Was einst das Poesiealbum war, ist heute Facebook

Über eine Million Schweizer tummeln sich auf der Webseite Facebook. Dort finden sie alte Kollegen, spielen Games und schreiben einander die digitale Wandtafel voll.

Umringt von Freunden. So stellt das Zusatzprogramm TouchGraph das persönliche Facebook-Netzwerk dar.

Umringt von Freunden. So stellt das Zusatzprogramm TouchGraph das persönliche Facebook-Netzwerk dar.
Bild: Screen TA

Seit einem Monat bin ich Facebook verfallen. Angemeldet hatte ich mich dort zwar schon viel früher, der Social-Network-itis aber verweigerte ich mich lange. Doch im Laufe von 2008 wurde ich immer häufiger gefragt: «Bist du auf Facebook?» Beruflich oder privat, die Facebook-Frage wurde zu einer Selbstverständlichkeit, so wie man sich ein Handy kauft, weils der Arbeitgeber verlangt, oder wie man Telefonnummern und Visitenkarten tauscht. Irgendeinmal wurde ich weich, stellte das erste Bild online, machte mich ans Ausfüllen der Vorlieben, Adresse, suchte alte «Freunde» und Berufskollegen.

Nicht alle meine Bekannten wurden weich. Sie weigern sich weiter standhaft - und fühlen sich oft wie Ausgestossene. Müssten sie nicht, die Chancen stehen nämlich gut, dass auch sie auf Facebook sind - mit Namen versehen («getagged» im Fachjargon) auf Fotos von Partys, Hochzeiten, Openairs.

Das «Freunde»-Missverständnis

Ja, die lieben «Freunde», das ist so eine Sache. Facebook-Abstinente mokieren sich gerne über das «Freunde»-Gehabe der Facebook-Gemeinschaft. Es stimmt: Dort kann man völlig unbekannten Personen eine «Freundes-Einladung» senden. Die Zielperson sieht dann in ihrem Facebook-Konto, dass sie jemand gerne in die eigene Freundesliste aufnehmen würde. Sie kann einen auch ganz einfach ignorieren oder aus irgendwelchen Gründen auch sofort aus der Freundesliste löschen. Facebook-Abstinente schliessen von der Einfachheit dieser Vorgänge auf Unseriosität, Oberflächlichkeit - «typisch Internetgeneration!», sagen sie dann triumphierend.

Steckt man jemandem eine Visitenkarte zu oder gibt man einer Person, die man in der Bar kennen lernt, die Handynummer: Was ist das anderes? Heute sucht man sich halt anschliessend in Facebook. Dank den ausgeklügelten Einstellungsmöglichkeiten kann man auch unterscheiden zwischen solch flüchtigen Bekanntschaften und der Kollegin, die man seit dem Sandkastenspielen kennt. Es gibt also keinen Grund, aus dem schnellen Sammeln von virtuellen Freunden zu schliessen, da sei etwas oberflächlicher als in der «richtigen» Welt. Zumal ich bisher keine erwachsenen Facebook-Kollegen kenne, die einfach wildfremden Leuten Freundes-Einladungen zukommen lassen oder solche akzeptieren würden. Auch wenn sie noch so im Jagdfieber nach «Freunden» sind, was vor allem am Anfang oft der Fall ist.

Banalitäten und Intellektuelles

«Was weisst du über Aromat? Ein Freund ist ein Fan von Aromat - auch Fan werden?». Von politischen Parteien bis zu Esswaren: Neben Gruppen scharen sich die Facebook-Mitglieder auch in Fan-Gemeinschaften. Das ist meist äusserst simple und oft nur schlecht getarnte Werbung. Im spannenden Fall aber können solche Communities auch ziemlich skurril, manchmal sogar direkt intellektuell sein. Wo sonst finden sich Leute, die sich zum deutschen Schriftsteller Jean Paul Richter und seinen Geschichten wie etwa «Dr. Katzenbergers Badereise» austauschen? Wo, wenn nicht auf Facebook, kann man sich zur Glaubensgemeinschaft des «Fliegenden Spaghettimonsters» bekennen und so den Verfechtern des Kreationismus virtuell eins auswischen?

Eine neue Art von Literaten

Es gibt Leute, die frönen auf Facebook einer neuen Kunstform: dem Statusleisten-Texten. In der Statusleiste kann man seinen Freunden mitteilen, was man gerade macht oder wie man sich fühlt. Einfaches liest sich dann so: «N. S. war bei Tante Doktor und muss jetzt den Rücken flachlegen. Das passt ihm gar nicht in den Kram.» Oder: «R. L. ist ein Putzteufel.» Oder: «A. B. wird irgendwelchen Gruppen zugeteilt, welchen sie nicht zugehören möchte. What a Guguus!» Die Künstler unter uns Facebooklern entwickeln sich zu richtigen Literaten, indem sie ihre Statusleiste mit möglichst originellen Botschaften versehen: «T. W. will heute ganz ganz intensiv nichts tun.» Oder: «M. G. kollationiert Goldbrakteaten und verliert dabei langsam den Verstand.» Oder: «G. findet 2009 superkalifragilisticexpialigetisch.»

Wie immer man sich zu Facebook stellt, das Wichtigste ist wohl, dass wir es alle so nehmen, wie es sich selber gibt: verspielt und nicht so ernst gemeint. Ohne zu vergessen, dass Facebook durchaus seine ernsten Seiten hat.

Eigentlich wollte Mark Zuckerberg, der Gründer von Facebook, vor allem seine Mitstudenten besser kennen lernen. Das war 2004. Die damals üblichen Jahrbücher der Kommilitonen, denen man einige persönliche Informationen entnehmen konnte, waren hoffnungslos veraltet. Ein idealer Nährboden für die Idee von Facebook: ein Personenverzeichnis im Web mit aktuellen Daten. Inzwischen ist Mark Zuckerberg im Alter von 24 Jahren der jüngste Milliardär der Welt. Microsoft kaufte sich ein, bezahlte für 1,6 Prozent der Firma 240 Millionen Dollar.

Facebook ist längst mehr als ein Verzeichnis im Web. Die Seite entwickelt sich zu einem virtuellen Poesiealbum für Erwachsene, indem sie sich einander gegenseitig Meldungen auf die «Wall» kritzeln, die persönliche Seite. Sie spielen beispielsweise «Bandenkrieg» oder sammeln Simpsons-Bildchen, die sie einander klauen; sie nehmen an Reisequiz teil, schenken sich gegenseitig virtuelle Drinks oder ausgefallene japanische Erfindungen.

Die Krux mit der Privatsphäre

Man sieht schnell: Auf Facebook sammeln sich jede Menge persönliche Informationen an. Darum verfügt es über ausgeklügelte Privatsphären-Einstellungen, wo jeder bis ins Detail definieren kann, wer was wo und wie von sich und seinen Freunden sieht. Das war nicht immer so; Facebook-Chef Mark Zuckerberg und seine Kollegen stellten die verschärften Privatsphären-Funktionen erst zur Verfügung, als sie im September 2006 eine bittere Erfahrung machen mussten: Die Facebook-Gemeinschaft kann sehr mächtig sein und sich widerborstig zeigen, auch gegenüber den eigenen Herren.

Damals führte Facebook die Funktion «News Feed» ein, die sämtliche Änderungen auf dem Profil eines Benutzers automatisch all seinen Freunden mitgeteilt hätte. Diese Neuerung alarmierte die Facebook-Mitglieder, weil alle Details des Onlinelebens auf einmal auf den Homepages ihrer Freunde ausgebreitet worden wäre. Sehr schnell kreierte ein Facebook-Nutzer wegen der umstrittenen «News Feed»-Funktion die Gruppe «Studenten gegen Facebook». Innert kürzester Zeit zählte sie 750'000 Mitglieder. Mark Zuckerberg hörte zu und gab den Mitgliedern bis ins letzte Detail die Kontrolle zurück, was öffentlich einsehbar ist und was nicht. Jetzt ist der «News Feed» eine der beliebtesten Funktionen von Facebook.

Kommerzielle Versuchungen

Trotzdem ist das Thema Privatsphäre auch heute allgegenwärtig. Facebook weiss viel über seine Mitglieder, und die Firma wird früher oder später unter wirtschaftlichen Druck kommen - die Versuchung wird dann gross sein, die wertvollen Daten nach allen Regeln der Kunst zu verwerten. Erste Anzeichen gibts bereits. So tauchten Profile von Facebook-Usern bis im Herbst 2007 nicht in der Suchmaschine Google auf. Dann wurden die Geschäftsbedingungen geändert, und die Profile waren ansatzweise offen auffindbar - allerdings kann man dies mit einem Klick unterbinden. Und Facebook arbeitet heute auch mit Drittanbietern wie Overstock.com zusammen, um zu verfolgen, wer was kauft, und dann zielgerichtet für Werbung zu sorgen.

Was mitunter zu eher belustigenden Resultaten führt: So erhält man etwa Werbung eingeblendet für einen Nassrasierer, der offenbar immer scharf bleiben soll. Dumm nur, dass dieses Angebot von der Firma Trendmail stammt, die immer mal wieder bei Konsumentenschützern wie «K-Tipp» oder «Kassensturz» negativ auffällt - da sag ich doch lieber nein danke.

Immerhin darf man solche Angebote auf Facebook abstrafen: Ein Klick aufs Daumen-nach-unten-Logo, kurz wählen, warum man die Werbung nicht mehr sehen will, und schon bekommt man sie nicht mehr zu Gesicht. Wenn das doch Google nur auch bieten würde!

Auch sonst wird man auf Facebook auf Schritt und Tritt durch Werbung beglückt. Sucht man etwa als Männlein in der Freundessuche nach einem weiblichen Namen, kann man darauf wetten, am rechten Bildschirmrand Werbung für Datingseiten eingeblendet zu bekommen («Frauen aus deiner Region»). Nirgendwo im Web wie auf Facebook wird einem so schnell klar, dass die persönlichen Angaben, die man auf seinem Profil macht, sofort Auswirkungen auf die eingeblendete Werbung haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2009, 09:00 Uhr

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5 Kommentare

Peter Meier

16.01.2009, 11:10 Uhr
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So virtuelles Gelaber ist nichts für mich, ist doch alles viel zu oberflächlich - egal ob Facebook, Xing etc. Mich schauderts wenn ich Schnupperlehrlinge bei uns in der Kantine sehen. 8-12 junge Teenies an einem Tisch die essen und die ganze Pause kein Wort miteinander sprechen, jeder tippst auf seinem Handy rum. Soll das die Zukunft unserer Gesellschaft sein ? Antworten


danny meili

16.01.2009, 01:29 Uhr
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Mich erinnerte das ganze an den Apple Hype. Mac User war ich schon lange bevor die Leute sich einfach Macs kauften weil sie besser aussehen als etwa Windows Maschienen. Aber sei es nun bei Facebook oder Mac Computern: Sobald es alle haben interessiert es mich bald mal nicht mehr. Privat ist Facebook sicherlich eine gute Sache - geschäftlich würde ich es aber nicht verwenden. Antworten


Tom Miller

16.01.2009, 00:12 Uhr
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Christian Bütikofer ist GENIAL! Dieser Artikel ist gut recherchiert und gibt einiges her! Danke für den super Bericht! Mit Facebok hab ich duzende Leute (wieder)gefunden! (Ich hab seit kurzem den Anzeiger als Testabo um muss sagen: Hammer! Nicht zu vergleichen mit dem Altpapier welches man morgens früh in den 'Verteilern' sehen muss.) Antworten


Ruedi Bauer

15.01.2009, 20:49 Uhr
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Was hast Du schon davon alle Schulkollegen gefunden zu haben? Hast ja eh keine Zeit all die Kontakte zu pflegen. Also bleibt es oberflächliches Gelaber und somit Zeitverschwendung . Darauf kann ich verzichten und beschränke mich auf zwei drei richtige Freunde mit denen ich auch wirklich Zeit verbringe und ggf meine Hilfe anbiete. Ein Internethype der ebenso schnell vergehen wird wie viele andere. Antworten


Imhof Rahel

15.01.2009, 09:23 Uhr
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Christian Bütikofer hat recht, es sind viele die Anhänger von Facebook sind. Ich habe so (fast) alle meine ehemaligen Schulkollegen aus dem Ausland wieder gefunden, was ich vorher durch Briefeschrieben nicht erreicht habe. Stehe dazu - Facebook ist eine gute Sache. Antworten



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