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Nina Merli
Reporterin


Wie viele Sklaven beschäftigen Sie?

Aktualisiert am 03.11.2011 80 Kommentare

Eine Internetseite zeigt schonungslos auf, wie viele Sklaven für unsere Smartphones, Kleider und Häuser arbeiten müssen. Die Autorin hat einen Selbsttest gewagt.

1/5 Sklaverei im 21. Jahrhundert: Arbeiter in einer illegalen chinesischen Backsteinfabrik in der Provinz Shanxi. Die Polizei rettete aus dieser Fabrik 80 Arbeiter, darunter auch Kinder.
Bild: Keystone

   

Sklaventreiberin: Nina Merli ist Reporterin bei Bernerzeitung.ch/Newsnet. Sie lebt in einem 4-Personen-Haushalt mit 2 TV-Geräten, 1 Stereoanlage, 2 Boxen, 1 DVD-Gerät, 2 Gamekonsolen, 2 Laptops, 2 Digitalkameras, 1 iPad, 2 iPods, 2 Smartphones, unzähligen DVDs und CDs, drei Autos, zwei Velos, unzähligen Accessoires, vielen Kosmetikprodukten, Hosen, Taschen, Schuhen, Lebensmitteln u.v.m. Um ihren Lebensstil zu ermöglichen, müssen 56 Sklaven arbeiten.

Slavery Footprin - wer steckt dahinter?

Slavery Footprint ist eine Non-Profit-Organisation, die gemeinsam mit dem «Office to Monitor and Combat Trafficking in Persons» (Büro für Beobachtung und Bekämpfung von Menschenhandel) des US-Staatsdepartements auf die moderne Sklaverei aufmerksam macht und diese bekämpfen will.
Für den beschriebenen Selbsttest wurden die Herstellung von über 400 alltäglichen Konsumgütern, ihre gesamte Versorgungskette und die damit verbundenen Arbeitsbedingungen untersucht. Dabei wurden minimial oder unbezahlte Arbeit, Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Gewaltanwendung und Drohung nachgewiesen.

Wie viele Autos besitzen Sie? Wie viele Schlafzimmer hat es in Ihrem Haus? Und Badezimmer? Der Selbsttest von Slavery Footprint nimmt Ihr Leben und Ihren Konsum unter die Lupe.

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Korrektur-Hinweis

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Ich trenne meinen Haushaltsmüll, bringe – widerwillig zwar – regelmässig die leeren Flaschen zur Glassammelstelle und recycle auch ansonsten Papier, Pet, Karton, Batterien. Zur Arbeit fahre ich mit dem Tram, bei meinen Kosmetiksachen achte ich darauf, dass sie ohne Tierversuche produziert wurden. Thunfisch habe ich von meiner Speisekarte gestrichen, seit mich ein Freund auf die brutale und illegale Fischerei aufmerksam gemacht hat. Früchte und Gemüse kaufe ich immer saisongerecht. Natürlich könnte ich viel mehr für die Umwelt machen, aber alles in allem, finde ich das schon mal nicht schlecht.

Seit ich aber heute Morgen den Selbsttest auf der Internetseite von Slavery Footprint, einer Non-Profit-Organisation, die sich seit Jahren gegen die moderne Sklaverei einsetzt, gemacht habe, hat mein Gutmenschen-Ego einen ziemlichen Knacks erlitten. Denn der Test offenbart, wie viele Sklaven – ohne, dass wir es wissen – für die Güter gearbeitet haben, die uns in unserem Alltag begleiten (siehe Box). Also Dinge wie Smartphone, Stereoanlage, iPod, Laptop, aber auch Kleider, Sportsachen, Duschmittel und natürlich auch Lebensmittel aller Art. Der Test ist einfach, man muss lediglich elf Fragen beantworten, das Resultat ist niederschmetternd: Ich beschäftige 56 Sklaven, um meinen Lebensstil zu ermöglichen. Und wahrscheinlich sind es nach den Weihnachtseinkäufen sogar noch mehr.

27 Millionen Sklaven auf der ganzen Welt

Nach dem ersten Schock kommen die ersten Zweifel am Test. Das ist doch gar nicht möglich? Schliesslich haben wir doch Kontrollen und auch das Verantwortungsgefühl der Hersteller ist in den letzten Jahren gestiegen oder zumindest ist niemand darauf erpicht, mit Kinder- oder Sklavenarbeit in die Schlagzeilen zu kommen, und achtet darum auf einen faireren Handel als früher. Das Problem, so erfährt man auf Slavery Footprint, sind nicht nur die Fabriken, die die Endprodukte herstellen, also das Zusammensetzen meines Smartphones, sondern die zur Herstellung gebrauchten Ressourcen. Ein Beispiel? Das Erz Coltan. Aus Coltan wird das seltene Tantal gewonnen, das Metall, aus dem unsere Gadgets-Träume sind: Man braucht es unter anderem für Digitalkameras, Spielkonsolen, für Laptops, Flachbildschirme und Mobiltelefone. Alles Gegenstände, die ich im Selbsttest ausnahmslos als Hausinventar angegeben habe.

Jährlich werden im Kongo 383 Tonnen Coltan gewonnen, die Arbeitsbedingungen in den Minen gelten als äusserst unmenschlich, und auch Kinder sind unter den Arbeitern. Die hohen Gewinne und die mangelnde staatliche Überwachung während des Bürgerkrieges in der Demokratischen Republik Kongo führten zu völlig planlosen Bergbauaktivitäten. Eine Kontrolle ist praktisch nicht möglich, Zwangsarbeit normal. Seit der Abschaffung von Leibeigenschaft und Menschenhandel vor über 150 Jahren ist Sklaverei in keinem Land der Welt mehr erlaubt. Doch weltweit leben, laut Schätzungen der britischen Organisation Anti Slavery International (ASI), noch immer rund 27 Millionen Menschen in Sklaverei. Vor allem in Ländern der Dritten Welt wie dem Sudan, Pakistan und Indien, aber auch in Brasilien müssen Menschen fast ohne Entgelt für Landbesitzer arbeiten.

Ein Haus voller Sklaven

Doch das Böse sitzt nicht nur in unseren elektronischen Hilfsmitteln, praktisch mein ganzer Haushalt wimmelt von Sklaverei-Endprodukten. Bei Frage sechs muss man den Inhalt seines Badezimmerkästchens angeben oder besser gesagt, man darf von den vorgeschlagenen Produkten diejenigen streichen, die man nicht besitzt. Bei mir fielen einzig Rasierschaum und Rasierer weg, hätte ich allerdings den elektrischen Epilierer angeben müssen, wäre die Anzahl Sklaven, die für mich arbeiten, wahrscheinlich noch grösser geworden. Doch auch die Herstellung von Shampoos, Duschmitteln oder auch Medikamenten kann einen unfairen Ursprung haben. Denn sie enthalten Rohstoffe, Chemikalien oder Öle, zum Beispiel Kokosöl, das etwa in Brasilien unter unfairen Bedingungen hergestellt wurde. Negativ auf mein Sklaven-Beschäftigungskonto wirkte auch die Frage, die den Inhalt meines Kleiderschrankes unter die Lupe nahm. Baumwolle wird zu einem grossen Teil von Sklaven geerntet. Ich habe die Fragen nach der Anzahl der Kleidungsstücke gefühlsmässig beantwortet, da ich, ehrlich gesagt, nicht exakt weiss, wie viele Jeans oder T-Shirts ich besitze. Wissen Sie es?

Die Küche ist übrigens auch eine Oase aus Produkten, die aus unübersichtlichen Versorgungsketten stammen. Küchenhelfer wie Mixer, Toaster und Saftpresse werden im Test nicht einmal beachtet, allein die Lebensmittel und ihre Herkunft lassen das Ergebnis in die Höhe schnellen. Laut Slavery Footprint sind zum Beispiel die Arbeitsbedingungen in vielen asiatischen Crevetten-Zuchten unmenschlich, 20-Stunden-Tage die Regel. Viele exotische Früchte, die aus Brasilien stammen und in Säften, Joghurts und Süssigkeiten zu finden sind, wurden ebenfalls unter Bedingungen geerntet, die man mit gutem Gewissen nie verantworten könnte. Oder die Kokosmilch, die wir für das Kochen von Green-Curry brauchen, die Pistazien für den Apéro, der Zucker für den Kaffee.

Aktiv werden

Obwohl der Selbsttest die wichtigsten Bestandteile unseres Alltags näher untersucht, werden ganz viele Aspekte ausgeblendet. Keine Ahnung, wie mein Test ausgefallen wäre, wenn noch meine Ferien (Flüge! Last-Minute-Angebote! Die langen Autofahrten!) oder die Beschaffenheit des Hauses, in dem ich lebe, hinterfragt worden wären: Woher stammen die Mosaik-Steinchen in meinem Bad? Und die Backsteine? Ob die in China hergestellt wurden? Oder die exotischen Blumen in der Stube, wurden die fair gepflanzt und geerntet? Am Versuch, komplett fair und nachhaltig zu leben, würde wohl jeder von uns scheitern. Denn es ist gar nicht möglich, die unzähligen Versorgungsketten zu kontrollieren. Doch der Test regt auf jeden Fall zum Nachdenken an. Und darum geht es den Machern von Slavery Footprint: Die Internetseite soll aufrütteln und informieren und auch zum Aktivwerden animieren. So werden Besucher der Seite aufgefordert, den Herstellern ihrer Alltagsgegenstände vorformulierte E-Mails zu schicken mit der Bitte, die Versorgungskette bis an ihren Ursprung zu untersuchen, die damit verbundenen Arbeitsbedingungen zu kontrollieren und wenn möglich zu verbessern.

Wollen Sie wissen, wie viele Sklaven für ihren Alltag arbeiten? Hier gehts zum Test.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.11.2011, 14:46 Uhr

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80 Kommentare

Hans Kohler

03.11.2011, 10:58 Uhr
Melden 49 Empfehlung 0

Sollte die Frage nicht lauten "Wieviel Sklavenarbeit mussten Sie leisten, damit Sie einige andere Sklaven beschäftigen konnten?" Antworten


Heiner Hug

03.11.2011, 09:12 Uhr
Melden 42 Empfehlung 5

falscher Ansatz - es geht nciht um unsere Produkte. Es geht um Unrechtsländer in Afrika und Asien. Dort sind Sklaventreiber an der Macht, oft gestützt von einer Gesellschaft, für die ein humanitäres Weltbild ein Fremdwort ist. Das sind die Wurzeln des Problems, nicht unser Wohlstand und unser Konsum.
Unsere Schuld ist unsere Passivität.
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