Wenn das Baby zum Sternenkind wird
Von Juliane Lutz. Aktualisiert am 07.11.2011 1 Kommentar
Ursachen für eine Fehlgeburt
Von einer Fehlgeburt spricht man, wenn das Kind vor der 22.Woche oder mit einem Geburtsgewicht von weniger als 500 Gramm tot zur Welt kommt. Zu den häufigsten Gründen für Fehlgeburten gehören Chromosomenstörungen, die dazu führen, dass sich der Embryo nicht richtig entwickeln kann. «Das trifft auf 60 Prozent der frühen Fehlgeburten zu», so Gynäkologe Daniel Surbek. Sehr oft seien auch Gebärmutterfehlbildungen die Ursache. An dritter Stelle stünden hormonelle Störungen, die den Keim an der Einnistung hindern. «Das könnte eine Schilddrüsenunterfunktion sein. Oder eine Gelbkörperschwäche», sagt Surbek. Sie verhindert eine entsprechende Umwandlung der Gebärmutterschleimhaut, die für die Einnistung einer befruchteten Zelle notwendig ist.
Septische Aborte, Fehlgeburten durch Infektionen der Gebärmutter, seien eher selten geworden. Zwar sind Alkohol-, Nikotin- oder Medikamentenkonsum Schwangeren nicht zu empfehlen, diese führen aber nur in den wenigsten Fällen zu einem vorzeitigen Schwangerschaftsende. Als Risikofaktoren gelten Alter und Körpergewicht der Mutter.
«Ab 40 sowie bei magersüchtigen oder stark übergewichtigen Frauen ist die Gefahr einer Fehlgeburt erhöht», sagt Surbek.
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Hilfe und RechteWenig Ansprüche Eine Fehlgeburt gilt als Krankheit. Die Kosten werden übernommen, Frauen müssen sich aber mit dem entsprechenden Selbstbehalt an den Kosten beteiligen. Im Zeitraum der Fehlgeburt (bis zur 22. Schwangerschaftswoche) haben Frauen kein Anrecht auf bezahlten Mutterschaftsurlaub. Sie müssen sich von den behandelnden Ärzten für die Zeit der Erholung krankschreiben lassen.
Betroffene finden Hilfe bei der Fachstelle Fehlgeburt und perinataler Kindstod, www.fpk.ch. Auch die Selbsthilfevereinigung Regenbogen unterstützt Eltern, die Kinder verloren haben. www.verein-regenbogen.ch.
Die Blutungen setzten am Wochenende ein. Zuerst dachte sich Catherine Burri* nichts dabei, liess sich dann aber doch von ihrem Partner ins Spital fahren. «Auf dem Weg dorthin ahnte ich erstmals Schlimmes», erinnert sich die Lehrerin. Die Assistenzärztin, die Catherine Burri untersuchte, konnte keine Herztöne des Babys feststellen. Der hinzugerufene Oberarzt sagte schliesslich nach einer Weile leise: «Es tut mir leid.» Burris Ahnungen hatten sich bestätigt. Sie verlor ihr Baby in der 17. Schwangerschaftswoche. Sie und ihr Partner waren untröstlich. Es wäre das erste gemeinsame Kind gewesen.
50 Prozent Fehlgeburten
Burri ist nicht allein. «Rund 15 Prozent aller Schwangerschaften enden vor der 22.Schwangerschaftswoche mit einer Fehlgeburt», sagt Daniel Surbek, Chefarzt Geburtshilfe am Inselspital. Die tatsächliche Zahl an Fehlgeburten sei jedoch viel höher. Viele ereignen sich sehr früh in Form von Blutungen, wenn die Frauen noch gar nicht wissen, dass sie schwanger sind. Experten gehen davon aus, dass bis zu 50 Prozent aller Schwangerschaften mit einer Fehlgeburt enden. Als Sternenkinder werden solche Babys dann bezeichnet.
Das Risiko einer zweiten Fehlgeburt liegt etwas höher als bei 20 Prozent. Nach einer zweiten Fehlgeburt liegt die Wahrscheinlichkeit sogar bei 40 Prozent, dass eine erneute Schwangerschaft früh endet. Dennoch macht Chefarzt Surbek Mut. «Selbst nach der dritten Fehlgeburt gibt es keinen Grund, mit dem Babywunsch abzuschliessen.» Er rät zum Gang in ein spezialisiertes Zentrum. Ein Grund für sogenannte habituelle Aborte (mehr als zwei Fehlgeburten) könnte beispielsweise eine durch Autoantikörper bedingte Gerinnungsstörung sein. Sie führt dazu, dass das Kind nicht ausreichend mit Nährstoffen aus dem Blut versorgt wird. «Hier lassen sich mit Medikamenten wie Aspirin oder Heparin gute Erfolge erzielen und die Chance auf eine normale Schwangerschaft erhöhen», sagt Surbek. Weitere Ursachen wie etwa Gebärmuttermissbildungen können teilweise operativ behoben werden. Sein Fazit: «Die aktuellen Möglichkeiten, die wir haben, um Frauen zu einer normalen Schwangerschaft zu verhelfen, sind sehr gut.»
Notwendige Trauerarbeit
Ebenso wichtig wie eine ärztliche Behandlung und Abklärung ist die Verarbeitung der Fehlgeburt. «Manche Frauen versuchen dieses schmerzliche Ereignis mit sich auszumachen. Oft reicht das nicht aus», beobachtet Ursula Burren. Die Hebamme am Inselspital ist ausgebildete Trauerbegleiterin und unterstützt Frauen, die ihr Kind verloren haben. Nach einiger Zeit komme der Schmerz wieder. Burren weiss: «Egal, wie früh in der Schwangerschaftswoche die Fehlgeburt erlebt wird, es tut stets weh, ein Kind zu verlieren.» Auch wenn das die Umwelt oft nicht versteht. Burren ermuntert daher Betroffene, zu trauern, zu weinen und darüber zu reden. Frauen, die den Verlust akzeptierten und in ihr Leben integrierten, kämen damit besser zurecht als andere.
Rituale können helfen
Hebamme Helene Gschwend, die mit der Berner Fachstelle Fehlgeburt und perinataler Kindstod zusammenarbeitet, rät, konkret Abschied vom Baby zu nehmen. Mit dem Partner. «Das erleichtert das Abschliessen.»
Catherine Burri half, dass sie das tote Kind im Gebärsaal auf reguläre Weise zur Welt brachte. «Wenn mir schon das Muttersein versagt wurde, konnte ich wenigstens das erleben», sagt sie. Sie schätzte es, dass Ärzte und Hebammen so behutsam mit ihrem Baby umgingen, als wäre es lebendig. Sie und ihr Partner fotografierten es und durften es eine Weile im Spitalzimmer behalten. Darüber ist Burri heute froh. Ihr war auch wichtig, dass das Kleine eine würdige Bestattung erhielt. Sie liess es einäschern und in einem Gemeinschaftsgrab auf einem Friedhof in ihrem Wohnort beerdigen.
Frauen, die das verlorene Baby nicht bestatten können, rät Trauerbegleiterin Burren zu Ritualen. «Es ist wichtig, dem Kind einen Platz zu geben, um mit der Trauer fertig zu werden.» Eine Frau, die sie betreute, betrachtete ihr Baby als Stern und gewöhnte sich an, abends in den Sternenhimmel zu schauen. Eine andere bepflanzte eine Blumenschale für das verlorene Baby. «Ist das Geschlecht des Kindes bekannt, kann auch die Namensgebung ein wichtiger und heilsamer Schritt sein», sagt Burren.
Bei Frauen, die nach einer Fehlgeburt wieder schwanger werden, hält Helene Gschwend die Betreuung durch eine Hebamme für besonders wichtig. «Oft sind sie sehr ängstlich und brauchen deshalb fachliche Unterstützung.» Ausserdem würden viele aus Selbstschutz in der ersten Zeit keine Beziehung zum neuen Baby im Bauch aufbauen. «Dabei wollen Kinder von Anfang willkommen geheissen sein», so Gschwend.
Bei Catherine Burri liegt die Fehlgeburt nun fünf Monate zurück. Sie sagt: «Selbst wenn es wehtat, sind mein Partner und ich dankbar für die Zeit, in der wir das Kind hatten.» Auch sie möchte nochmals schwanger werden. (Berner Zeitung)
Erstellt: 07.11.2011, 10:55 Uhr
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