«Selber denken macht schlau»

Von Ruth Siegenthaler. Aktualisiert am 06.09.2010

Der Frontalunterricht hat ausgedient. Im modernen Klassenzimmer erarbeiten sich Schüler den Schulstoff eigenständig in Werkstatt- und Gruppenarbeit. Doch wie und wo lernen Kinder die dafür notwendige Selbstkompetenz? Philosophieren könnte einen Einstieg dazu bieten, sagt die Philosophin Eva Zoller Morf.

Mit Kindern philosophieren: Dies soll das Selbstvertrauen stärken, sagt Autorin Eva Zoller Morf.

Mit Kindern philosophieren: Dies soll das Selbstvertrauen stärken, sagt Autorin Eva Zoller Morf.

Zum Umgang mit Kinderfragen

Eva Zoller Morf hat nach ihrer Ausbildung zur Primarlehrerin Philosophie und Religionswissenschaften studiert. Über die vergangenen 20 Jahre ist die Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Thurgau in Kreuzlingen zu einer Expertin für das Philosophieren mit Kindern geworden; das «Käuzli», ihr Heim in Altikon ZH, zu einer reich bestückten Dokumentationsstelle für einschlägige Literatur (Info: www.kinderphilosophie.ch).

Am 18.September wird anlässlich eines Workshops in Spiez ihr neues Buch vorgestellt. «Selber denken macht schlau» bietet auf 140 Seiten Tipps und Beispiele dafür, wie man Kinderfragen auf kreative Art begegnen, Kindern beim Sichwundern und Philosophieren unterstützen kann.

«Selber denken macht schlau» wendet sich an Eltern sowie Lehrpersonen und widmet sich in drei Schwerpunktthemen dem Umgang mit Kinderfragen, Fragen der Ethik und existenziellen Fragen rund um Wahrheit, Sinn, Tod und Leben.

Eva Zoller Morf: «Selber denken macht schlau», Zytglogge, 29 Franken.

Buch-Vernissage und Workshop: Spiez, 18.September 2010. Anmeldung: www.vhsn.ch.

Stichworte

Warum soll man überhaupt mit Kindern philosophieren?
Eva Zoller Morf: Weil Kinder dabei lernen können, einander zu-zuhören und sich in der Auseinandersetzung mit anderen eine eigene Meinung zu bilden. Das Selbstvertrauen der Kinder wird gestärkt, weil man ihre Gedanken ernst nimmt. In vielen Lehrplänen wird gefordert, dass Kinder reflektiv denken, das heisst, über sich selbst nach-denken sollten. Aber wo und wie man solches Denken lernen und üben kann, wird kaum erwähnt.

Diese Nische füllt nun Ihr Buch?
Ich möchte dazu beitragen, ja. Mein Buch «Selber denken macht schlau» gibt vielfältige Anregungen, wie man Philosophieren lernen und lehren kann. Wie der Philosoph Wittgenstein schon sagte, ist Philosophie eine Tätigkeit, keine Lehre.

Wie lernen Kinder Philosophieren?
Am besten durch «Learning by Doing», gemeinsam mit Eltern und Lehrpersonen. Man beginnt mit kleinen Denkspielen und wendet dann nach und nach die «philosophischen Werkzeuge» an.

Was sind «philosophische Werkzeuge?
Begründen, nachfragen, kritisches Hinterfragen, gegenteili-ge Meinungen überdenken und formulieren, genau zuhören und so weiter. Pädagogisch finde ich vor allem wichtig, dass Kinder dabei erfahren: «Wir haben etwas zu sagen, wir können selber denken, man nimmt uns ernst.» Dieses Selbstvertrauen befreit sie aus Abhängigkeiten gegenüber den «Grossen», die ihnen alles vorsagen wollen.

Reichen denn die sprachlichen Möglichkeiten der Kinder überhaupt aus zum Philosophieren?
Das hängt natürlich vom Alter ab. Oft hilft es, wenn wir kleinere Kinder ihre Erkenntnisse malen oder spielen lassen. Die sprachlichen Fähigkeiten wachsen durch suchende, philosophische Gespräche.

Nach welchen Kriterien haben Sie die empfohlenen Kinderbücher ausgewählt?
Sie sollten etwas thematisieren, was den Kindern vertraut ist. Soziale Probleme etwa, zu denen man sich eine eigene Meinung bilden kann: «Warum sind wir alle verschieden?», «Ist Streiten immer schlecht?». Wenn eine Geschichte mögliche Lösungen bietet, darf man die Kinder auch fragen, wie sie das finden, ob sie auch so oder vielleicht anders handeln würden.

In mehreren europäischen Ländern, darunter Österreich, ist Philosophieren ein Schulfach. Warum nicht in der Schweiz?
Das wäre zurzeit leider nicht realistisch. Damit das geschehen könnte, müsste «Philosophieren mit Kindern» schon in der Ausbildung der Lehrpersonen vorkommen. An der Pädagogischen Hochschule (PH) Bern gibt es seit ein paar Jahren schon ein gut besuchtes Wahlfach dazu, die Studierenden gehen dann an öffentliche Schulen üben. An anderen PH werden philosophische Gespräche in Ethik und Religion thematisiert. Es wäre schön, wenn diese Bestrebungen künftig noch ausgeweitet würden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.09.2010, 11:25 Uhr

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