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Junkies der bunten Warenwelt

Von Ulrike Hark. Aktualisiert am 15.09.2010

Über 12 Prozent der Schweizer haben ihre Einkäufe nicht im Griff. Betroffen sind vor allem junge Frauen, sagt Soziologin Verena Maag.

Konsum als Rauscherlebnis: Junge Frau nach erledigtem Einkauf.

Konsum als Rauscherlebnis: Junge Frau nach erledigtem Einkauf.
Bild: Stevens Fremont (Corbis)

Das Buch zur Sucht

Unnötige Einkäufe während der Arbeit

Die Schweizer Soziologin Verena Maag hat in ihrem vor kurzem erschienenen Buch «Kaufsucht in der Schweiz» Verbreitung, Ursachen und negative Folgen des Phänomens aufgearbeitet. Demnach ist jede 20. Person in der Schweiz kaufsüchtig (4,8 Prozent), bei den unter 35-Jährigen ist es sogar jede zehnte Person (9 Prozent). Weitere 8 Prozent zeigen eine klare Tendenz zu unkontrolliertem Kaufverhalten. Damit liegt der Anteil der Schweizer, die ihre Einkäufe nicht im Griff haben, bei über 12 Prozent. Der Anteil ist bei Frauen mit 6,2 Prozent fast doppelt so hoch wie bei Männern. Junge Frauen zwischen 18 und 25 Jahren sind am stärksten betroffen. Die Zahlen sind vergleichbar mit Ergebnissen aus Deutschland und den USA.

Wer kaufsüchtig ist, beschäftigt sich auch während der Arbeitszeit mit Konsumwünschen: 29 Prozent verlassen öfter den Arbeitsplatz, um unnötige Einkäufe zu tätigen. Die Neigung, sich Geld auszuleihen, ist bei Kaufsüchtigen fast viermal stärker als bei Normalkonsumierenden. 25 Prozent überziehen regelmässig ihr Salärkonto (bei den Kontrolliertkaufenden sind es 3 Prozent). Grundlage des Buchs war eine repräsentative Erhebung unter 705 Erwachsenen in der deutschen und französischen Schweiz. Die Datenerhebung lag bei der GfS Zürich. (uh)

Verena Maag: Die Autorin ist promovierte Soziologin und Suchtexpertin. «Kaufsucht in der Schweiz», Rüegger- Verlag 2010, 124 S., ca. 35 Fr.

Anlaufstellen für Kaufsüchtige

Beratung, Therapie im Zentrum für Verhaltenssucht, Zürich. www.verhaltenssucht.ch

Selbsthilfegruppe im Aufbau: selbsthilfe@offenetuer-zh.ch

Stichworte

Frau Maag, jede Frau macht mal einen Frustkauf. Ist das bereits ein Anzeichen für Kaufsucht?
Ein einmaliger Frustkauf ist noch keine Kaufsucht. Sucht ist gekennzeichnet durch den unwiderstehlichen Drang, etwas zu konsumieren oder etwas zu tun. Will man damit aufhören, kommen unangenehme Gefühle auf. Kaufsucht bringt es mit sich, dass man andere Interessen oder Verpflichtungen vernachlässigt. Macht man immer wieder Frustkäufe und versteckt sie zum Beispiel vor dem Partner, ist das ein Indiz, dass etwas nicht stimmt.

Es gibt eine Grauzone?
Ja, und die ist ziemlich breit. Problematisch wird es, wenn man sich verschuldet, um die Miete zu bezahlen, und die überlebensnotwendigen Dinge über Kredite finanzieren muss. Bedenklich ist es auch, wenn man seine Kinder vernachlässigt oder ständig die Arbeit vorzeitig verlässt, um shoppen zu gehen.

Wir kennen vor allem die berühmten Kaufsüchtigen, Imelda Marcos und Jacqueline Kennedy. Ist Kaufsucht ein Luxusphänomen?
Keineswegs. Kaufsucht kommt heute in allen Schichten vor. Es gibt Frauen aus der Unterschicht, die kaufen zum Beispiel immer wieder billige T-Shirts. Andere kaufen Plüschtiere en masse oder Tupperware. Es geht um das schnelle, intensive Glücksgefühl beim Kaufakt. Zu Hause werden die Sachen zum Teil gar nicht ausgepackt. Es gibt aber auch Frauen, die ihre Sachen tragen und brauchen, andere wiederum verschenken sie. Die Spielarten sind vielfältig.

Offenbar sind gerade junge Frauen eine Risikogruppe.
Junge Leute sind deutlich mehr betroffen als Personen im mittleren und fortgeschrittenen Alter, und junge Frauen nochmals stärker. Denn in der Phase der Pubertät wollen sie weiblich wirken, shoppen ist für sie ganz zentral. Auch sind Frauen öfter in den Läden, weil sie häufiger in Haushaltaktivitäten eingebunden sind als Männer. Sie sind dadurch gewissermassen einem höheren Risiko ausgesetzt und werden auch entsprechend als Zielgruppe beworben. Zudem neigen sie aufgrund ihrer Erziehung stärker zu unauffälligen Suchtformen wie Medikamentensucht und Essstörungen. Bei Kaufsucht belohnt man sich mit den Mitteln der Gesellschaft, insofern ist sie eine angepasste Sucht.

Nicht jeder, der viel und gerne shoppt, wird kaufsüchtig. Wo liegen die persönlichen Gründe? Welche Defizite werden da kompensiert?
Kaufsucht kann sich nur entwickeln bei Personen, die Kaufen als sehr lustvoll erleben und zudem Mühe haben, ihr Verhalten zu kontrollieren. Gefährdet sind Personen, die eine innere Leere in sich fühlen oder sich wertlos vorkommen. Auch Stress bei der Arbeit kann Kaufsucht fördern. Manche Kaufsüchtige sagen, dass Kaufen für sie ein Ersatz für Zuwendung und Anerkennung ist. Für diese Personen bietet der Kaufrausch eine Möglichkeit, sich etwas glücklicher zu fühlen, wenigstens vorübergehend.

Auch Männer sind mal unglücklich und verspüren Defizite. Warum sind sie deutlich weniger betroffen?
Auch Männer leiden unter Stress bei der Arbeit, fehlender Anerkennung und Frustrationen aller Art. Shopping als Freizeitvergnügen ist bei ihnen aber seltener. Kaufsüchtige Männer kaufen technische Apparate, Sportartikel, Motorräder, Autos, also Objekte, die ihre Männlichkeit oder ihre ökonomische Potenz betonen. Die gekauften Dinge dienen der Selbstdarstellung. In manchen Fällen ist das für Aussenstehende kaum nachvollziehbar Eine englische Zeitung berichtete von einem Kaufsuchtpatienten, der mehr als 2000 Schraubenschlüssel erstanden hat.

Gibt es Unterschiede zu anderen Süchten wie harten Drogen, Alkohol, Essstörungen?
Der Konsum von illegalen Drogen wird gesellschaftlich nicht gefördert, sondern bestraft. Rauchen wird zunehmend eingeschränkt. Beim Shopping ist das Gegenteil der Fall: Hier sind wir einer ständigen Beeinflussung durch die Werbung ausgesetzt, gesellschaftlich ist Konsum erwünscht, weil es die Konjunktur belebt. Und wir werden auch über die Produkte, die wir konsumieren, bewertet. Besonders Jugendliche sind dadurch einem grossen Druck ausgesetzt. Wer kaufsüchtig ist, fällt nicht so schnell auf und merkt es selber vielleicht zu spät.

Shopping ist Kult, Stararchitekten bauen heute spektakuläre Shoppingcenter. Ist Kaufsucht schlicht ein Ausdruck unserer Zeit?
Unsere konsumorientierte Gesellschaft, verbunden mit einem hohen Lebensstandard, ist der Nährboden, auf dem sie entstehen kann. In Entwicklungsländern gibt es Kaufsucht nicht als Massenphänomen, sondern höchstens in der reichen Oberschicht. Zum Wohlstand gehören auch Kreditkarten, einladende Einkaufsstrassen und grosse Shoppingcenter. Die Grenzen zwischen dem, was in unserer Gesellschaft normal ist und was krankhaft, sind daher fliessend.

Die Ökonomie profitiert von der Kaufsucht. Gibt es ausser den Betroffenen eigentlich Verlierer?
Der Konsum ist die Raison d’être der Ökonomie. Aber für die unerwünschten Nebenwirkungen fühlt sich niemand zuständig. Bei der Kaufsucht verlieren nicht nur die Betroffenen den Boden unter den Füssen, auch ihre Angehörigen werden in Mitleidenschaft gezogen. Für die Beratung und Behandlung kommt der Staat auf oder diverse Institutionen im sozialen Bereich. Die nicht bezahlten Steuerschulden bezahlt auch der Staat, ebenso wie die Sozialhilfebeiträge für Kaufsüchtige, die aufgrund gravierender psychischer Probleme nicht mehr arbeiten.

Wie wirkt sich die Sucht bei den Betroffenen psychisch aus?
Die Schulden, die Kaufsüchtige machen, können sehr bedrückend sein. Muss man sie abbauen, ist man gezwungen, plötzlich auf vieles zu verzichten: die schöne Wohnung, das Auto, die Ferien, den Kinobesuch mit Freunden. Nur noch arbeiten, um das Notwendigste zu bezahlen, ist deprimierend. Depressionen oder Angststörungen können auftreten, auch andere Abhängigkeiten wie Alkoholismus, Tablettensucht. Eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik kann die Folge sein. Psychische Defizite spielen aber auch bei der Entstehung von Kaufsucht eine Rolle, die Kaufsucht verstärkt diese Probleme.

Rechnungen werden heute allgemein zu spät bezahlt, das Überziehen von Kreditkartenlimiten ist für viele selbstverständlich. Schlittern wir alle in die Kaufsucht?
Die Tendenz, heute zu kaufen und morgen zu zahlen, hat zugenommen, nicht nur bei Privatpersonen, sondern auch bei Staaten. Der Soziologe Ralf Dahrendorf hat von einer Entwicklung vom Spar- zum Pumpkapitalismus gesprochen. Der Wohlstand fördert den Konsum und als unerwünschte Nebenwirkung davon auch die Kaufsucht. Allerdings: Nicht jeder, der Schulden hat, ist kaufsüchtig. Aber Kaufsüchtige verschulden sich früher oder später.

Was kann man gegen Kaufsucht tun? Gibt es warnende Anzeichen?
Wenn man merkt, dass Shopping immer mehr Raum einnimmt zeitlich, gefühlsmässig, finanziell, räumlich, weil man nicht mehr weiss, wohin mit dem Zeug –, sollte man Gegensteuer geben. Zum Beispiel über eine Kontrolle der Ausgaben, indem man die Kreditkarte zu Hause lässt, sich die Dinge, die man unbedingt benötigt, auf einen Einkaufszettel notiert und nur das Notierte kauft, seine Freizeit nicht in Einkaufszentren verbringt, belastende Situationen behebt oder verbessert, die einen in die Flucht in den Konsum treiben. Bekommt man es selber nicht in den Griff, sollte man Hilfe in Anspruch nehmen.

Es gibt keine Selbsthilfegruppen. Heisst das, dass sich die Leute gar nicht krank fühlen?
In Zürich ist eine Gruppe im Aufbau. Dass Selbsthilfegruppen zu diesem Thema nicht wie Pilze aus dem Boden schiessen, hat verschiedene Gründe: Kaufsüchtige schämen sich für ihr Verhalten und möchten es, solange es geht, geheim halten. Sie sehen ihr Problem als selbst verschuldet an. Vielleicht glauben sie, es selber wieder in den Griff bekommen. Möglicherweise spielt auch eine ambivalente Einstellung mit: Man sollte etwas ändern, will aber nicht, denn Shoppen macht unheimlich Spass.

Wie sehen die Heilungschancen aus?
Ob eine Therapie hilft, hängt von der Problemlage der Hilfesuchenden ab und von der Arbeitsweise derjenigen, die Hilfe anbieten. Ein Versuch lohnt sich, falls man nicht in der Lage ist, sein Verhalten zu ändern. Manche Kaufsüchtige schaffen es jedoch selber, von ihrer Abhängigkeit loszukommen, auch weil sie ihre Schulden sanieren müssen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2010, 21:03 Uhr

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