Aus die Maus?!

Wer Wühlmäuse umweltschonend loswerden will, darf vor unkonventionellen Methoden nicht zurückschrecken – ebenso wenig wie vor Ärger mit den Nachbarn. Vor allem, wenn diese keinen Fischgeruch mögen.

Eine Feldmaus: Der kleine Nager mag zwar ganz possierlich aussehen, ist aber zum Ärger vieler Gärtner ausgesprochen fruchtbar und gefrässig.

Eine Feldmaus: Der kleine Nager mag zwar ganz possierlich aussehen, ist aber zum Ärger vieler Gärtner ausgesprochen fruchtbar und gefrässig. Bild: Fotolia

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Neben Weltumsegelungen im Boot und Sahara-Expeditionen ohne Trinkflasche gehört das Vertreiben oder das Bekämpfen von Wühlmäusen zu den letzten Abenteuern unserer Tage. Zum Glück gibt es genügend Ratgeber, die den ohnehin überforderten Menschen bei derlei Wagnissen nicht alleine lassen.

Lustvolle Fruchtbarkeit

Für alle, die der Natur noch nie einen Garten abgetrotzt haben, muss hier jedoch zunächst erklärt werden, mit wem wir es zu tun haben: Zur Familie der Wühler, Unterfamilie: Wühlmäuse (auch Wühl- oder Erdratten genannt), gehört neben der knapp 20 Zentimeter langen Schermaus (Arvicola terrestris) die etwas kleinere Feldmaus (Microtus arvalis), die ihre geringere Körpergrösse indes eindrucksvoll durch eine noch lustvollere Fruchtbarkeit wettzumachen weiss: In guten Jahren kann das possierliche Tier 50–60 Junge werfen, die ihrerseits wenig später damit beginnen, die weite Welt zu bevölkern. Denn schon als Säuglinge können junge Feldmausweibchen – wohlgemerkt im zarten Alter von etwa 13 Tagen – selbst begattet werden. Dieser Gartenfeind schläft also nicht!

Scher- und Feldmaus jedenfalls ergehen sich mit Leidenschaft darin, neben Feldern auch Gärten derart zu unterhöhlen, dass Maulwürfe vor Neid erblassen würden, wären sie dazu imstande. Obendrein treibt das Mausgewühle Gartenbesitzern den kalten Angstschweiss auf die Stirn und manche von ihnen gar dazu, zwischen Gedanken an Selbstmord mittels einer Spitzhacke und Giftgasattacken hin und her zu schwanken.

Solch bittere Erfahrung hat bereits der Zeichner und Schriftsteller Manfred Schmidt (1913– 1999) in seinem meisterlichen Bericht «Mein Kampf mit der eigenen Scholle» beschrieben.

Dabei erlebte der Erfinder des ­legendären Detektivs Nick Knatterton die Düsternis vollständiger Resignation und notierte entnervt: «Nach langem und vergeblichem Kampf gegen die Wühlmäuse bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass diese Tiere die intelligentesten und ­widerstandsfähigsten Lebewesen unserer Erde sind. Sie dürften auch eine atomare Ausein-andersetzung überleben und sind wahrscheinlich dazu ausersehen, eine neue und bessere Zivilisation aufzubauen.»

Genau auf diese Kapitulation allerdings scheinen es die listigen Wühlmäuse anzulegen. Der Verzweiflung ihrer Opfer sicher, erweitern sie ihre Gänge mit der Hartnäckigkeit von Tunnelbohrmaschinen. Von Maulwurfröhren unterscheiden sich diese zum einen dadurch, dass sie hochoval statt breitoval sind. Zudem ragen keine Pflanzenwurzeln mehr in die Gänge hinein, weil diese abzunagen ja genau der Zweck ist, zu dem sich Wühlmäuse durchs Erdreich stemmen.

Die unter Naturschutz stehenden Maulwürfe lassen mit ihren Röhren zwar ähnlich geschickt die Besitzer von Gartenmöbeln samt derselben hinab ins Reich der Tiefe sinken. Anders als Schermaus und Konsorten scheren sie sich aber wenigstens nicht um zarte Pflänzchen, weil sie es auf Würmer, Engerlinge und andere Larven abgesehen haben.

Stichprobe mit Eisenstab

Wer nun herausfinden möchte, ob er es in seinem Garten (oder dem, was die Wühler davon übrig gelassen haben) mit Wühlmäusen oder streng geschützten Maulwürfen zu tun hat, möge sich an die sogenannte Verwühlprobe halten: Dazu wird mittels eines Eisenstabes und in einer wörtlichen zu verstehenden Stichprobe ein Gang gesucht und auf einer Länge von etwa 30 Zentimetern aufgegraben. Verschliesst das Wühltier innerhalb weniger Stunden den entblössten Gang, handelt es sich um eine Wühlmaus. Ein Maulwurf hingegen würde unter dem geöffneten Abschnitt einen neuen Gang graben. Ausserdem ähneln seine hoch aufgeworfenen Erdhügel einer Pyramide und weisen kein Eingangsloch auf.

Wut und Sorgen von Wühlmausgeplagten versteht vermutlich nur, wer sich an Winterabenden mühsam und akribisch einen Pflanzplan ausgemalt und dann liebevoll die eigene Scholle mit Tulpen- und Lilienzwiebeln bestückt hat, ergänzt durch die Aussaat von Radieschen- und Männertreusamen in gewagten Arabesken, die Wühlmäuse nicht einmal ansatzweise zu würdigen wissen. Das hält diese freilich nicht davon ab, später ganze Stiefmütterchenbüschel in ihre Höhlen zu zerren und genüsslich zu verspeisen.

Gefrässige Nager

Es war die Wühlmaus am Werk, «wenn sich die schönsten, kräftigsten Pflanzen von einem auf den anderen Tag nur noch als schlappe, welke, wurzellose Strünke aus dem Boden lupfen lassen» – so hat der «Freundeskreis Botanischer Garten Aachen» schon vor Jahren die Arbeitsergebnisse des «gefrässigen Nagers im Untergrund» beschrieben. Das Problem hält munter an.

Doch was ist gegen die Nimmersatten im Untergrund zu tun? Sagen wir es rundheraus: Es verhält sich hier wie in der Politik: Es gibt so viele Patentrezepte wie Ratlose. Immerhin hat sich die Ratgeberliteratur dem Problem seit vielen Jahren gewidmet und ist zu erstaunlichen Wegen der Abhilfe gelangt: So soll, wer als Maulwurffreund auf Gift­köder und Giftgas verzichten will, leere Flaschen mit der Öffnung nach oben in die Erde rammen und den Wind im Flaschenhals pfeifen lassen – ein Säuseln, das die wühlenden Nager nicht sonderlich schätzen.

Wer möchte, kann auch Katzen, Rotfüchse, Hermeline oder Mauswiesel als Wühlmausvertilger einsetzen oder zumindest ihren Besuch im Garten fördern. Drittens können in die Gänge eingegrabene Drahtfallen das Problem zumindest lindern.

Fragwürdige Tipps

Das im Grunde sehr erfreuliche Buch «Der Biogarten» hingegen rät dazu, Übelriechendes wie Fischköpfe oder Jauche aus Holunderblättern in die Mäusegänge zu kippen – ob der Garten danach für Menschen noch benutzbar ist, bleibt unerwähnt. Noch wirksamer als müffelnde Forellen und pfeifende Flaschen sei ­allerdings eine andere Methode: «Stossen Sie eine kräftige Eisenstange an wühlmausgefährdeten Stellen in den Boden», heisst es im Buch, und weiter: «Schlagen Sie mehrmals täglich mit dem Hammer auf das Metall. Der helle Klang und die gleichzeitig ent­stehende Druckwelle vertreiben die Wühlmäuse, wenn der Gärtner ausdauernd genug ist.»

Dieser Rat erklärt vielleicht, warum der biologische Gartenbau zwar allerhand bunte Blüten treibt, aber weder bei Feld- und Schermaus noch bei Nachbarn von Biogärtnern sonderlich beliebt ist.

Toleranz ist gefragt, wenn der Grillabend durch eifriges Wühlmausbekämpfen in der Nachbarschaft nicht unwesentlich beeinträchtigt wird – ganz abgesehen davon, dass man ausser den Heavy-Metal-Klängen auch noch Asyl suchende Wühlmäuse ertragen muss, die um ihre Trommelfelle fürchten und sich auf die Suche nach Oasen der Ruhe begeben.

Löblich hingegen ist ein weiterer Rat des Biogarten-Buchs: «Versuchen Sie mit den vorher beschriebenen Mitteln möglichst gemeinsam mit ihren Nachbarn gegen die gefrässigen Nager vorzugehen.» Spätestens hier wird klar, warum Schrebergartenko­lonien fälschlicherweise oft für neu eröffnete Grossbaustellen und Fischfabriken gehalten werden, wo doch in Wahrheit Rudel von Naturgärtnern in vorbildlicher und heute seltener Solidarität Wühlmäusen nachstellen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 30.03.2016, 12:03 Uhr

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