Schlank um jeden Preis
Von Vera Hächler. Aktualisiert am 30.08.2010
Definition von Untergewicht und Zwang
Anorexie: BMI unter 18,5 kg/m2, eine Körperwahrnehmungsstörung, das heisst, dass Betroffene sich trotz Untergewicht als normal oder zu dick sehen. Ein Indikator für eine Magersucht ist zudem der Ausfall der Menstruationsblutung über mehr als drei Monate.
Orthorexie: Der Zwang des Gesundessens ist die beherrschende Idee. Die Nahrungsauswahl wird immer enger. Der soziale Rückzug wird immer stärker. Bei Orthorexiebetroffenen kommt es oft auch zu übersteigerter sportlicher Aktivität.
Selbsttest 1: Sport
Entsprechen fünf oder mehr der folgenden sieben Punkte der Realität, besteht bei Ihnen Verdacht auf Sportsucht.
- Sport machen Sie nur, um Entzugserscheinungen zu vermeiden, oder aus dem zwanghaften Gefühl heraus, sich bewegen zu müssen.
- Ihren Beruf, das Familienleben und auch Ihre Hobbys ordnen Sie dem Sport unter – er ist zum zentralen Motiv in Ihrem Leben geworden.
- Treiben Sie 24 bis 36 Stunden nicht Sport, treten Entzugssymptome auf: Sie beginnen etwa zu zittern oder fühlen sich allgemein unwohl.
- Sie missachten die körperlichen Signale der Überlastung – diese können im ungünstigsten Fall zu schweren Verletzungen führen.
- Ihr soziales Umfeld leidet unter Ihrem Sport. Ihr Partner oder Ihre Partnerin hat sich darum von Ihnen getrennt oder will es tun, Freunde ziehen sich zurück.
- Sofern Sie Ihre Sportdosis nicht kontinuierlich steigern, nimmt die Befriedigung, die Sie aus dem Training ziehen, immer mehr ab.
- Sekundäre Ziele wie Gewichtsverlust oder eine Steigerung des Selbstvertrauens sind Ihre eigentliche Motivation, Sport zu treiben.
- Denken Sie mehr als drei Stunden am Tag über Ihre Ernährung nach?
- Planen Sie Ihre Mahlzeiten mehrere Tage im Voraus?
- Ist Ihnen der ernährungsphysiologische Wert Ihrer Mahlzeit wichtiger als die Freude an deren Verzehr?
- Hat die Steigerung der angenommenen Lebensmittelqualität zu einer Minderung Ihrer Lebensqualität geführt?
- Sind Sie in letzter Zeit mit sich strenger geworden?
- Steigert sich Ihr Selbstwertgefühl durch gesunde Ernährung?
- Haben Sie durch Ihre Essensgewohnheiten Probleme auszugehen und distanzieren Sie sich dadurch von Freunden und Familie?
- Verzichten Sie auf Lebensmittel, die Sie früher gerne gegessen haben, um nun «richtige» Lebensmittel zu essen?
- Fühlen Sie sich schuldig wenn Sie von Ihrer Diät abweichen?
- Fühlen Sie sich glücklich und unter Kontrolle, wenn Sie sich gesund ernähren?
Selbsttest 2: Essen
Wenn Sie vier oder fünf der folgenden Fragen des Bratman-Tests bejahen, sollten Sie mehr Gelassenheit in Bezug auf Ihre Ernährung zeigen. Wenn Sie alle Fragen mit Ja beantworten, haben Sie bereits eine Besessenheit für gesunde Lebensmittel entwickelt.
«Schönheit- und Schlankheitsideale beeinflussen vermehrt auch ältere Frauen», sagt Bettina Isenschmid, Chefärztin im Zentrum für Essverhaltensstörungen, Adipositas und Metabolismus im Spital Zofingen. «Ich beobachte diesen Trend seit etwa fünf Jahren mit mehr Deutlichkeit.» Wechselnde Partnerschaften und berufliche Karrieren, die ein beständiges Sich-attraktiv-Halten erforderlich machen, hätten einen grossen Einfluss auf das Essverhalten von Frauen. «Momentan habe ich etwa sechs ältere Patientinnen. Einerseits kommen ehemals Betroffene wieder zur Behandlung, die als junge Frauen eine Essstörung hatten und nach Jahren des Unterbruchs – meist nach Schwangerschaft oder Partnerschaft – wieder vermehrt Symptome zeigen», so Isenschmid. Die andere Hälfte der Fälle seien anorektische oder orthorektische Erkrankungen (siehe Box), die meistens erst nach dem 25.Altersjahr auftreten.
Frauen, die an Orthorexie erkrankt sind, machen gesundes Essen zum Lebensinhalt. Sie verzichten auf viele Lebensmittel, um die «richtige» Nahrung zu sich zu nehmen. Dies führt zu einer Fehl- und Mangelernährung mit entsprechenden Mangelsymptomen. Auch die übersteigerte sportliche Aktivität, die häufig vorkommt, kann zu Schäden führen. Isenschmid wendet zur Abklärung unter anderem den sogenannten Bratman-Test und den Sportsuchttest an (siehe Boxen).
Obsession ist oft Störung
Vielen Frauen sei nicht bewusst, dass ihre Obsession für gesundes Essen im Grunde eine Essstörung ist. Heutzutage seien magere Frauen – häufiger als in der Vergangenheit – im sozialen Mainstream, gibt die Expertin zu bedenken. «Sie sind schlank bis mager, durchtrainiert und haben sich teilweise sogar Schönheitsoperationen unterzogen. Und sie essen gesund und restriktiv. Sowohl Fremd- wie Selbstkritik setzen spät oder gar nicht ein, denn diese superschlanken Frauen mittleren Alters fallen in der heutigen Gesellschaft gar nicht so stark auf.»
Dass Essstörungen alles andere als harmlos sind, zeigt eine Studie über Anorexie aus Deutschland: 21 Jahre nach der Erstbehandlung weist sie bei 50,6 Prozent eine vollständige Genesung, bei 20,8 Prozent eine Verbesserung der Symptomatik, bei 10,4 Prozent eine Chronifizierung und bei 14,3 Prozent einen tödlichen Ausgang der Erkrankung nach. In der Schweiz existiert keine repräsentative Studie zur Entwicklung von Anorexie und Orthorexie bei Frauen mittleren Alters. Eine Studie zu Essstörungen wurde unter anderem vom Bundesamt für Gesundheit in Auftrag gegeben. Die Resultate werden Ende 2011 erwartet.
Die Ursache für den Schlankheitswahn ortet Isenschmid unter anderem darin, dass Schlankheit in einer Gesellschaft, in der fast alles Lebensnotwendige mit wenig Anstrengung erreichbar sei, zum ersehnten Ideal werde.
Victoria, die Lollipop-Frau
Isenschmid nimmt auch Prominente in die Verantwortung. Sie hätten einen immensen Einfluss auf unser Selbstbild und unser Essverhalten. «Angesichts der sich ständig ändernden Ideale werden prominente Personen auch für reifere Frauen immer wichtiger», erklärt Isenschmid. Gerade Frauen wie Heidi Klum, die kurz nach der Entbindung wieder auf dem Laufsteg stehen, oder eine sehr dünne Victoria Beckham beeinflussen Frauen. Sie seien wichtige Meinungsträgerinnen – und sich dessen nicht einmal bewusst, sagt Isenschmid. «Victoria Beckham gilt als sogenannte Lollipop-Frau: Sie hat einen dünnen Körper, wie ein Stängel, und ein rundes Gesicht. Runde Wangen bei einem so ausgemergelten Körper sind oft auf vergrösserte Speicheldrüsen bei bulimischem Essverhalten zurückzuführen. Und Heidi Klum müsste mal nachdenken, was das für eine Botschaft ist, wenn sie eine gertenschlanke junge Frau aus ihrer Show wirft, weil sie einen zu dicken Bauch hat.» Krankheit sei in diesem Zusammenhang ein schwer abgrenzbarer Begriff, aber so ganz gesund könnten die beiden Promi-Frauen wohl nicht sein, so Isenschmid.
Lösungsansätze zum Geradebiegen des verrückten Bildes von Schönheit sieht Isenschmid in der öffentlichen Arbeit. Sie plädiert dafür, dass sich Staat und Politik intensiver des Problems annehmen, so wie es bei Alkohol und Drogen der Fall sei. Die «unmenschlichen und unrealistischen Ideale» kosteten letztlich dem Gemeinwesen Geld. Die Expertin nimmt aber auch jeden Einzelnen in die Verantwortung: «Wir sollten uns stets kritisch hinterfragen, welchen Stellenwert wir dem Äusseren, der Figur, der Oberfläche und der Leistung geben und wie wir Charakter und eben auch Unvollkommenheit, Leiden und Tod respektieren können.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 30.08.2010, 13:17 Uhr








































































































































