Wenn es in London Abend wird
Studentinnen und Studenten in Europas grösster Finanzmetropole erholen sich im Pub von den Lernstrapazen. Oder sie schauen sich Gratis-Kunst an, oder dann streifen sie durch verlassene Gebäude.
Das «George IV» ist ein Pub, wie es im Buche steht. Kurz nach sechs Uhr Abends an einem normalen Wochentag ist hier die Hölle los: Der Barkeeper zapft im Affentempo Pints mit Bier, die Besucher haben die Krawatten ihrer massgeschneiderten Anzüge gelockert, ziehen sich gegenseitig mit Sprüchen auf oder blicken aufmerksam zum Fernseher hoch, wo der Schotte Andy Murray Tennisbälle über den Wimbledon-Rasen schlägt.
Wer hier zwischen hohen Spiegelwänden und kunstvoll geschwungenen viktorianischen Fenstern an seinem Bier nippt, studiert höchstwahrscheinlich an der LSE, der London School of Economics. Das Pub ist eines von drei auf dem Campus der renommierten Universität mitten im Zentrum Londons. Die Fleet Street und das Royal Courts of Justice liegen gleich ums Eck, weiter vorne brausen rote Doppeldeckerbusse und schwarze London-Taxis vorbei.
Studieren und Biertrinken im Pub – kann diese Mischung gut gehen? Ja, findet Thomas Schwarz. Der Berliner studiert seit neun Monaten an der LSE Statistik und sagt: «Die Pubkultur ist das Beste am Studentenleben in London.» Der 28-Jährige geht mit seinen Mitstudierenden zwei- bis dreimal in der Woche direkt nach der Vorlesung ins Pub. Dabei trinkt er selten zu viel, denn häufig sitzt er nach dem Pubbesuch noch ein paar Stunden am Schreibtisch, um zu lernen.
«In London ins Pub zu gehen, bedeutet nicht, sich zu besaufen,» versichert Schwarz. Der Mathematiker erklärt dem staunenden Besuch vom Festland die Schlüsselrolle des Pubs im Sozialleben der britischen Studierenden: «Hier kann man den Kommilitonen, aber auch den Professoren in lockerer Atmosphäre begegnen». Das sei hilfreich in einer Stadt, wo es oft sehr förmlich zu und her gehe.
Urban Exploring
Auf ganz andere Weise erholt sich Jessica Lucio vom hektischen Londoner Alltag. Während ihres Studiums in Übersetzen an der University of Westminster hat sie das «Urban Exploring» kennengelernt. Unter diesem Begriff sucht sie in Internetforen nach verlassenen Herrenhäusern oder Industrieruinen in der Region. Gemeinsam mit Gleichgesinnten fährt sie in ihrer Freizeit an diese Orte, um sie zu entdecken und zu fotografieren.
Das Sightseeing der anderen Art bringt Lucio an verwunschene Plätze: ihre Fotos zeigen verwucherte Gärten, zerfallene Gemäuer und leerstehende Fabrikhallen. Wer vom Gewusel der Grossstadt ermüdet ist und sich ihre Fotos ansieht, würde am liebsten gleich hinreisen zu den menschenleeren Oasen. Doch die Koordinaten der besonders schönen Orte teilt die Szene so ungern wie Pilzler ihre guten Ernteplätze.
Die «Urban Explorer» scheuen das Licht der Öffentlichkeit. Warum? «Wir betreten die Grundstücke unerlaubt und könnten dafür bestraft werden,» erzählt die 30-Jährige, die seit ihrer Kindheit von verlassenen Orten fasziniert ist. Ihre Streifzüge hätten jedoch weder mit Einbrechen noch Vandalismus etwas zu tun. «Wir klettern durch Türen oder Fenster, die offen sind und hinterlassen die Orte so, wie wir sie vorgefunden haben.»
Kunst als Zeitvertreib
Studierenden in London, die weder mit Pub Crawls noch Urban Exploring etwas anfangen können, bleibt die Kunst als budgetfreundlicher Zeitvertrieb. Und dafür müssen sie nicht einmal ins Museum: zwar sind die wichtigsten Museen in der britischen Hauptstadt gratis und bieten nicht nur hervorragende Ausstellungen, sondern auch versteckte Leseplätzchen.
Kunst gibt es aber auch an öffentlichen Wänden. Im Viertel Shoreditch in East London zum Beispiel. Die Wände der Strassen rund um die Brick Lane überquellen vor Street Art. Da gibt es kämpferische Einhörner, regenbogenfarbige Wirbelsäulen und augenzwinkernde Prinzessinnen zu entdecken. Wer Glück hat, kann den Künstlern beim Herstellen der aufwendigen Bilder zuschauen, da sich viele Hausbesitzer die Wandgemälde mittlerweile sogar wünschen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
(Erstellt: 08.07.2013, 08:25 Uhr)Umfrage
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Die besten Londoner Pubs für Studierende
George IV, 26-28 Portugal St, WC2A 2HE, Mo-Fr 12-23 Uhr, Pub in viktorianischem Gebäude auf dem Campus der LSE, auch für Nicht-Studierende.
Knight’s Templar, 95 Chancery Ln , WC2A 1DT , Mo-Sa 8-23:00 Uhr, Grosses Pub mit günstigem Essen. Viele Studierende, da Nähe LSE und King’s College.
The Craft Beer Co., 82 Leather Ln, EC1N 7TR, Mo - Sa 12:00 - 23:00 Uhr
So 12:00 - 22:30 Uhr, Mit über 400 Sorten aus Mikrobrauereien und einer Eigenproduktion ein Mekka für Bierfans.
The Southampton Arms, 139 Highgate Rd
NW5 1LE , Mo-Fr 12-23 Uhr, Pub in East London, das nur Bier und Cider aus lokalen Brauereien verkauft. Jeden Mittwoch Live-Musik.
Snooty Fox, 75 Grosvenor Ave, N5 2NN , So-Fr 4-11 Uhr, Fr und Sa 4-1 Uhr, Pub in Canonbury, in dem sich junge Hipster mit alten Quartieroriginalen treffen. Jeden Dienstag ab 21:00 Pub Quiz. (mf)
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