedene Gründe geben. Das Thema Missbrauch ist mit viel Scham besetzt, manche Opfer verdrängen das Geschehene deshalb jahrelang. In anderen Fällen stecken sie in einem Loyalitätskonflikt. Oft sind die Täter Personen, die ihnen nahestehen, zum Beispiel Verwandte oder Freunde. Die Opfer müssen sich zuerst aus dieser psychischen Abhängigkeit lösen, ehe sie ihr Schweigen brechen können. Schliesslich gibt es auch Täter, die drohen: «Wenn du etwas erzählst, machst du die ganze Familie kaputt.» Diese Angst lähmt.

Wieso schämen sich Missbrauchsopfer so sehr? Sie haben ja nichts falsch gemacht.
Viele denken, sie trügen doch eine Schuld, weil sie sich in ihrer Ohnmacht nicht wehren konnten. Manche Täter machen sich diese Schuldgefühle zunutze. Sie sagen: «Du hättest ja gehen können.» Bei Kindern kommt hinzu, dass sie oft nicht wissen, was mit ihnen passiert. Sie spüren zwar, dass etwas nicht richtig ist, aber sie können das Geschehene nicht in Worte fassen.

Wieso beschliessen manche ­Opfer später dennoch, die Tat plötzlich zu melden?
Meistens gibt es einen Zusammenhang mit einschneidenden Umbrüchen im Leben. Wir stellen fest, dass junge Männer oft dann über einen früheren sexuellen Missbrauch reden, wenn sie ihre erste intime Beziehung haben. Sie spüren, dass sie ihr Trauma angehen müssen, damit die Beziehung funktionieren kann. Bei manchen Männern kommt das Unrecht sogar erst hoch, wenn sie Vater werden. Das liegt einerseits daran, dass sie nun niemandem mehr – auch sich selber nicht – beweisen müssen, dass sie nicht schwul sind. Diese Befürchtung haben männliche Missbrauchsopfer oft. Anderseits denken viele: «Hoffentlich passiert das meinem Kind nie.» Deshalb reden sie dann darüber.

Ist es für Männer generell schwieriger, einen erlebten Missbrauch zu thematisieren?
Frauen reden tendenziell eher darüber – oft schon kurz nach der Tat. Männer haben häufig das Gefühl, sie dürften gar kein Opfer sein. Das macht es für sie besonders schwierig, das Tabu anzusprechen. Aber natürlich gibt es auch Frauen, die schweigen.

Im Fall von Markus Zangger, der in «Jürg Jegges dunkle Seite» seine Geschichte erzählt, war der Tod seiner Frau der Auslöser für die Buchpublikation.
Es kann natürlich sein, dass die Trauer nach einem Todesfall die Trauer von früher wieder hochkommen lässt.

Soll ein Opfer den Täter überhaupt direkt konfrontieren?
Es gibt sogenannte Offenlegungsgespräche, die am besten im Rahmen einer Psychotherapie durchgeführt werden. Dabei kommen Täter und Opfer zusammen. Doch der Therapeut oder die Therapeutin müssen mit dem Opfer dieses Gespräch sehr sorgfältig vorbereiten und einführen – und natürlich muss der Täter dazu bereit sein. Es geht darum, dass er einsieht, was er dem Betroffenen angetan hat. Das kann bei der Verarbeitung helfen.

Sind die Täter teilweise sogar froh, wenn sie entlarvt werden?
Wir sind natürlich klar Partei der Opfer und nicht der Täter. Wir wissen aber von Tätern, dass sie erleichtert waren, als ihre Taten bekannt wurden.

Die Opfer müssen vor Gericht beweisen, dass ein Missbrauch stattgefunden hat. Das dürfte oft schwierig sein, vor allem, wenn viel Zeit seit der Tat ­vergangen ist. Wie belastend ist dies?
Bei den Befragungen durch die Polizei haben die Betroffenen häufig das Gefühl, ihnen werde nicht geglaubt und sie müssten sich rechtfertigen. Das ist für sie sehr schwierig. Es kann sie zusätzlich traumatisieren. Deshalb zeigen wir allen, die Rat bei uns suchen, die Vor- und Nachteile eines Strafverfahrens auf. Falls sie diesen Weg wählen, müssen sie die Befragungen aushalten können.

Was erhoffen sich die Opfer von sexuellem Missbrauch, wenn sie sich nach Jahren doch melden?
Wenn die Tat schon lange her ist, hoffen sie vor allem, dass sie sie psychisch aufarbeiten können. Sie wollen, dass ihnen jemand sagt: «Was dir angetan wurde, ist Unrecht.» Sogar wenn es zu einem Strafverfahren kommt, steht nicht eine Genugtuung oder eine Entschädigung im Vordergrund. Entweder geht es darum, andere vor dem Täter zu schützen, oder darum, dass der Täter einsieht, was er dem Betroffenen angetan hat. Dies ist in der Regel der grösste Wunsch: dass der Täter bereut, sich vielleicht sogar entschuldigt und sieht, welche Konsequenzen seine Handlungen für das weitere Leben des Opfers hatten.

Markus Zangger bezeichnet sein Buch als Aufarbeitung. Es wirkt aber auch wie eine Abrechnung.
Ich glaube, dass das Buch für den Autor eine Form der Verarbeitung ist. Für Aussenstehende mag die Publikation wie eine Abrechnung wirken. Das war aber kaum die Absicht. Ich denke, es geht darum, erlittenes Unrecht zu benennen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.04.2017, 10:24 Uhr

Pia Altorfer Leiterin Beratungsstellen Opferhilfe Bern und Biel (Bild: zvg)

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