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Plan B nach dem Schlaganfall

Von Juliane Lutz. Aktualisiert am 14.02.2011

Eine neuartiges Neuropsychotherapie-Angebot am Berner Inselspital soll es Patienten erleichtern, mit Beeinträchtigungen leben zu lernen.

Neuropsychologin Helene Hofer ermuntert eine  Patientin, sich einer für sie schwierig gewordenen Alltagssituation zu stellen.

Neuropsychologin Helene Hofer ermuntert eine Patientin, sich einer für sie schwierig gewordenen Alltagssituation zu stellen.
Bild: Susanne Keller

«Mein Leben zerfiel in tausend Puzzleteile.» So beschreibt eine Patientin die Zeit nach dem Schlaganfall. Zwar dauert ein Gehirnschlag nur Sekunden, doch die Folgen von Durchblutungsstörungen im Gehirn können für das restliche Leben gravierend sein. 40 Prozent der pro Jahr 12000 bis 14000 Betroffenen in der Schweiz sind nach dem Vorfall mehr oder weniger von anderen abhängig. Davon sind 20 Prozent Pflegefälle. 23 Prozent überleben die ersten sechs Monate nach dem Schlaganfall erst gar nicht, und nur 37 Prozent können weiterhin selbstständig ihr Leben meistern – vielfach mit Einschränkungen.

Begleitung ins neue Leben

Wie damit umgehen, dass sich nach dem Gehirnschlag Herzenswünsche wie ein Kind nicht mehr realisieren lassen oder dass Sprach- und Erinnerungsschwierigkeiten es unmöglich machen, den Beruf weiterhin auszuüben? Die Erkenntnis, dass die durch den Schlaganfall erfolgten Behinderungen Grenzen aufzeigen, führt bei vielen zu starken Verunsicherungen und Ängsten und nicht selten auch zu Depressionen. Somit verwundert nicht, dass die Suizidrate bei Schlaganfallpatienten um das Zweifache erhöht ist.

Um Betroffenen bei der Auseinandersetzung mit der Krankheit und ihren Folgen besser helfen zu können, setzt Helene Hofer vom Berner Inselspital seit zweieinhalb Jahren auf eine innovative Neuropsychotherapie. Sie arbeitet nicht nur an neurologischen Problemen wie Gedächtnisschwierigkeiten, sondern entwickelt mit den Patienten zusammen auch Handlungsmöglichkeiten und einen Plan B für das veränderte neue Leben. In Rahmen einer Studie erforscht sie derzeit auch die konkreten Auswirkungen der Therapie auf die Patienten. Ergebnisse sollen in drei Jahren vorliegen.

Die Behandlung von Schlaganfallpatienten hat mittlerweile durch die Einrichtung von speziellen Schlaganfall-Notfallstationen und durch intensive Neurorehabilitation von einem frühen Zeitpunkt an in der Schweiz längst einen sehr hohen Standard erreicht. Die Betroffenen bei der Anpassung an die teilweise massiv veränderten Realitäten zu unterstützen – dieser Aspekt kam Hofer jedoch bislang viel zu kurz, und so entwickelte sie den neuen integrativen Ansatz.

1.Phase: Trauerarbeit

«Zu Beginn der Therapie steht vor allem die Trauerarbeit über den Verlust von Fähigkeiten und das bisherige Leben im Vordergrund», erklärt Hofer, die Neuropsychologin und Psychotherapeutin ist. In dieser ersten Phase sei es wichtig, dass Patienten Gefühle von Verunsicherung und Bedauern zuliessen und darüber sprächen. Aber auch, dass sie langsam lernen, eine Zukunft mit verminderten Ressourcen zu akzeptieren und auf diese Weise wieder einen Lebenssinn finden. «Das ist ein langer, schmerzhafter Prozess», so Hofer. Aber auch ganz praktische Dinge spricht sie mit ihren Patienten an. Zum Beispiel die finanzielle Situation und was notfalls erledigt werden muss, um eine IV-Rente zu bekommen. Oder wie sich die Beeinträchtigungen auf Partnerschaft, Sexualität und Familie auswirken. «Bei vielen ist die Scham ein grosses Thema. Sie haben Angst vor einer Existenz als IV-Rentner und davor, dass die anderen sie vielleicht als Sozialschmarotzer abtun könnten», beobachtet Hofer.

2.Phase: Sehen, was geht

Im weiteren Verlauf der Therapie geht es darum, dass die Betroffenen sich darauf konzentrieren, was mit den vorhandenen Ressourcen alles möglich ist , und ein bewältigungsorientiertes Vorgehen lernen. «Ein Patient hatte Angst davor aufzufallen, da ihm nach dem Schlaganfall beim Essen Speichel aus dem Mundwinkel lief», erzählt Hofer. Ausserdem benötigte er ein spezielles Besteck, denn er konnte nicht mehr gut greifen. Um zu vermeiden, dass er sich deswegen zurückzog, ermunterte sie ihn, sich diesen Ängsten in kleinen Schritten zu stellen. Indem er wieder im Familienkreis ass und dort das neue Besteck ausprobierte. Nach den ersten Versuchen besprach er mit ihr, was die Situationen in ihm ausgelöst hatten, und schliesslich wagte er nach einer Weile den Schritt ins Restaurant.

«Wir klären auch ab, was sich die jeweiligen Patienten alles zumuten wollen, um dieses oder jenes Ziel zu erreichen. Und wann der Punkt erreicht ist, an denen sie sagen: Damit finde ich mich jetzt einfach ab», so Hofer.

Letzte Phase: Neubewertung

In der letzten Phase der Therapie, die insgesamt zwei Jahre dauert, geht es um eine Neubewertung der Lebenssituation und darum, inwieweit sich die Betroffenen mit ihrem Schicksal versöhnen können. «Ich weise die Patienten auch darauf hin, dass es trotz aller Fortschritte legitim ist, hin und wieder Phasen der Trauer zu erleben.» Die Patienten, die ihr andere Ärzte zuweisen, schätzen diese neue Neuropsychotherapie. Sie erlebe viel Dankbarkeit, und die Frau, deren Leben in tausend Puzzlestückchen zerfiel, meinte: «Zwar fehlen noch immer einige Teile, aber die Therapie hat sie wieder einigermassen zusammengefügt.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.02.2011, 10:51 Uhr

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