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«Viele Deutsche sehen in Schweizern eine Art verschärfte Schwaben»

Von Andreas Saurer. Aktualisiert am 06.02.2012 38 Kommentare

Das Leben komme ihm hier oft wie in Zeitlupe vor: Wolfgang Koydl, Schweiz-Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung», hat gelernt, dass es bei den Schweizern immer ein bisschen mehr Vorarbeit braucht.

«Ein bisschen mehr Aufregung wäre vielleicht gut»: Wolfgang Koydl, Schweiz-Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung».

«Ein bisschen mehr Aufregung wäre vielleicht gut»: Wolfgang Koydl, Schweiz-Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung».
Bild: Flurin Bertschinger/Ex-Press

Kurz gefragt

Wann haben Sie das letzte Mal gelacht?
Innerlich immer, weil ich mir angewöhnt habe, zu versuchen, in allem und jedem den heiteren Aspekt zu sehen.

Geweint?
Immer im Kino, zuletzt vor ein paar Tagen, als ich «Intouchables» von Olivier Nakache und Eric Toledano gesehen habe.

Gelogen?
Jetzt, bei der Antwort auf diese Frage, weil keiner ehrlich darauf antworten würde.

Lieblingsessen?
Nürnberger Bratwürste mit Sauerkraut.

Lieblingsbuch?
Gerade lese ich «Scum of the Earth» von Arthur Koestler, den erschütternden Bericht über seine Internierung in Frankreich.

Lieblingsort?
Flach, weiter Horizont, Dünen und Meer: Norddeutschland.

Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung»

Wolfgang Koydl berichtet seit vergangenem Sommer für die «Süddeutsche Zeitung»(SZ) in München über politische Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen in der Schweiz. Der 59-jährige Journalist wohnt mit seiner aus Russland stammenden Frau in Stäfa. Sich selbst bezeichnet er als Mitteleuropäer. Aufgewachsen ist er in Nürnberg, die Wurzeln seiner Familie liegen in Böhmen.
Um zu ergründen, wie der Schweizer so tickt, begleitet Koydl auch schon mal einen Seniorenklub auf einer Wanderung oder besucht einen Züridüütsch-Kurs. Und er staunt, wie schnell man hier in Gruppen zum unkomplizierten Du wechselt. Ein offenes Ohr hat er für Witze, die oft viel verraten über nationale und regionale Eigenheiten. Koydl hat einen Sinn für die komischen Seiten des Lebens, immer wieder blitzt sein Humor auf.

Zuvor war Koydl als Korrespondent der SZ in Istanbul, Washington und London tätig. Über seine Abenteuer und Erkenntnisse in der Türkei, den USA und Grossbritannien hat er mehrere unterhaltsame und zugleich lehrreiche Bücher geschrieben, eines davon heisst etwa «Fish and Fritz». Er ist auch Autor einer Biografie von John Kerry, dem demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten von 2004. Sein Buch über die Schweiz erscheint im kommenden Herbst bei Ullstein unter dem Titel «Wer hat’s erfunden?».
Koydl hat die Deutsche Journalistenschule absolviert und arbeitete früher beim «Münchner Merkur», bei der BBC in London, für eine Presseagentur in Moskau und bei der «Presse» in Wien.

Als Treffpunkt für das Gespräch hat Koydl das Café Sprüngli am Zürcher Paradeplatz ausgewählt, weil es exemplarisch vereint, was die Schweiz in den Augen vieler Deutscher noch immer ausmacht: Schokolade und Banken.

In einem Gastbeitrag für den «Sonntag» hat er das Wesen der Schweiz kürzlich so auf den Punkt gebracht: «Dies ist ein Land, in dem Fussgänger brav an einer roten Ampel warten, auch wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist. Erst bei Grün gehen sie auf die andere Strassenseite. Dort steht die Dignitas-Klinik, in der man sich total legal einschläfern lassen kann.»

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Korrektur-Hinweis

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Herr Koydl, was Schweizer partout nicht verstehen: Woher kommt der unbändige Drang der Deutschen, auf der Autobahn nach Belieben blochen zu dürfen?
Ich habe in vielen Ländern gelebt, und in jedem davon schrieb ich schon kurz nach Beginn mal eine Geschichte über den Verkehr. Die Türken fahren wie verrückt, die Ägypter noch verrückter, die Amerikaner haben diesen Hang zum grossen Auto, und die Engländer fahren auf der falschen Strassenseite. Nach ein paar Monaten ist mir hier aber aufgefallen, dass es in der Schweiz nichts darüber zu schreiben gibt. Hier fahren die Leute Auto. Sie fahren nicht besonders schnell, sie fahren nicht besonders langsam, sie schlagen nicht über die Stränge, sie fahren Auto, langweilig. Hier ist Auto fahren gewissermassen wie atmen.

Und in Deutschland?
Der «Economist» zog in einem Kommentar einmal einen treffenden Vergleich: Amerikaner sind im Prinzip vernünftige Leute und Deutsche auch. Beide Nationen haben nur eine Meise, bei den Amerikanern ist es die Waffenvernarrtheit, bei den Deutschen die Abneigung gegen jede Tempolimite. Beides ist potenziell lebensgefährlich, und beides kann man beiden nicht ausreden.

Im Klischee sind Deutsche konfrontativ und Schweizer harmonisierend. Ist das auch Ihr Eindruck?
Ich kann bei einem Gespräch mit Schweizern am Telefon nicht mit der Türe ins Haus fallen. Guten Tag, ich brauche das und will jenes – das funktioniert hier nicht. Ich habe gemerkt, wie da sofort eine Distanz aufgebaut wird, wie der Gesprächspartner physisch zurückweicht. Ich habe inzwischen realisiert, dass man ein bisschen Vorarbeit leisten, dass man ein paar Belanglosigkeiten austauschen muss. Erst dann kommt man langsam zur Sache. Das kostet zwar mehr Zeit, aber es überwiegen die Vorteile, es ist milder, angenehmer.

Die deutschen Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit oder Ordnung nehmen Sie in der Schweiz als Primäreigenschaften wahr, haben Sie geschrieben. Durch Zurechtweisungen von Mitbewohnern fühlten Sie sich an die 60er-Jahre in Deutschland erinnert. Ist das eine Horrorvorstellung? Oder schwingt da Nostalgie mit?
Es ist wohl eine Mischung aus beidem. Beim Zurechtweisen sehe ich einen Grundunterschied zwischen Deutschland und der Schweiz. In Deutschland ist es eher jenes einer selbst ernannten Obrigkeit. Der Hausmeister in Deutschland fühlt sich dabei wie ein militärischer Vorgesetzter. Schweizer dagegen wissen, dass sie alle für ihr Land, ihre Umwelt, ihre Nachbarschaft und ihr Haus verantwortlich sind. Es ist hier also eher das Bewusstsein, dass wir uns diesen Raum teilen müssen. Es hilft uns allen, wenn wir uns an die selbst gesetzten Regeln halten. Deshalb ist es hier letztlich auch leichter zu verkraften als in Deutschland.

Seit letztem Sommer leben und arbeiten Sie in der Schweiz. Wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus?
Ich kannte die Schweiz jenseits der üblichen Klischees wie Schokolade, Uhren und Banken praktisch überhaupt nicht. Es ist für jeden Korrespondenten an jedem Ort die beste Ausgangslage, das jeweilige Land nicht zu kennen. Man geht mit unverstelltem Blick und mit grosser Neugier an die Sache heran. Man kann alles neu entdecken und neu beschreiben. Ich bin positiv überrascht von der Menge an hervorragenden gesellschaftlichen Themen, die ich hier gemessen an der Grösse des Landes finde.

Wo versteht der Deutsche den Schweizer nicht?
Ich war überrascht, wie romanisch auch die Deutschschweiz auf mich wirkt. Die Atmosphäre und der Rhythmus sind weniger germanisch-teutonisch als romanisch. Das ist etwas, das Deutsche nicht verstehen. Oder die Bereitschaft zum Konsens. Viele Deutsche sehen in Schweizern eine Art verschärfte Schwaben. Was Deutsche nicht kapieren, ist schlicht, dass die Schweiz nicht Bestandteil Deutschlands ist. Deutsche wissen eigentlich nichts über die Schweiz, aber Schweizer wissen recht viel über Deutschland. Es ist eben das Verhältnis zwischen dem grösseren und dem kleineren Land.

Die Affären Wulff und Hildebrand liefen, bei allen Unterschieden, eine Weile parallel. Was geht Ihnen da durch den Kopf?
Zwei Dinge. Einmal die Art, wie die Presse mit den beiden Fällen umgegangen ist. Die deutsche Presse hat mir besser gefallen, weil sie im Fall Wulff mehr nachgefragt hat und hartnäckiger war und ist. Die Schweizer Presse war für meine Begriffe zahm, sie hatte viel Respekt vor dem Amt und vor Hildebrand. Er wurde sehr sanft und vorsichtig angefasst. Wahrscheinlich hat auch eine Rolle gespielt, dass die Vorwürfe aus einer bestimmten politischen Ecke kamen. Die Art aber, wie die Krise dann gelöst wurde, Hildebrands Rücktritt und das Sich-am-Amt-Klammern im deutschen Fall, gefiel mir in der Schweiz viel besser. Das war professionell und hatte Stil.

Was geht Ihnen hier auf den Wecker?
Auch nach langem Nachdenken: Im Moment noch nichts, aber es kommt sicher noch.

Aber wenn Sie nicht nur auf Zeit, sondern für immer hier wären, was würden Sie da ändern wollen?
Vielleicht wäre ein bisschen mehr Aufregung gut, es ist hier alles ein wenig ruhiger als anderswo. Das finde ich im Moment sehr angenehm. Wahrscheinlich ist das auch eine Altersfrage. Aber auf Dauer könnte ich mir vorstellen, dass diesem Leben in Zeitlupe etwas fehlt.

Was würden Sie umgekehrt am Ende gerne aus der Schweiz mitnehmen?
Die grössere Gelassen- und Entspanntheit, die positive Seite der Zeitlupe. Schweizer nehmen die Sache mit den Sekundärtugenden etwas weniger verbiestert als Deutsche.

Als Sie Korrespondent in den USA, in Grossbritannien und in der Türkei waren, haben Sie jeweils auch Bücher über Ihre Erfahrungen vor Ort geschrieben. Werden Sie das auch in der Schweiz so halten?
Ich liege in den letzten Zügen, am 1.März ist Abgabetermin für das Manuskript. Es erscheint in jener halb belletristischen Reihe von launigen Ländermonografien bei Ullstein, wo schon mein gut aufgenommenes Buch über die Briten «Fish and Fritz» herauskam. Es dreht sich um die wahren und erfundenen Erfahrungen unserer Familie in der Schweiz. Der Titel heisst «Wer hat’s erfunden?» und spielt, wie ich mich habe belehren lassen, auf die Ricola-Werbung an, die in Deutschland viele kennen und lustig finden.

Wie ist denn Ihre Familie in der Schweiz angekommen?
Die Familie besteht aus meiner Frau, einer 17-jährigen Tochter und einem älteren Hund, die alle verschieden auf die Schweiz reagiert haben. Unsere Tochter hat die letzten sechs Jahre in England gelebt und davor in den USA. Ihr erster Eindruck von Zürich war: Es ist eine grosse geriatrische Abteilung. Mich bringt ihr hier nicht her, hier ist alles langweilig. Sie ist für die letzten zwei Schuljahre an ihrer internationalen Schule in London geblieben. Inzwischen hat sie zu ihrem allergrössten Erstaunen festgestellt, dass die Schweiz bei ihren Klassenkameradinnen ungeheuer cool ist. Die Schweiz hat bei diesen jungen Leuten eine viel bessere Reputation, als es etwa Berlin oder München hätten. In den Ferien ist sie hier und findet es zunehmend attraktiv.

Und Ihre Frau?
Zum Glück liebt sie die Berge. Mehr Schwierigkeiten hat sie, Leute kennen zu lernen, aber dieses Problem gibt es überall, wie unsere eigenen Erfahrungen und jene zahlreicher Bekannter zeigen. Wenn man nur vorübergehend irgendwo ist, denken sich viele Leute, dass der eben bald wieder weggeht und es sich womöglich nicht lohnt, in die Beziehung zu investieren.

Gibt es Bücher, die Ihnen den Zugang zur Schweiz erleichtert haben?
Zum ersten Mal seit vielen Jahren habe ich wieder Dürrenmatt entdeckt und lese ihn jetzt mit ganz anderen, auf die Schweiz gerichteten Augen. Geradezu eine Offenbarung war die Wiederbegegnung mit Fritz Zorns «Mars». Damals habe ich nur wahrgenommen, wie er die Krankheit beschreibt. Erst jetzt ist mein Blick auch geschärft für seine Kritik und sein Leiden an der Goldküste und der Schweiz.

Der einzige Schweizer Politiker, den man in Deutschland mit Namen kennt, ist Christoph Blocher. Wer ist er?
Blocher ist jedenfalls eine vielschichtigere Persönlichkeit, als er in deutschen Medien dargestellt wird. Das beginne ich allmählich zu kapieren. Er ist kein Schweizer Haider oder Le Pen. Schon allein deswegen, weil die Schweiz von ihrer Struktur her keine Haiders und Le Pens kreieren kann. Bei den letzten Wahlen hat das Stimmvolk signalisiert, dass es genug hat von dem alten, dem bisherigen Blocher.

Aber was ist er nun?
Da bin ich noch am Lernen.

Die Haltung der Schweiz gegenüber der EU nennen Sie reserviert, so wie man auf die «Avancen eines allzu heissblütigen Liebhabers» reagiert. Burkhalter habe eine «Neigung zur Unauffälligkeit». Ist es das, was die Schweiz braucht in den Verhandlungen mit der EU?
Ich glaube nicht. Die Schweiz bräuchte jetzt einen Aussenminister, der stärker auftritt. Denn der stürmische Liebhaber wird in seinen stürmischen Avancen nicht nachlassen, sondern eher zulegen. Da ein Mauerblümchen als Aussenminister zu haben, das versucht, sich in die Mauer zurückzuziehen, ist vielleicht nicht unbedingt das Richtige.

Was müsste die Regierung tun?
Man sollte eigene offensive Strategien, vielleicht einen Plan B entwickeln, statt abzuwarten, was die EU vorschlägt. Ich sehe aber leider, dass es in der Schweiz keine eigenen Gegenvorschläge gibt. Man will manches verhindern oder abschwächen, aber man hat nichts Eigenes, das man dem entgegensetzen könnte.

Kürzlich schrieben Sie, dass die Schweiz sich nun anschickt, neben dem Geld auch erfolgreich Daten zu hüten. Ist das Satire?
O nein. Das Schweizer Offiziersmesser und die Milchschokolade waren auch innovativ. Die Schweiz hat die Schokolade nicht erfunden, aber sie hat sie weiterentwickelt. Die Schweiz hat das Sackmesser nicht erfunden, aber sie hat es weiterentwickelt. Die Schweiz hat die Daten nicht erfunden, aber sie macht etwas daraus. Es ist das Genie der Schweiz, nicht unbedingt ursprünglich etwas zu erfinden – mit Ausnahme von Ricola vielleicht –, aber Dinge, die andere erfinden, weiterzuentwickeln und zu verkaufen.

Den Tourismus zum Beispiel.
Auch ihn hat die Schweiz nicht erfunden, aber sie hat ihn zur Blüte gebracht. Das Genie der Schweiz ist es, Berge zu verkaufen, in denen keine Erze sind. Andere Länder verkaufen, was in den Bergen drin ist, die Schweizer verkaufen den Berg als solchen, und zwar mit ungeheurem Erfolg und seit über hundert Jahren.

Sie werden von Schweizer Medien ziemlich oft nach Ihrer Meinung gefragt. War das in den anderen Ländern auch so?
Über die Amerikaner hat einer meiner Vorgänger – Kurt Kister, der jetzt Chefredakteur ist – einmal gesagt: Die Amerikaner achten nicht auf Länder, in denen Sprachen gesprochen werden, die Pünktchen über die Buchstaben streuen. Auch in England schaut man nicht auf den Kontinent und falls doch, dann nach Frankreich. Die Türkei dagegen war besessen davon, was man über sie schrieb. Ich habe es dort mit Foto auf die Titelseite von «Hürriyet» geschafft mit der Schlagzeile «Schande» – damit war meine Berichterstattung über die Türkei gemeint. Auch Deutsche sind äusserst interessiert daran, was andere Nationen über sie denken. Und da zeigt sich eindeutig ein Minderwertigkeitskomplex.

Und hier?
ab Wahrscheinlich auch. Man möchte schon wissen, was man im Ausland über die Schweiz denkt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.02.2012, 08:37 Uhr

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38 Kommentare

Rosita Bundi

07.02.2012, 13:24 Uhr
Melden 58 Empfehlung

Seit einiger Zeit als Schweizer in Süddeutschland lebend, sehen wir die Dinge wiederum anders als Koydl, dessen Antworten ich z.T. als mindestens so klischeehaft empfinde wie die gängigen Klischees. Wir finden z.B. Süd-D viel entspannter als CH, auch humorvoller, gemütlicher. Aber auch direkter, was wohltuend ist, statt Faust im Sack wie in der CH. Naja, alles subjketiv halt. Antworten


Michael Bader

07.02.2012, 13:12 Uhr
Melden 27 Empfehlung

Immer wenn ein Artikel mit "die Schweizer sind..."; "die Deutschen sind..." anfängt, sackt meine Erwartungshaltung gegen Null. Überall gibt es solche und solche, wieso versuchen irgendwelche Journalisten permanent irgendwelche Nationaleigenschaften zu postulieren? Geht's nicht ohne vorgefertigte Bilder im Kopf? War selbst einige Jahre in der CH und habe Bünzlies und "Coole Säue" kennengelernt. Antworten



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