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Wenn sich Kinder die Bilder selber erarbeiten müssen

Von Christine Lötscher. Aktualisiert am 07.02.2012

Lesen ist anstrengend. Mit diesen Büchern können Kinder trotzdem dafür begeistert werden.

Der Bär und der Prinz brauchen ein Zauberwort: Illustration aus «Waldo und die geheimnisvolle Kusine».

Der Bär und der Prinz brauchen ein Zauberwort: Illustration aus «Waldo und die geheimnisvolle Kusine».
Bild: C. Valckx

Eva Muszynski, Karsten Teich, Cowboy Klaus und das pupsende Pony. Tulipan ABC, ISBN: 978-3-939944-19-5.

«Cowboy Klaus und das pupsende Pony»

Catharina Valckx, Waldo und die geheimnisvolle Kusine. Moritz, ISBN: 978-3-89565-244-8.

«Waldo und die geheimnisvolle Kusine»

Rose Lagercrantz, Eva Eriksson, Mein glückliches Leben. Moritz, 138 Seiten, ISBN: 978-3-89565-239-4.

«Mein glückliches Leben»

Antje Damm, Hasenbrote. Moritz, 52 Seiten, ISBN: 978-3-89565-243-1.

«Hasenbrote»

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Lesen lernen ist schwierig. Das Entziffern und Zusammenhängen von Buchstaben zu Wörtern und Sätzen bedeutet für Erstklässler Schwerstarbeit, das viel beschworene Eintauchen in eine Geschichte eine Leistung, die zunächst mühsam erarbeitet sein will. Einen leichten Weg gibt es nicht, auch wenn die ­Kinder- und Jugendliteratur der vergangenen Jahre voll ist von magischen ­Büchern, die ihre Geschichten ganz von selbst offenbaren.

Doch welche realen Bücher ziehen Kinder, die zum ersten Mal ganz allein lesen wollen oder sollen, in ihre Geschichten rein? Die Disziplin, sich von Wort zu Wort vorzuarbeiten, darf man gerade bei hoch motivierten Erstklässlern nicht unterschätzen, doch der Aufwand muss sich lohnen. Kinder, denen viel vorgelesen wird, erleben die sogenannten Erstlesebücher als ernüchternd: Nachdem sie längst den Räuber Hotzenplotz hinter Schloss und Gitter gebracht haben oder mit dem weissen Kaninchen ins Wunderland gefallen sind, bekommen sie für ihre Mühe Anfangssätze wie: «Paula liebt Ballett über alles» oder «Maria und Jan sind auf dem Heimweg von der Schule».

Den Kopf schon voller Geschichten

Nicht nur Kindern, die das Glück haben, auch ausserhalb von Kita und Kinder­garten viele gute Geschichten zu hören, kommen die platten Sätze und nichtssagenden Bilder der marktbeherrschenden Erstlesereihen langweilig und trist vor. Die Stoffe und Erzählmuster, die schon kleine Kinder in Hörbüchern, ­Filmen oder Computergames kennen lernen, sind ungleich komplexer – und damit interessanter.

«Heute gehen die Kinder mit ganz anderen Voraussetzungen ans Lesen heran», sagt Christine Tresch, Leiterin der Abteilung Literalitätsförderung am Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM). «Sie kommen mit dem Kopf voller Geschichten in die Schule, verfügen über Sachkompetenz und wissen, wie man Bilder liest.» Bücher, die medienerfahrene Kinder begeistern sollen, müssten eine Gratwanderung leisten: mit einfachen sprachlichen Mitteln eine spannende Geschichte erzählen, die Kinder emotional berührt und bei ihnen innere Bilder tanzen lässt. Gerade die allerersten Bücher, schreibt die erfahrene und bei allen Altersgruppen erfolgreiche Autorin Kirsten Boie, sollten auf eine Weise erzählt sein, die den kleinen Leserinnen und Lesern das Tor zu einer zweiten Wirklichkeit öffnet, in der sich die eigene Fantasie entfaltet – eben das, was kein anderes Medium als das Buch kann.

Ein gelungenes Beispiel stammt von Kirsten Boie selbst. Sie hat Linnea erfunden, ein kleines Feuerwerk von einem Mädchen, das Pflaster mag und Hunde und immer tausend Ideen im Kopf hat. Linnea ist von der ersten Zeile an lebendig, ganz ohne beschreibende Adjektive, dafür mithilfe der witzigen Zeichnungen von Silke Brix, die den Text unterstützen. Boie lässt Linneas bockige Kommentare von Anfang an in die Erzählungen einfliessen – es gibt eine ganze Reihe von Linnea-Büchern.

Der Raum zwischen den Zeilen

Bald kommt Dynamik ins Spiel, zum Beispiel so: Linnea entdeckt bei einem Spaziergang eine Flasche und schleudert sie in den Fluss – endlich etwas, woran sie ihre Wut auslassen kann. Spazieren findet sie nämlich gar nicht gut. Dass sie sauer ist, steht nicht im Text, sondern zwischen den Zeilen. Wichtig, das sagt auch Christine Tresch, sind die Dialoge, und die beherrscht Kirsten Boie mit einer seltenen Souveränität: «‹Stopp, Linnea!›, schreit Magnus. ‹Das ist Umweltverschmutzung!› – ‹Das ist Flaschenpost›, sagt Linnea zufrieden.»

Erst seit den ernüchternden Resultaten der Pisa-Studie 2000 begann die Leseforschung, sich intensiv mit dem Einstieg ins Lesen zu beschäftigen. Reihen für Erstleser gibt es schon seit den 80er-Jahren, doch mit Ausnahme der Oetinger-Reihe «Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne», für die neben Kirsten Boie auch Zoran Drvenkar und Christine Nöstlinger schreiben, stechen sie vor ­allem durch Schnickschnack hervor (Lese­bändchen mit Plastikfiguren oder Glitzer­tattoos) und durch ihre lieblose, be­liebige Gestaltung.

Vom Bilderbuch zum Roman

Seit einigen Jahren haben weitere anspruchsvolle Kinderbuchverlage das Erstlesebuch für ihr Programm entdeckt. Der Tulipan-Verlag begleitet kleine Leser mit der Reihe Tulipan ABC kontinuierlich vom ganz einfachen Buch mit zwei, drei Sätzen und vielen Bildern bis zum kleinen Roman. Rasend witzig erzählen etwa Eva Muszynski und ­Karsten Teich von den verrückten Abenteuern des Cowboys Klaus.

Bei Klett Kinderbuch gibt es die Thea-Reihe, die augenzwinkernd von Mädchen und ihrer Leidenschaft für Pferde erzählt, mit Bildern im Comicstil und kurzen, prägnanten Sätzen. Dass es von «Cowboy Klaus» und von «Thea» gleich mehrere Bände gibt, ist eine Hilfe, denn vom zweiten Buch an sind die Welt und die Figuren im Kopf schon bereit.

Besonders schöne Bücher macht der Moritz-Verlag seit Herbst 2010. Man sieht ihnen an, dass der Verlag über langjährige Erfahrung mit Bilderbüchern und über einen Stamm von überzeugenden und ausdrucksvollen Illustratoren verfügt, denn vom Cover über die Typografie bis zu den Bildern stimmt hier einfach alles. Verleger Markus Weber orientiert sich, wie er sagt, nicht an didaktischen Vorgaben, sondern nur an der literarischen und ästhetischen Qualität. «Kinder sind doch genau wie wir Alten auch: Sie wollen Suspense, und sie wollen emotional angesprochen werden», sagt Weber.

Eines der schönsten Beispiele dazu ist «Mein glückliches Leben», eine Zusammenarbeit der Autorin Rose Lagercrantz und der Illustratorin Eva Eriksson. Auf der ersten Seite sehen wir ein Mädchen im Bett liegen und an ihren Fingern etwas abzählen. Dunne, so heisst das Mädchen, kann nicht einschlafen. Sie zählt aber keine Schafe, nein, sondern sie zählt, «wie oft sie in ihrem Leben glücklich war». Und schon sind wir mittendrin in der Gefühlswelt des kleinen Mädchens, erleben mit ihr Angst und Freude am ersten Schultag, das Glück, eine beste Freundin zu ­haben, und den Schmerz, als diese weg­ziehen muss. Als Sophie, sieben Jahre alt, mit der Lektüre fertig war, konnte man in ihren Augen zum allerersten Mal diesen spezifischen, leicht entrückten Blick einer Leserin sehen, die aus einer anderen Welt zurückkommt, die doch die ganz und gar eigene ist.

Die Brücke zum Selberlesen

Ende Februar erscheinen in der Moritz-Reihe zwei neue, ganz unterschiedliche Bücher, die beide auf ihre Weise grossartig sind: Antje Damm lässt ihren Grossvater im VW Käfer zu einem turbulenten Besuch anreisen, und Catharina Valckx erzählt von einem Bär, der keine Lust auf Winterschlaf hat, einer Hexe, die sich selbst in einen bösen Tisch verwandelt hat, und einer Muschel mit Hasenseele namens Jenny. Dieses Buch ist so schräg und verrückt erzählt, dass es in jede Nonsense-Bibliothek gehört, auch für Erwachsene.

All diese Bücher sind gelungene literarische Texte mit ganz eignen Klangfarben, und sie eignen sich auch zum Vorlesen. Überhaupt sollte man kinderliterarische Anfängertexte eher als Brücken zwischen Vorlesen und Selberlesen verstehen, meint Christine Tresch und empfiehlt die gemeinsame Lektüre von Erstlesebüchern als Entdeckungsreise zu zweit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.02.2012, 18:34 Uhr

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