Leben
«Ich kann nicht mehr schweigen»
Von Katrin Hafner. Aktualisiert am 11.03.2010
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Das Buch: Eine bittere Abrechnung
Am 11. März 2009 brachte ein 17-jähriger Amokläufer in Winnenden (D) 15 Menschen um – darunter die 25-jährige Lehrerin Nina Mayer. Ihre Mutter, Gisela Mayer, 53, Ethiklehrerin, gründete kurz darauf mit Eltern der Opfer ein Aktionsbündnis und begann ein Buch zu schreiben, das den Amoklauf und den gesellschaftlichen Zusammenhang thematisiert. Sie spricht von «Verrohung der Gesellschaft» und rechnet hart ab mit Eltern, Medien und Lehrern. Das mag zuweilen etwas pauschal wirken, wird aber wettgemacht durch die persönlichen Schilderungen (Erinnerungen an die Tochter, Erfahrungen als Ethikerin). Mayer zitiert Fachliteratur und namhafte Experten aus den Bereichen Gewaltprävention, Pädagogik und Psychologie. Ihr Buch ist letztlich auch eine spannende Zusammenfassung der Debatte über Jugendgewalt. (kat)
Gisela Mayer: Die Kälte darf nicht siegen. Was Menschlichkeit gegen Gewalt bewirken kann. Ullstein, Berlin 2010. 222 S., ca. 37 Fr.
«Die Kälte darf nicht siegen» heisst Ihr Buch. Können Sie seit der Ermordung Ihrer Tochter überhaupt noch Wärme empfinden?
Das ist sehr schwer. Gefühlsmässig ist kein Jahr vergangen seit der Tat, man spürt die Zeit nicht. Für mich ist meine Tochter Nina erst letzte Woche gestorben. Und sonnige Tage sind besonders schwierig, weil ich daran denke, wie sehr sie diese geliebt hat. Aber, ja, da sind auch wieder warme Momente – etwa wenn ich sehe, wie meine jüngere Tochter versucht, zurück ins Leben zu finden.
Die Zeit heilt Ihre Wunden nicht. Wie zeigt sich Trauer in Ihrem Alltag?
Die Trauer findet nur im Privaten statt. Und da kann ich nichts und niemanden zulassen. Die Verletzung ist viel zu gross.
Mit Ihrem Buch exponieren Sie sich nun in der Öffentlichkeit. Warum?
Ich versuche, der Tat im Nachhinein ein wenig Sinn zu geben.
Im Buch schreiben Sie aber: «Der Tod meiner Tochter war sinnlos.»
Ja. Das war er. Und sinnlos brutal für uns. Ich will das aber nicht einfach hinnehmen. Es ist eine rationale Art, mit der Trauer umzugehen, wenn ich jetzt versuche aufzuzeigen, was alles schiefläuft in unserer heutigen Gesellschaft.
Sie rechnen hart ab mit unserer Gesellschaft, beklagen eine Verrohung, Entsolidarisierung...
...und fehlende Empathie, ja! Die Menschen begegnen sich nicht mehr mit Wohlwollen und Zuwendung. Unsere Kinder werden ab frühster Kindheit über Leistung definiert.
Was hat das zu tun mit dem 17-jährigen Amokläufer, der in Winnenden 15 Menschen umgebracht hat?
Leistungsdruck, Versagensängste und Gewalt hängen zusammen! Diese gesellschaftliche Dimension des Amoklaufs wird oft negiert, man hakt die Tat als Extremfall ab und will zur Tagesordnung zurück, sieht nicht ein, dass sie bloss die Spitze eines Eisbergs aus Kälte, Gleichgültigkeit und Gewalt ist.
Das tönt nach Rundumschlag. Sie kritisieren Eltern, Lehrer, Medien, Kriseninterventionsleute...
... und noch viel mehr, genau. Negativ formuliert kann man sagen: Die Mayer macht alles und jeden nieder. Mir gehts aber nicht um Anklage. Als Opfer eines Verbrechens habe ich erlebt, dass Fehler in bester Absicht begangen werden – zum Beispiel liess man uns kurz nach der Tat nicht zu unserer Tochter. Ich will solche Schwachpunkte aufzeigen, damit man daraus lernt.
Sie erzählen aus Ihrem Alltag als Ethiklehrerin, etwa dass Jugendliche sprachliche Grobheiten nicht mehr als Gewalt erkennen. Ist Ihnen das erst seit der Tat bewusst?
Nein, ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit der Frage, warum Jugendliche gewalttätig werden, und habe mit meiner Tochter, die ebenfalls Lehrerin war, oft und intensiv darüber diskutiert. Der Amoklauf hat mich härter und kompromissloser gemacht. Ich fühlte: Nun kann ich nicht mehr schweigen.
Ihr Buch ist also keine Trauerverarbeitung, sondern ein gesellschaftspolitisches Statement.
Es ist beides. Der Hintergedanke ist, dass wir etwas tun müssen, damit sich eine solche Amoktat nicht wiederholt. Das schulde ich auch meiner Tochter.
Aus Ihrem Buch spricht oft Zorn.
Ja, die selbstzufriedene Bequemlichkeit vieler Menschen macht mich zornig.
Was meinen Sie damit?
Ich sehe, dass viele Menschen finden, man müsse mit Aggression und Gewalt leben lernen. Muss man nicht! Dagegen muss man arbeiten.
Sie fordern eine «Kultur des Hinsehens», in der man Zeit, Zuneigung und Verantwortung lebt. Da stimmen wohl alle zu. Bloss: Wie setzen wir das konkret um?
Mein Buch ist kein Ratgeber, sondern eine Analyse. Dahinter stecken einfache Dinge. Ich beobachte zum Beispiel auf dem Spielplatz, wie Eltern stundenlang am Handy telefonieren; sie sind zwar da und doch nicht da. Mit Zeit und Zuwendung meine ich nicht, eine Mutter müsse sich fünf Stunden pro Tag um ihr Kind kümmern, aber die halbe Stunde, die sie dies tut, sollte sie sich dem Kind vollständig zuwenden, es verstehen wollen. Mit Verantwortung wiederum meine ich, dass ein Lehrer nachfragt, wenn er merkt, dass ein Kind abdriftet.
Sie haben das Aktionsbündnis Winnenden gegründet. Was haben Sie damit erreicht?
Wir haben eine Diskussion um Waffenaufbewahrung ausgelöst, entwickeln mit anderen Amok-Städten Deutschlands Konzepte für Musterschulen, wo es mehr Raum gibt für den persönlichen Umgang zwischen Lehrern und Schülern, und wir setzen uns für den Jugendschutz bei Killerspielen ein.
Das Videospiel Modern Warefare 2 hat jüngst mit besten Verkaufsstartzahlen aufgetrumpft. Kämpfen Sie nicht gegen Windmühlen?
Wir kämpfen für den Schutz der Jugend, wie er bei Nikotin und Alkohol üblich ist, damit die Jugendlichen nicht zu sehr konfrontiert werden mit Gewalt, die sich erwiesenermassen über Medienkonsum einprägen kann.
Verbote reizen doch umso mehr.
Es ist das Mindeste, was wir tun können: Eine klare Haltung einnehmen und dazu stehen, indem wir Verbote aussprechen. Übertretungen werden stattfinden. Aber die Bewusstseinslage verändert sich, wenn man erklärt, dass etwas nicht gut ist. Das bringt schon etwas.
Sie schreiben, man solle Kinder dazu erziehen, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Ein christliches Gebot.
Ja, und eine goldene Regel der Ethik.
Welche Rolle spielt Ihr Glaube?
Religion war für mich bereits vor der Ermordung meiner Tochter unerlässlich, heute aber ist sie noch wichtiger. Kaum etwas hilft mir so sehr, weiterzuleben.
Hat Ihnen auch das Schreiben Erleichterung, Trost gebracht?
Ja, ich bin jeden Tag im Zwiegespräch mit meiner Tochter, fühle eine innere Verbundenheit. Mit dem Buch kann ich sie ein wenig am Leben erhalten.
Sie bezeichnen Ihre Tochter als «Gutmenschen» und ideale Lehrerin, die sich nicht auf die Leistung, sondern auf die Individualität jedes Schülers konzentrierte.
Nina war ein sanfter und warmer Mensch, der sich für Schwache einsetzte – dafür war sie weniger durchsetzungsstark. Ihre Fähigkeiten bräuchten wir heute so sehr!
Wie geht es für Sie nun weiter?
Ich fürchte mich nicht vor einem Loch, das kommen könnte nach der Veröffentlichung meines Buches; im Gegenteil: Ich freue mich auf die Ruhe danach.
Sie tönen besonnen, fast versöhnt. Haben Sie Mitleid mit dem Täter?
Dieser Junge war mal ein normales Kind. Wie wurde aus ihm ein Unmensch? Was ist in diesen 17 Jahren genau passiert? Das ist definitiv eine Frage, die ich noch nicht beantwortet habe. Vielleicht erfahre ich mehr, wenn ich seine Eltern – voraussichtlich im Herbst – vor Gericht sehe. Es wird nichts ändern an den Tatsachen, aber vielleicht kann ich dann besser verstehen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.03.2010, 12:16 Uhr
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