Mehr Geld, mehr Sorgen
Von Erich Solenthaler. Aktualisiert am 09.01.2012 6 Kommentare
Ursula Grimm
Ursula Grimm ist Präsidentin von Budgetberatung Schweiz, der gemeinnützigen Dachorganisation von 37 Anlaufstellen für Budgetfragen von Privatpersonen. Zudem arbeitet sie für den Beratungspunkt in Winterthur und als Stipendienberaterin.
Service
Starthilfe für ein Haushaltsbudget
Nicht alles muss bei null beginnen. Der «Tages-Anzeiger» offeriert allen Leserinnen und Leser eine bewährte Excel-Vorlage für ein Haushaltsbudget, die bereits tausendfach eingesetzt wird. Sie setzt einen Computer mit einer Tabellenkalkulation voraus, aber keine vertieften Anwenderkenntnisse. Man braucht nur seine Zahlen einzutippen – und die Budgetvorlage liefert die Resultate.
Anzugeben sind die voraussichtlichen Einkommen und Ausgaben, die in regelmässige und sporadische (Ferien, Steuern, Anschaffungen, Rückstellungen) aufgeteilt werden müssen. Zudem ist eine allgemeine Reserve einkalkuliert, deren Höhe in fünf Stufen gewählt werden kann. Auch ein Sparziel kann angegeben werden.
Intuitiv nachvollziehbar
Die Budgetvorlage ist einfach gestaltet und setzt keine detaillierte Haushaltsrechnung voraus. Zu erfassen sind nur die grösseren Positionen, aus denen die Software die variablen Ausgaben ableitet. Damit sind all die kleineren Aufwendungen gemeint, über die nicht Buch geführt wird oder die spontan anfallen. Sie sind die Manövriermasse. Gleichzeit signalisieren die variablen Ausgaben, ob mehr gespart werden muss. Dies ist dann der Fall, wenn die variablen Ausgaben von Monat zu Monat abnehmen. Im umgekehrten Fall kann man die Zügel etwas lockern.
Am besten führt man sein Budget zu Beginn jedes Monats nach. Mit etwas Routine ist dies in wenigen Minuten erledigt, weil man nur löschen, korrigieren oder anfügen muss, was sich verändert hat. Nur wenn das Geld wirklich knapp wird, müssen die Ausgaben analysiert werden, damit das Sparpotenzial ausgelotet werden kann. Auch dazu enthält die Vorlage ein Musterblatt.
Auf www.budgetberatung.ch finden sich weitere Vorlagen und Tipps. So gibt es beispielsweise konkrete Zusammenstellungen für Familien, Lernende oder Alleinerziehende sowie viele Adressen von Beratungsstellen. Die Hilfestellungen der Budgetberatungsstellen sind detaillierter, ihre Umsetzung aufwendiger. Unsere Vorlage hingegen wendet sich an Personen, die weniger ins Detail gehen wollen oder müssen. Sie kann mit einer E-Mail an die Geld-Redaktion bestellt werden. Damit sie automatisch beantwortet wird und das Budget unverzüglich bei Ihnen eintrifft, müssen Sie im Betreff den Code GK8T eingeben.
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Frau Grimm, was offeriert die Budgetberatung den Klienten?
Wir erstellen mit den Klienten eine Übersicht über ihre finanzielle Situation und analysieren den Istzustand. Wenn man die einzelnen Posten anschaut, sehen die Leute schwarz auf weiss, wie es um die Balance ihrer Einnahmen und Ausgaben steht. Dabei zeigt sich häufig, dass die Leute gar nichts falsch machen und dass es halt wirklich eng ist mit dem Geld. Darauf muss man sich einstellen und verbessern, was realistisch ist.
Arbeiten Sie auch mit anderen Stellen zusammen?
Bei Bedarf weisen wir die Ratsuchenden auf spezialisiertere Stellen hin, zum Beispiel auf eine Mediationsstelle, das Sozialamt, auf Pro Senectute oder eine Schuldenberatung.
Wer kommt typischerweise in eine Budgetberatung?
Es sind oft Personen, die ein rechtes Einkommen haben, welches aber häufig nicht bis Ende Monat reicht. Zwar müssen sie nicht hungern, aber der Zahltag wird sehnlichst erwartet. Die Gefahr ist dann gross, wieder zu viel auszugeben, sobald der Lohn auf dem Konto eintrifft. Monat für Monat die gleiche unbefriedigende Situation zu erleben – das stresst. Zusammen mit dem Ratesuchenden analysieren wir die Situation und wie die Ausgaben einzuteilen sind. Allenfalls kann sogar etwas auf die Seite gelegt werden. Wenn in einer Familie jeder weiss, wie viel Geld für welchen Zweck zur Verfügung steht, ist für den Familienfrieden viel getan.
Es suchen also nicht nur arme Schlucker Ihren Rat?
Sicher haben wir auch viele Ratsuchende, die mit einem sehr kleinen Einkommen auskommen müssen. Das sind aber in der Regel nicht die schwierigsten Gespräche, da diese Personen bereits ihr Leben lang aufs Geld schauen mussten. Sie haben gelernt, mit wenig Geld umzugehen, und ein spezielles Gespür für Geld entwickelt. Dieses Gespür fehlt den Personen, die plötzlich viel weniger zur Verfügung haben. In diesen Fällen gibt es viel zu diskutieren, da bei mehreren Budgetposten gespart werden muss. Auch Budgets von Personen mit einem höheren Einkommen sind kompliziert, weil die Ansprüche hoch, manchmal zu hoch sind. Häufig kommen auch Paare, die gut verdienen, sich aber nicht einig sind und eine neutrale Einschätzung wünschen.
Sind es vor allem Frauen, die eine Budgetberatung aufsuchen?
Ja, Frauen holen sich eher Rat als Männer, vor allem alleinstehende und alleinerziehende. Auffallend ist, dass Männer in einer schwierigen Situation eher zu radikaleren Einsparungen bereit sind. Frauen brauchen etwas länger, bis sie Massnahmen ergreifen, sie hängen an einem gewissen Lebensstandard oder einer schönen Wohnung. Dafür sind sie besser vernetzt, können zum Beispiel die Ferien bei einer Freundin im Tessin verbringen, was wenig kostet.
Was bringt die Leute am häufigsten in Schwierigkeiten?
Leasing- oder Versicherungsverträge, Konsumkredite, aber auch Steuerrückstände. Alles Verpflichtungen, die man nicht sofort ändern kann. Auch eine günstigere Wohnung zu finden, geht nicht von einem Tag auf den anderen. Dann muss man das Vorgehen besprechen, eventuell auch, ob mehr Einkommen generiert werden kann, oder ob eine andere Beratungsstelle beigezogen werden muss.
Ganz unschuldig dürften die Klienten nicht sein, wenn es mit dem Budget nicht mehr klappt.
Die meisten Leute bezahlen brav ihre Rechnungen und bestreiten mit dem Rest den Haushalt und die Freizeit. Problematisch wird es, wenn sie sich für diese Ausgaben keine Grenzen setzen und keine Rückstellungen vornehmen. Oder sie unterschreiben langfristige Verträge, ohne sich im Klaren zu sein, dass jeder Vertrag Rechnungen nach sich zieht, die während vieler Jahre beglichen werden müssen, obwohl das Geld bereits knapp ist. Das führt dazu, dass man die Konti überzieht und schliesslich in eine Abwärtsspirale gerät. Das funktioniert spätestens dann nicht mehr, wenn man die Stelle verliert, einen Unfall hat, oder wenn sich ein Paar trennt.
Ein paar Fragen, die unsere Leser stellen: Ein Kind geht bald ins Gymi. Wie viel muss man dafür budgetieren?
Wir geben nicht gerne pauschale Zahlen an, weil die Antwort von den individuellen Verhältnissen abhängt. Aber die Punkte, auf die man achten sollte, sind: Taschengeld, Kleider, Handy, externe Verpflegung, Schulweg, Schulbücher, Exkursionen und Hobbys. Je nach der wirtschaftlichen Situation der Eltern können auch Stipendien beantragt werden.
Hat man nach der Pensionierung mehr oder weniger Ausgaben?
Nach der Pensionierung fallen gewisse Budgetposten weg. Zum Beispiel die gebundene Vorsorge, was bei einem Paar, welches den Maximalbetrag einbezahlt hat, über 1000 Franken monatlich ausmacht. Man braucht auch weniger Kleider als Berufstätige, und die berufsbedingte, auswärtige Verpflegung fällt weg, dafür hat man mehr Zeit zum Kochen. Im Weiteren benötigt man kaum noch zwei Autos oder vielleicht gar keines mehr. Im Übrigen gibt es zahlreiche Vergünstigungen für Senioren.
Was sollte man für den Pflegefall vorsorgen?
Wichtig ist, dass man die Planung frühzeitig angeht und eine spezialisierte Beratungsstelle kontaktiert. Wenn die Ausgaben wegen der Pflegekosten die Renteneinnahmen und Krankenkassenleistungen übersteigen, muss auf das Vermögen zurückgegriffen werden. Dann sind Ergänzungsleistungen und eventuell sogar Hilflosenentschädigung zu beantragen.
Sie erwähnten bereits Versicherungen. Wann werden sie zur Falle?
Man sollte sich nicht vom Versicherungsbedürfnis leiten lassen, sondern sich fragen, welche Prämie man sich leisten kann. Nachträgliche Korrekturen sind oft nicht möglich oder gehen ins Geld. Eine Privathaftpflicht- und Hausratversicherung empfehlen wir aber auf jeden Fall.
Kennen Sie ein Rezept gegen das regelmässige Loch am Monatsende?
Ich empfehle, das Geld für die variablen Ausgaben nicht für einen Monat, sondern wöchentlich abzuheben, zum Beispiel am Freitag, damit genügend Geld fürs Wochenende und für den grossen Einkauf vorhanden ist.
Was halten Sie von Kreditkarten?
Wer keine Buchhaltung führt, sollte auf Kreditkarten verzichten, sonst geht der Überblick schnell verloren. Auch Personen mit einem geringen Einkommen raten wir von Kreditkarten ab. Sie sind eine grosse Verlockung, sich zu stark zu verausgaben. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.01.2012, 07:32 Uhr
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6 Kommentare
Essen gibt es nur noch wenn die Migros reduzierte Ware anbietet, Zahnschmerzen sind allgegenwärtig und finanziell nicht zu beheben, jede unvorhergesehene Rechnung ist ein beinahe unüberwindbares Hindernis - leider oft normale zustände in der Schweiz, insbesondere bei Familien. Und da kommt man zum Schluss mit Geld hat man grössere Sorgen als ohne? Diese Aussage tönt elitär und arognat! Antworten
Zum Thema Pensionierung: Hat ein Ehegatte sich während langer Ehe vor allem um Kinder und Haushalt gekümmert und der andere das Pensionskassenvermögen aufgebaut, wird dieses in der Schweiz ersterem vorenthalten, wenn die Ehe erst nach der Pensionierung auseinanderbricht. Stirbt der Exgatte dann, gibt's u.U. nur noch eine sehr kleine Minimalrente. Die Kasse sackt dann das PK Vermögen ein. abuehl.ch Antworten
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