Wenn der Chef trinkt

Bündner Polizisten haben mit ihrem Kommandanten Alkohol getrunken – obwohl bekannt war, dass der ein Alkoholproblem hat. Was tun, wenn der Chef trinkt? Auf keinen Fall zuschauen.

Wenn der Chef eine Flasche öffnet, fühlen sich Mitarbeiter nicht selten verpflichtet, mitzutrinken.

Wenn der Chef eine Flasche öffnet, fühlen sich Mitarbeiter nicht selten verpflichtet, mitzutrinken.
Bild: Keystone

Die «SonntagsZeitung» brachte vergangenen Sonntag neue Details zum Bündner Polizeikommandanten und WEF-Sicherheitschef Markus Reinhardt ans Licht. Der 61-Jährige nahm sich am 26. Januar das Leben. Der Chef soll «im Dienst» mit seinen Mitarbeitenden – Polizisten – bei einem Sicherheitsrundgang im Vorfeld des World Economic Forum (WEF) Alkohol getrunken haben. Ausgeschenkt hat den Bündner Röteli ein Davoser Bauer, auf dessen Feld jeweils die VIPs mit dem Helikopter landen.

Das Alkoholproblem des Kommandanten war offenbar kein Geheimnis. Reinhardt gehörte zu den rund fünf Prozent der Bevölkerung, die an Alkoholabhängigkeit leiden. Diese macht sich auch am Arbeitsplatz bemerkbar – oder die Arbeit ist gar Auslöser für ein Alkoholproblem.

Wie die Schweizerische Fachstelle für Alkohol und andere Drogenprobleme (SFA) auf ihrer Website schreibt, trinken Arbeitnehmer und Chefs mit körperlich anstrengenden Berufen tendenziell mehr. Zum Beispiel Bauarbeiter, Landwirte oder Lagerarbeitende. Nicht selten wird da der Durst mit Bier gelöscht – mit fatalen Folgen.

Auch in Berufsfeldern, wo der persönliche Kontakt zu Kunden oder Klienten besonders intensiv ist, wird mehr getrunken: Etwa bei Vertretern, Wirten, Journalisten oder eben Polizisten. Zu dieser Berufsgruppe gehörte auch der Bündner Kommandant.

Wer sagt es dem Chef?

Normalerweise ist es der Vorgesetzte, der Arbeitnehmende zur Seite nimmt, wenn die Leistungen nicht mehr stimmen oder ein Mitarbeiter negativ auffällt. Doch wer sagt dem Chef, dass Alkohol sein Problem ist?

Vorgesetzte prägen nicht selten die Unternehmenskultur. Sie können bestimmen, ob beim Apéro, beim Weihnachtsessen oder eben beim Bauer am Küchentisch nochmals eine Runde bestellt oder eine Flasche geöffnet wird. Laut SFA trinken Mitarbeiter mit dem Chef, weil sie sich dazu verpflichtet fühlen. Der Chef selber trägt dazu bei, dass der Alkoholkonsum sogar «im Dienst», wo Alkohol absolut verboten wäre, verharmlost wird. Oft werden Chefs, die die Mitarbeitenden schätzen, lange gedeckt, manchmal zu lange.

Alkoholsucht: Lange ein Tabuthema

Alkohol am Arbeitsplatz ist ein heikles Thema. «Der missbräuchliche Konsum von Alkohol gehört zu den meist verbreiteten Suchtkrankheiten», sagt Daniel Isenring vom Blauen Kreuz Zürich. Die Arbeitswelt sei ein Abbild der Gesellschaft. Lange war Alkoholabhängigkeit von Arbeitskollegen und Chefs ein Tabuthema. Auch wenn man inzwischen das Problem benennt: Nach wie vor fällt es Mitarbeitern schwer, ihren Chef oder ihre Chefin mit der Sucht zu konfrontieren.

Isenring vom Blauen Kreuz rät, auf jeden Fall eine Beratungsstelle zu konsultieren, bevor man den Vorgesetzten auf dessen Problem anspricht. «Doch ist es wichtig, dass das Problem angesprochen wird», sagt der Suchtexperte.

Nur Zuschauen und den Vorgesetzten decken kann schlimme Folgen haben. «Ich kenne niemanden, dem gekündigt wurde, nur weil er seinen Chef auf seine Sucht angesprochen hat», sagt Isenring.

Ein Alkoholkonzept zeigt den Weg auf

Noch besser, als bei einer Alkoholsucht zu intervenieren, ist, das Problem im Voraus anzupacken. Ein Alkoholkonzept für Firmen ist für Isenring eine nachhaltige Lösung. Ein solches legt fest, wie mit Alkohol am Arbeitsplatz umgegangen wird, wie viel es, wenn überhaupt, verträgt und wie man vorgeht, wenn ein Mitarbeiter oder eben ein Vorgesetzter suchtkrank wird. Darin steht explizit, an wen man sich wenden kann, wenn man eine Alkoholabhängigkeit bei Kollegen vermutet. Auch die rechtlichen Grundlagen werden im Konzept festgehalten: Ein Vorgesetzter darf niemanden dazu zwingen, mit ihm Alkohol zu trinken.

Gebe es in der Firma ein Konzept, hätten Mitarbeitende eher den Mut, die Krankheit eines Vorgesetzten zu thematisieren, sagt Isenring. «In einem Konzept ist der Weg, wie man interveniert, vorgezeichnet.» (Bernerzeitung.ch/Newsnetz)

Erstellt: 09.02.2010, 11:58 Uhr

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16 KOMMENTARE

Alex Diener

09.02.2010, 22:51 Uhr

@ Juan Hurtado: Leider haben Sie vermutlich Recht. Obwohl man sich wohl einen Chef wünschte, der sich für die Hilfe dankbar zeigte, ist wohl eher das Gegenteil der Fall. Im Gegensatz zu japanischen Managern sehen westeuropäische Vorgesetzte die Fehler nur immer bei anderen, nie bei sich selbst, somit wird Hilfe bestimmt als Angriff aufgefasst.


oliver keller

09.02.2010, 20:57 Uhr

Betriebskultur in der CH: wenn ein Chef sagt: 'Trink!', dann trinkt ein 'erfolgreicher' Angestellter und wenn der Chef sagt: 'Tanz!', dann tanzt ein 'kluger' Mann. Und dann wundern wir uns noch, weshalb besser qualifizierte uns vorgezogen weden.


Ernst Boller

09.02.2010, 19:27 Uhr

Juan Hurtado hat leider recht. Das kann für den Untergebenen ins Auge gehen. Der so angesprochene Vorgesetzte wird es in der Regel auch glatt abstreiten. Den Trinker anzusprechen ist Aufgabe seines Vorgesetzten. Leider wird es auch hier so laufen: Alle wissen davon, keiner tut etwas und die Vorgesetzten schauen weg.


Juan Hurtado

09.02.2010, 15:01 Uhr

Den/die Vorgesetzte/n auf einen Defekt oder Fehlverhalten anzusprechen, rächt sich früher oder später. Das wird sich bei Lohnerhöhungen, Beförderungen, Teamarbeiten, etc. bemerkbar machen, oft sogar durch Kündigung und vorheriges Mobbing. Des öfteren ganz nahe miterlebt; in der heutigen Zeit kuscht man lieber, denn alles andere wirkt sich existenzgefährdend aus. Man wird automatisch zum Ja-Sager!


Walter Weber

09.02.2010, 14:49 Uhr

d.isenring wird hier als suchtexperte bezeichnet. wäre er wirklich experte, dann wüsste er, dass es mit einem alkoholkonzept nicht getan ist. richtige experten wissen nämlich, dass alkoholismus genetisch bedingt, und somit vererbbar ist (da nützt ein konzept gar nichts). leider wird dieses thema hierzulande immer noch verschwiegen. vermutlich wollen die krankenkassen nicht dass es öffentlich wird.


Christian Glauser

09.02.2010, 13:41 Uhr

Vor 14 Tagen las man in den Zeitungen, das politische Establishment Graubündens sei erschüttert über den Suizid des Polizeikommandanten. Das ist absolut lächerlich. Erschütternd ist viel mehr, dass jahrelang Politiker und Polizisten nicht sehen wollten, dass der Kommandant ein Alkoholproblem hatte.


Roland Di Dario

09.02.2010, 13:10 Uhr

@ Jörg Suter - Nein, sind wir nicht! Verallgemeinern Sie bitte nicht! Ich trinke kein Alkohol, esse kein Fleisch. Viele andere auch nicht! Von daher: bitte keine Pauschalaussagen - danke!


Alois Tobler

09.02.2010, 13:10 Uhr

Ich trinke seit über einem halben Jahr konsequent keinen Alkohol mehr. Anfangs musste ich mir natürlich Kommentare anhören, mittlerweile hat sich mein Umfeld daran gewöhnt und immer öfters höre ich Bemerkungen wie 'Ich sollte auch aufhören/reduzieren ..' Und wieviel Alkohol getrunken wird merkt man erst so richtig, wenn man gänzlich darauf verzichtet. Alkohol ist die Volksdroge Nr. 1!


Jörg Suter

09.02.2010, 12:07 Uhr

Sind wir nicht alle Alkoholiker, die wir mehrmals pro Woche ein/zwei Glas Wein und Bier trinken? Ist nicht unsere Gesellschaft als Ganzes Alkoholikerin? Wer beim Apéro, an Festtagen, an Geburtstagen, an Firmenfeiern, an Hochzeiten, in der Stammkneipe, beim Fussballspiel etc. kein Alkohol trinkt, ist Aussenseiter, Spassbremse. Süchtige animieren andere immer zum Mitmachen, um vom Problem abzulenken


bettina eggenberger

09.02.2010, 11:51 Uhr

Mein Vater verlor seine Arbeitsstelle, nachdem er seinen Chef auf das Alkoholproblem angesprochen hatte. Die Prozesse danach auch, so ganz nebenbei.....


Tom Müller

09.02.2010, 11:49 Uhr

Was ist schon ein bisschen trinken ? Wir Bürgerlichen sollten uns dagegen wehren, dass die Linggen uns immer alles verbieten möchten. Und beim Autofahren muss man eben aufpassen.


Roberto Gardin

09.02.2010, 11:24 Uhr

Wenn der Chef trinkt, hat er ein Alkoholproblem. Wenn der Chef (Kokain) schnupft, hat er ein Drogenproblem. Hört endlich damit auf, Alkohol als Genussmittel zu bezeichnen! Es ist eine der härtesten und schmutzigsten Drogen überhaupt..


lisa tschudin

09.02.2010, 11:13 Uhr

es ist schon schwierig freunde oder familienmitglieder auf ihre sucht anzusprechen. und oft lebt man einfach damit. einen vorgesetzten zu konfrontieren, halte ich fuer unmoeglich, die reaktion waere wohl eher negativ fuer den mitarbeiter.


Bruno Froehlich

09.02.2010, 11:05 Uhr

Bekannt bedeutet, es wurde darueber geredet. Und geredet wird nicht ueber ein Glas Wein beim essen, ein Bier mit den Kollegen beim Jass. Also war es nicht allein das Problem des Mannes, sondern das Problem der Regierungsraetin, der Chefin des Kommandanten. Oder verstand sie nicht was geredet wurde ? Dann sitzt sie auf dem falschen Stuhl.


Alfred Lager

09.02.2010, 11:02 Uhr

Ein Polizeichef, der im Dienst Alkohol trinkt, lebt vor, dass es erlaubt ist, seinen Dienst leicht angetrunken zu absolvieren. Auch wenn es nur ein Glas Röteli ist - beim nächsten Bauer dann vielleicht ein Bier und nachher zum Essen noch ein Glas Wein... (Immerhin in einem Job, in dem man jederzeit damit rechnen muss, plötzlich lange und anspruchsvolle Einsätze leiten zu müssen.)


Jürg Mathis

09.02.2010, 10:23 Uhr

Die Probleme entstehen nicht durch ein einzelnes Röteliglas oder ein einzelnes Bier gegen den Durst, ebenso wenig schadet ein Glas Wein zum Essen. Probleme entstehen immer wenn überdosiert wird. Ein Alkoholproblem hat meiner Meinung nach der oder die, wenn die Grenze aus den Augen verloren gegangen ist, oder innerer Zwang zum davor und danach trinken führt.



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