Wo der Familienschmuck zu Bargeld wird

Von Andrea Fischer. Aktualisiert am 27.01.2009 1 Kommentar

Auf unbürokratische und schnelle Art zu Geld kommen? Die Zürcher Pfandleihkasse machts möglich. Sie erfreut sich wachsender Beliebtheit.

Geschäftsleiter Urs Lusti im Tresorraum.

Beat Marti

Ein Prozent Monatszins seit 137 Jahren

Das Pfandleihhaus ist eine Filiale der Kantonalbank. Es hat einen sozialen Leistungsauftrag und gewährt kostengünstige Darlehen.

Der Regierungsratsbeschluss stammt noch aus dem vorletzten Jahrhundert. Er verpflichtet die Zürcher Kantonalbank dazu, eine sozial ausgerichtete Pfandleihkasse zu führen. Der Zins für die gewährten Darlehen wurde auf ein Prozent pro Monat beschränkt. Mit dieser Regelung sollte den Wucherern das Handwerk gelegt werden, welche damals die Not der Leute mit überhöhten Darlehenskosten schamlos ausnützten.

An diesem Leistungsauftrag hat sich in den 137 Jahren seit Bestehen der Kasse nichts geändert. Und während die andern Deutschschweizer Städte ihre Pfandleihhäuser aus Kostengründen schon längst dichtgemacht haben, sei das in Zürich kein Thema, sagt Geschäftsleiter Urs Lusti. «Wir dürfen defizitär sein.»

Wer mit der Kasse ins Geschäft kommen will, braucht zunächst einen Wertgegenstand zum Verpfänden. Ausserdem muss er volljährig sein, sich ausweisen können, einen Wohnsitz in der Schweiz haben und belegen können, dass das offerierte Pfand sein Eigentum ist. Bargeld gibts für Schmuck, Edelsteine, Münzen, Schweizer Markenuhren, seltener für teure Fahrräder oder wertvolle Musikinstrumente.

10 Prozent des Warenwertes

Die gewährten Darlehen sind bescheiden und belaufen sich auf ungefähr 10 Prozent des Warenwertes. Für eine wertvolle neue Rolex-Uhr können es auch 20 Prozent sein, sagt Lusti. Ein Barren Gold wird gar bis zu 40 Prozent seines Wertes belehnt. Möbel, Teppiche oder Kunstgegenstände nimmt das Pfandleihhaus keine mehr an. Auch elektronische Geräte nicht. Das Pfand müsse einen Wiederverkaufswert haben, erläutert Urs Lusti, was beim rasanten Preiszerfall bei der Elektronik nicht gewährleistet sei.

Edelmetalle überprüfen die Pfandleiher selber auf ihre Echtheit. Für Brillanten ziehen sie externe Fachleute bei. Und um sich gegen die zunehmend besser werdenden Fälschungen von Uhren zu wappnen, lassen sich die Mitarbeiter der Kasse regelmässig von Uhrenfirmen informieren. Dennoch kann Lusti nicht die Hand ins Feuer legen dafür, dass in seinem Tresor nur echte Rolex-Uhren liegen. Da über 90 Prozent der Pfänder aber wieder abgeholt werden, falle dies nicht allzu stark ins Gewicht.

Eine Auslösung des Pfandes ist jederzeit möglich. Die Darlehen haben eine Laufzeit von sechs Monaten, sind aber verlängerbar. Meldet sich der Besitzer trotz zweimaliger Mahnung nach Ablauf der Darlehensdauer nicht, wird das Pfand versteigert. 2008 war das bei 450 Gegenständen der Fall. Ein allfälliger Gewinn steht dem Kunden zu. Verluste gehen zulasten der Pfandleihkasse und sind durch die Defizitgarantie der Kantonalbank gedeckt.

Abgeschirmt von den Blicken anderer Kunden, steht eine Frau in einer der vier Einzelkabinen am Schalter. Sie trägt teure Kleidung, Designertasche, perfektes Make-up. Nicht die typische Kundin, die man in einem Pfandleihhaus anzutreffen erwartet. Die offensichtlich wohlhabende Dame ist gekommen, um ihren Brillantring und das dazu passende Armband zurückzuholen, die sie einen Monat zuvor gegen ein Darlehen von 20'000 Franken hinterlegt hat. Während sie die Tausendernoten hinblättert, bedankt sie sich beim Angestellten: «Ihr habt mir sehr geholfen.»

Sie sei ein Opfer der Finanzkrise, outet sich die Frau vor dem Weggehen. «Ein Vermögen» habe sie verloren. Und als Ende vergangenen Jahres kein Bargeld mehr da war, um die ausstehenden Rechnungen zu begleichen, entschloss sie sich zur Verpfändung des Schmucks. Nein, Probleme hätte sie damit nicht gehabt. Im Gegenteil: Sie habe all ihren Bekannten von dieser tollen Einrichtung erzählt, «richtig sozial sind die hier». Dennoch hofft sie, nicht wiederkehren zu müssen. «Möglich wärs schon», fügt sie bitter lächelnd an und verlässt das Gebäude.

Finanzkrise (noch) nicht spürbar

Finanzkrise? Die Kundin ist eine Ausnahme. Denn vom jüngsten Einbruch an den Finanzmärkten sei im Zürcher Pfandleihhaus derzeit (noch) nichts zu spüren, sagt Geschäftsleiter Urs Lusti. «Bei uns kommen die Entwicklungen meist verzögert an.» Die Kundschaft ist bunt gemischt: Reiche und Bedürftige, Junge und Alte unterschiedlicher Nationalitäten geben sich im Pfandleihhaus die Klinke in die Hand. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind kurzfristig in Geldnot geraten und tauschen ein paar persönliche Wertsachen vorübergehend gegen etwas Bargeld.

So wie die junge Brasilianerin, die mehrere Goldkettchen, Ringe und eine Uhr vorbeibringt, um sie zu versilbern. Die Angestellte nimmt die Personalien auf, kontrolliert, ob die Kundin bereits im Computer eingetragen ist und ob allfällige Bemerkungen über sie notiert sind. Dann prüft sie den Schmuck mit einem Säuretest auf seine Echtheit und schätzt den Wert. Nach rund zehn Minuten ist das Geschäft abgewickelt, die Kundin zieht mit einem Darlehen von 660 Franken von dannen.

Ihr Schmuck wird nummeriert und im Tresorraum versorgt. Dort lagern gut 10'000 grössere und kleinere Schächtelchen, fein säuberlich auf Regalen aneinandergereiht, gefüllt mit Schmuckstücken, Markenuhren oder wertvollen Modelleisenbahnen, die darauf warten, von ihren Besitzern wieder ausgelöst zu werden.

Die teuersten Stücke sind zusätzlich gesichert in einem Tresor versorgt. Etwa die Audemars-Piguet-Uhr im Wert von 76'000 Franken oder die Goldvreneli, alle im Besitz desselben Kunden. Der habe mit dem Darlehen, das er für die ersten Vreneli erhalten habe, neue Goldstücke gekauft und diese wiederum verpfändet. Über die Jahre sei auf diese Weise eine stolze und dank steigendem Goldpreis wertvolle Sammlung geworden.

Die Pfandleihkasse erfreut sich wachsender Beliebtheit. So habe sich der Gesamtwert der Darlehen innert fünf Jahren auf 6,6 Millionen Franken verdoppelt, sagt Urs Lusti. Allein im letzten Jahr gewährte die Kasse 27'000 Darlehen zum Durchschnittsbetrag von rund 650 Franken.

Besonders gut kommt die Einrichtung bei Tamilen an. «Die buttern oft ihr ganzes Geld in hochkarätigen Goldschmuck, den sie dann aus Sicherheitsgründen bei uns deponieren. Zu festlichen Anlässen holen sie den Familienschmuck ab und bringen ihn kurz darauf wieder zurück.» Auch Kleinunternehmer nutzen die diskrete und schnelle Art, eine kleine Investition zu finanzieren. «Da haben wir die Rolle einer Kreditbank», sagt Lusti. «Mit dem Unterschied, dass bei uns niemand seine Kreditwürdigkeit belegen muss, denn es haftet nur das Pfand, nicht die Person.»

Limite nach oben und unten offen

Eine obere Limite für Darlehen ist nicht vorgeschrieben. In der Praxis liege diese aber bei etwa 50'000 Franken. Auch nach unten ist die Skala offen. Und da reizen die Angestellten ab und zu mal auch den sozialen Leistungsauftrag aus. «Wenn wir sehen, dass jemand schon zwei Tage nichts Warmes mehr gegessen hat, dann nehmen wir auch einen wertlosen Reisewecker gegen 50 Franken als Pfand.»

In den allermeisten Fällen gehe das gut, sagt Lusti. Denn obwohl die Kasse, von wenigen Ausnahmejahren abgesehen, defizitär wirtschaftet, werden über 90 Prozent der Darlehen zurückgezahlt. Manche holen ihre persönlichen Wertsachen schon nach kurzer Zeit wieder ab. So auch Frau B. Die verwitwete Rentnerin aus Bern kommt nur dank Ergänzungsleistungen einigermassen über die Runden. Sie ist das pure Gegenteil des wohlhabenden Opfers der Finanzkrise, mit der sie lediglich die vorübergehende Bargeldlosigkeit teilt. Frau B. reichten 500 Franken zum Begleichen der ausstehenden Rechnungen. Dafür hatte sie das einzig Wertvolle, das sie besitzt, verpfändet: Schmuck, den ihr der verstorbene Ehemann geschenkt hatte und den sie nun, sichtlich erleichtert, wieder zurückholen kann. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.01.2009, 23:43 Uhr

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1 Kommentar

Mariette Wydler

06.03.2009, 10:35 Uhr
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Wie finde ich die Daten der Versteigerungen? Ich finde den Artikel sehr interessant. Danke schöne. Antworten



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