Wenn jegliche Energie abhanden kommt
Von Juliane Lutz. Aktualisiert am 16.03.2009
Aus, Fertig, Schluss: Burn-Out-Syndrom. (Bild: Fotolia)
Die Meldung vorletzte Woche erstaunte. Ausgerechnet das US-Kraftpaket Bode Miller habe keine Lust mehr auf Skirennen. Bräuchte eine Pause. Die Diagnose: Burn-out. Miller ist kein prominenter Einzelfall in der Welt des Sports. Auch Othmar Hitzfeld war schon «ausgebrannt» und verliess unter anderem deswegen 2004 den deutschen Klub FC Bayern München. Doch aus der Erschöpfung hatte der Fussballtrainer gelernt. «Ich muss schauen, dass ich meine Zeit zum Abschalten und Regenerieren finde», erzählte er 2007 einem Reporter, als er erneut für den bayerischen Fussballverein amtete.
Gefährdete Berufe
Bislang war eher von Lehrern, Journalisten, IT-Fachleuten, Projektmanagern, Bankern und Leuten, die in sozialen Berufen tätig sind, bekannt, dass sie verstärkt zum Burn-out neigen. Gefährdet ist, wer täglich mit viel Verantwortung, hochkomplexen Aufgaben oder unklaren Strukturen konfrontiert ist. Aber auch derjenige, der sich mit grossem Engagement und hohen Idealen in die Arbeit stürzt, aber keine Erfolge sieht.
«Burn-out-Fälle haben in den letzten zwei Jahren stark zugenommen», stellt Dieter Hauser, Leiter des Zentrums für Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung in Zürich, fest. Der Druck auf die Leute sowie das Arbeitstempo hätten zugenommen. Noch wirke sich die Wirtschaftskrise nicht aus, aber «in einer Rezession steigt der Druck nochmals», weiss der Psychologe. Auch in der Wirtschaftskrise, die Mitte der 90er-Jahre die Schweiz und andere europäische Länder lähmte, stiegen die Fälle mit ähnlichen Symptomen an. «Allerdings sprach man vor 15 Jahren eher von Überforderung als von Burn-out», erinnert sich Hauser und benennt damit das Problem der Erschöpfungskrankheit. Ihr fehlt es an einer exakten Definition. So sind beispielsweise die Grenzen zur Depression fliessend. «Oft wird jedoch der Begriff Burn-out bevorzugt, weil er als weniger stigmatisierend gilt als die Diagnose Depression», weiss Jutta Stahl vom Zentrum für angewandte Psychologie in Zürich.
Extreme Energielosigkeit sowie die Unfähigkeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und sich entspannen zu können, seien Anzeichen eines Burn-outs. «Kritisch wird es, wenn sich die Energielosigkeit über Wochen und Monate nicht nur auf den Job erstreckt, sondern wenn einem auch die Familie zu viel wird und man sich immer mehr zurückzieht», sagt Stahl. Doch trotz der Warnsignale wollten viele nicht wahrnehmen, dass sie an einem Punkt angelangt sind, an dem es nicht mehr weitergehe wie bisher. «Sie flüchten noch mehr in die Arbeit als bisher oder greifen zu Medikamenten und Alkohol, um sich zu betäuben», beobachtet die Psychologin.
Auf den Körper hören
Doch das nicht Wahrhabenwollen der Situation kann fatal sein und im schlimmsten Fall mit der Vollinvalidität enden. Und nicht selten erweisen sich dann Unternehmen, für die man sich letztendlich aufgearbeitet hat, wenig loyal. So vertritt der Arbeits- und Medizinalrechtsanwalt Frank Th. Petermann, Mitbegründer der Dialogplattform Swiss Burnout, derzeit eine Ex-Kadermitarbeiterin einer grossen Versicherung, für die eine 100-Stunden-Woche zur Normalität gehörte. «Ihr wurde gesagt, dass man es schätze, dass sie allein stehend und daher ‹besonders flexibel› sei. Kurzum: Sie wurde gnadenlos ausgenutzt.» Doch als sie nach drei Jahren zusammenbrach, wurde ihr sofort gekündigt. Heute ist sie arbeitsunfähig.
Im Gegensatz zu Grossbritannien, wo Burn-out-Opfer immer wieder erfolgreich klagen, wurden hier derartige Fälle noch nicht durch Richterspruch entschieden; sämtliche Fälle wurden per Vergleich erledigt.
Doch selbst wenn Betroffene in der Schweiz irgendwann eine Entschädigung erwarten können, wird die bittere Lage – für den Rest des Lebens nicht mehr arbeiten zu können – auch durch Geld nicht komplett versüsst. Deshalb sollte, wer mit länger anhaltender Job- und Lebensunlust zu kämpfen hat, einen Arzt aufsuchen.
Wird die Diagnose tatsächlich gestellt, ist es nicht unbedingt notwendig, mehrere Wochen in einem Sanatorium abzutauchen. «Ich halte ambulante Hilfe oft für die geeignetere Option, denn es fällt meist schwer, in den Alltag einzubauen, was man in der Klinik gelernt hat», so Stahl. Ihrer Meinung nach besteht der erste hilfreiche Schritt darin, sich einzugestehen, dass man ein Problem hat, und im Anschluss fachliche Hilfe bei einem Psychotherapeuten zu suchen. Auch müssen Burn-out-Opfer keine jahrelangen Sitzungen befürchten. «Oft genügen schon ein paar Stunden, in denen die eigentlichen Stressoren geklärt werden und ob sich die Arbeit eventuell anders organisieren lässt», sagt Stahl.
Von Fall zu Fall werden auch Medikamente eingesetzt, um die bleierne Freudlosigkeit zu vertreiben. «Meist sind es Anti-depressiva in Form so genannter Serontonin-Wiederaufnahmehemmer, welche weder süchtig machen noch die Persönlichkeit verändern», erläutert Stahl die Vorgehensweise. Allerdings entbinden Medikamente nicht davon, für das eigene Leben Verantwortung zu übernehmen und neue Verhaltensmuster zu überlegen.
Vor allem innere Bewertungsmodelle spielen beim Burn-out-Syndrom eine wesentliche Rolle. Wer glaubt, dass er es allen stets recht machen muss oder eine übertrieben perfektionistische Haltung an den Tag legt, sollte rasch umdenken. Das geht beispielsweise über eine kognitive Umstrukturierung. Dabei sollen bisherige schädliche Glaubenssätze erkannt und durch neue ersetzt werden. «Das muss allerdings konsequent geübt werden – am besten im therapeutischen Diskurs», so Stahl.
Entspannung einplanen
Neben der inneren Neuorientierung muss der Betroffene auch seinen Tag neu strukturieren. Indem er sich Zeitfenster für Aktivitäten freischaufelt, von denen er weiss, das sie ihm früher gutgetan haben. Ob das nun ein Treffen mit Freunden, ein entspannender Besuch im Kino oder Sport ist. Jede Form von Bewegung hält Stahl für gut, «denn Sport entspannt. Und ist der Körper entspannt, wirkt sich das positiv auf das Befinden aus.» Ebenfalls wichtig: ein ausreichendes Mass an Licht. «Selbst an vermeintlich trüben Tagen ist das Licht noch so hell, dass es Stoffwechselvorgänge im Körper in Bewegung setzt, die uns guttun», sagt sie. Um davon zu profitieren, reicht es, eine Tramhaltestelle früher auszusteigen.
Sich wieder etwas Gutes tun – darum geht es beim Burn-out, das nicht zuletzt dadurch entsteht, dass man die eigenen Bedürfnisse zu lange vernachlässigt hat. So viel Zeit muss immer sein. (Berner Zeitung)
Erstellt: 16.03.2009, 15:52 Uhr
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