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Maradonas Predigt in der Wüste

Von Christian Despont, «Le Matin Dimanche». Aktualisiert am 22.02.2012 5 Kommentare

Dank einem Emir leitet die «Hand Gottes» nun drittklassige Fussballer. Und zwar so, wie sie vorher Argentinien trainierte: Mit Leidenschaft, voller Wut und Verzweiflung. Einblick in eine surreale Welt.

1/16 Fühlt die gleiche Leidenschaft, aber nicht den gleichen Druck wie als Argentiniens Nationaltrainer: Diego Armando Maradona, Coach bei al-Wasl in Dubai. (5. Juni 2011)
Bild: Reuters

   

Interview

Als Entschuldigung dafür, dass er das Essen mit Hublot abgesagt hatte, beantwortete Diego Maradona per E-Mail drei Fragen.

Zweitausend oder hunderttausend Zuschauer, das scheint für Sie keinen Unterschied zu machen. Ist es die gleiche Leidenschaft, der gleiche Druck?
Es gibt keinen Unterschied! Die Liebe zum Ball bleibt gleich. Ich fühle die gleiche Leidenschaft, ja, aber nicht den gleichen Druck. Ich kann nicht aufs Spielfeld und spielen. Der Druck liegt auf den Spielern.

Sie hassen es immer noch, zu verlieren. Finden Sie, dass die Fussballer heute im Allgemeinen das Verlieren nicht genug hassen?
Die Fussballer von heute haben andere Gefühle als die meiner Generation, aber das heisst nicht, dass sie gern verlieren.

Können Sie als Trainer vergessen, dass Sie nicht mehr Spieler sind?
Ja, es kostet mich viel, denn ich würde andere Dinge machen auf dem Spielfeld, und ich sitze auf einer Bank. Es ist schwierig, ich verliere immer wieder den Ball.

Maradona dribbelt in der Garderobe

Maradona tritt einen Fan

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Es war ein Uhr früh in Dubai, als die Maradonas das Abendessen für den gleichen Tag absagten. Die 32-jährige Veronica hatte einen Koch engagiert und ihre sechs Gäste in der Halbzeit begrüsst. Sie kannte die Sonntagsausgabe «Le Matin Dimanche» nicht, gab aber mit einem höflichen Lächeln zu verstehen, dass sie dies sehr bedauere. Es stand erst 1:2. Diego ging es noch «soso lala».

Eine Stunde später steht es 2:4 und Diego wirkt verstört. So ist er. «Zweitausend oder hunderttausend Zuschauer, die gleiche Leidenschaft», erklärt er in einem E-Mail (siehe Box).

Am Ende ist sein Gang schwer, ausgelaugt. Vor den Mikrofonen ist seine Stimme gepresst von all den Emotionen, die sich hineindrängen wollen. Maradona ist am Rand des Fussballmilieus, überzeugt von seiner eigenen Bedeutung, beim FC al-Wasl damit beschäftigt, dem spielenden Fussvolk zuzureden, genau wie er vorher Argentinien anführte, mit der gleichen Leidenschaft, voller Wut und Verzweiflung.

Dubai schaut von oben auf das kleine Fussballstadion

Nichts lässt hier auf die proletarischen Werte der verlangten Anstrengung schliessen. Dubai, erhaben, zeigt gläserne Krallen, und schaut von oben auf das kleine Stadion, beschäftigt wie die Stadt mit Grösse und Glanz, in einem unglaublichen architektonischen Orgasmus.

Der Fussball ist eine kurze Verirrung, ein Getändel aus feinem Sand. Eine Kulisse aus Karton für eine gespielte Ernsthaftigkeit: Auf den Tribünen ist die Begeisterung moderat, ein bisschen gekünstelt. Viele Gewänder, wenig Frauen. Nur das Prestige ist authentisch: Al-Wasl auf dem fünften Platz, Club der Dynastie al-Maktoum, ist Gastgeber für das zwei Plätze zurückliegende Ajman, unter Beisein der Eliten der Emirate.

Von aussen gesehen versucht jeder vergebens herauszufinden, ob der Fussball hier die Essenz der Selbstüberwindung zelebriert oder die Modernität der Machthaber.

Maradona bittet Gott noch einmal um Hilfe

Maradona, mit einem verzweifelten Blick zu den Sternen, fordert Gott auf, ihm noch einmal unter die Arme zu greifen, bevor er die Hände in einer Erlösergeste faltet. Auch die okkultesten Mächte genügten nicht, um «so viel» Talent zu überwinden – «das Niveau der dritten französischen Liga», analysiert vernünftig ein Kollege – in einem zweigeteilten Team, zwischen einer zerstreuten Verteidigung und frenetischen Dribblern.

Vor lauter Predigten der Kunstfertigkeit in der Wüste vergisst Maradona fast die Zauberwelt, die ihn umgibt. Es sei denn, er erkenne im Gegenteil ihren Sinn allzu genau, was aus der 51-jährigen Legende einen Dinosaurier an der Spitze einer Gruppe von Micky-Mäusen machen würde.

Es ist soso lala, es ist Diego

Mit 2:4 ist der Abend verdorben. Der Emir geht in die Garderoben hinunter, die Stimmen werden lauter. Maradona hat genug von seinem Team aus Halb-Amateuren und droht zu kündigen. Die Diskussion dauert an. Es ist «soso lala». Es ist Diego. Zwei Tage später kommt alles wieder in Ordnung – oder zumindest in eine Art organisiertes Chaos.

Die Gerüchte über Maradonas Lohn stellen ihn José Mourinho bei Real gleich, mit 12 Millionen Euro brutto pro Jahr. In Wirklichkeit soll die «Nummer zehn» 2 Millionen netto verdienen, zusammen mit annehmlichen Privilegien – einem Privatjet, einem gelben Lamborghini, einem Anwesen im Palmenwald, in der Nähe der Familie Federer.

Ausserdem hat ihm ein Ferrari-Konzessionär ein neues Modell überreicht, als Entschuldigung für die widerrechtliche Verwendung seines Bildes, in Wirklichkeit ein Plakat. «Der Verkäufer hat nicht diskutiert», erzählt ein Angehöriger. «Er hat sofort ein Übereinkommen vorgeschlagen. Diego sass vor einem Ferrari und sagte: ‹Gib mir dieses Auto und mache es nicht mehr.›»

In Bermudashorts und zu spät

Eine Expertengruppe schwirrt immer noch um ihn herum, wie um zu seinem Lebensstil beizutragen. Am Anfang sah Dubai darin keine Zukunft, nur exotische Anwandlungen eines Paschas. Als Maradona an der Empfangspressekonferenz eine Stunde zu spät erschien, mit überheblichem Lächeln und in mit üppiger Natur wild gemusterten Bermudashorts, wurde er kühl empfangen in dem klimatisierten Palast, wo ihn ein unwahrscheinlicher Medienrummel erwartete. In einem ganzseitigen Bericht prangert die «Gulf News» den «Faulpelz im Skater-Outfit» an, der al-Wasl Disziplin beibringen soll. Das Urteil lässt aufhorchen: «Über wen macht man sich lustig?»

Aber Maradona ist hier ein Segen, fast eine Fata Morgana. Er macht aus al-Wasl eine weltweite Kuriosität, eine fantastische Seltsamkeit, wo Partner Hublot ihn in einem mächtigen Netz von Verbindungen begleitet. Hier ist die «Nummer zehn» der Stolz des besten Chirurgen der Stadt, der auf einem Operationstisch die Lösung für seine Nierensteine suchen durfte und dessen leicht geschwätzige Kommentare sich schamlos in der Lokalzeitung breitmachen: «Ich hatte die zwei stressigsten Stunden meines Lebens. Ich war aufgeregt, fast nervös. Aber Herr Maradona ist ein vorbildlicher Patient. Sobald er erwachte, wollte er die DVD eines Fussballmatchs sehen.»

Wütend auf die ganze Welt

Alle Öldollars waren nicht genug, um den «Pibe» zum Bourgeois zu machen, und noch weniger, um sein Schweigen zu kaufen. Seit drei Wochen ist Maradona wütend auf die ganze Welt, wo er «nie wirklich seinen Platz gefunden hat», wie sein Teamkollege Jorge Valdano sagte. Wütend auf den Sicherheitsdienst, der entgegen seiner Anweisungen einige Emire bei einem Training hinter geschlossenen Türen hereinliess. Wütend auf den Marketingdienst, der nach Lust und Laune mit seinen Reizen Geschäfte macht, ohne ihm Royalties zu zahlen, dank einem Vertrag, der schlecht ausgehandelt wurde von seiner Exfrau Claudia, die seine Agentin blieb. «Diego hat nie Glück gehabt mit Beratern», verrät ein argentinischer Journalist.

Das Idol verlangt nach Verstärkung, «sonst kann ich meine Arbeit nicht weitermachen bei al-Wasl. Ich warne euch: Ich werde nächstes Jahr kein beschränktes Budget akzeptieren.»

Lieber Waise als Mitglied der Fifa-Familie

Alle Spielverderber der Geschichte werden ausgeschimpft. Pele: «Man sieht ihn nur noch bei Preisverleihungen, und da gleicht er einer ferngesteuerten Puppe.» Die Fifa: «Ich bin lieber Waise als ein Mitglied dieser Fussballfamilie.» Die italienischen Steuerbehörden: «Ihretwegen hält man mich für einen Dieb. Ich werde verfolgt, es ist ein grässliches Gefühl. Ich habe den Italienern nichts gestohlen. Ich habe ihnen nur Freude und Vergnügen gegeben.»

Ein finsterer Held, ein Streithahn, der von Spitalbetten zu Spitalblondinen irrte. Diego, der wenig schlief und viel ins Bett ging, soff und Tränen vergoss, betrunken vom Unglück, zwischen zwei Versen für seine Frau. Diego, der aus seinen Exzessen zurück zu einer bestimmten Nüchternheit findet, so viel, wie sein genialer Geist voller aussergewöhnlicher Frechheit ertragen kann.

Spucken auf einen Trainer

Die Trainer des Emirats bekommen sein tiefgreifendes Leid zu spüren, in Form von Worten oder Speichel (2450 Dollar Busse), während die Schiedsrichter ihm die Hand drücken, ein göttlicher Händedruck, mit aufrichtiger Ergebenheit. Die «Gulf News» wirft ihm vor, einem Fan einen diskreten Fusstritt auf seine zudringlichen Finger verpasst zu haben, was in der arabischen Kultur als Beleidigung gilt – so viel Gerede wegen eines Fauxpas.

Hier ist Diego Armando Maradona ein wahrer Mann in einer surrealen Welt, eine ganze Persönlichkeit, die sich nicht mit halben Abkommen abfinden kann. Auf der Suche nach sich selber hat er sich manchmal verloren. Eine Wüstendurchquerung macht ihm keine Angst.

Übersetzung: Sibylle Bühler Beltran (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.02.2012, 15:31 Uhr

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5 Kommentare

Walter Niedermeyer

21.02.2012, 17:12 Uhr
Melden 6 Empfehlung 0

Sehr schön geschrieben, Sibylle. Einmal mehr die Erkenntnis; Maradona ist ein Stehauf mit Leidenschaft. Antworten


Markus Knoblauch

21.02.2012, 17:33 Uhr
Melden 6 Empfehlung 0

Diese Person ist doch schon lange keine Zeile mehr wert. Antworten



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