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Hilft Joggen gegen Depressionen?

Von Tobia Veitinger. Aktualisiert am 12.09.2011

Dreimal 30 Minuten Lauftraining pro Woche wirken auf depressive Menschen ebenso positiv wie Antidepressiva. Das belegen diverse Studien, sie schreiben den körpereigenen Opiaten, die beim Laufen ausgeschüttet werden, die positive Wirkung zu. Roland von Känel vom Inselspital erläutert, warum es aber nicht so einfach ist, wie es scheint.

Sponsorenlauf

Wer die positiven Auswirkungen der körpereigenen Opiate gleich einmal am eigenen Leib erfahren will, hat am kommenden Donnerstag die Gelegenheit dazu. Im Rahmen des Jahreskongresses der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP) findet dann in Interlaken der «Lauf für psychische Gesundheit» statt. Für jeden gelaufenen Kilometer spendet die Firma Lundbeck 5 Franken an Equilibrium, einen Verein zur Bewältigung von Depression.

Infos zur Depression, zum Lauf und Anmeldung zum Lauf:
www.depression.ch

Lauftraining bremst Alzheimer

Studie Auch in der Alzheimer-Forschung ist das Lauftraining ein Thema. Denn sportlich aktive Menschen erkranken seltener an Alzheimer als inaktive. «Auch hier spielt wieder das Stresshormon Cortisol eine Rolle», sagt Professor Roland von Känel, Chefarzt der Abteilung Psychosomatik am Berner Inselspital. «Es ist bekannt, dass Cortisol das Nervenwachstum im Gehirn hemmt.»

Eine der Ursachen für Alzheimer. «Eine Studie an Mäusen hat nun gezeigt, dass ausgedehntes Rennen im Laufrad eben dieses Wachstum der Nervenzellen anregt.» Die laufenden Mäuse bildeten doppelt so viele neue Hirnzellen wie die inaktiven. Ausserdem hatten sie nach drei Monaten ein besseres räumliches Gedächtnis als jene Mäuse, die nicht liefen (Creer et al, «Proceedings of the National Academy of Sciences», 2010).

Daneben rege Laufsport auch das Gefässwachstum an, fördere so die Durchblutung des Gehirns und hemme gleichzeitig das Entzündungsrisiko. Beides, schlechte Durchblutung und Entzündungen, tragen zur Ausbildung der Alzheimer-Demenz bei.

«Laufsport wirkt diesen Faktoren entgegen und kann so eine beginnende Alzheimer-Erkrankung bremsen», sagt Roland von Känel.

Geschätzte 121 Millionen Menschen weltweit leiden an einer Depression. Für die Schweiz geht das Bundesamt für Gesundheit von 5 bis 7 Prozent der Bevölkerung aus, also von bis zu 500'000 Betroffenen. Frauen erkranken doppelt so häufig wie Männer. Und die Zahlen und die damit verbundenen Kosten steigen an. Bereits geben die Krankenkassen jährlich rund 300 Millionen Franken allein für Antidepressiva aus.

Eine psychotherapeutische Behandlung, in schweren Fällen unterstützt durch Medikamente, ist sicher angebracht. Doch ergänzend gibt es auch noch einen anderen Weg, der Depression zu entkommen. Was jeder Laufsportler aus eigener Erfahrung weiss, wird auch immer wieder durch wissenschaftliche Studien belegt: Laufen macht nicht nur körperlich fit, es baut auch Stress ab und kann helfen, die Seele zu heilen.

Zoloft versus Lauftraining

«Besonders eindrücklich ist eine Studie aus dem Jahr 1999, welche zeigte, dass bereits ein dreimaliges moderates Lauftraining pro Woche die gleiche positive Wirkung auf depressive Menschen hat wie Antidepressiva», sagt Professor Roland von Känel, Chefarzt des Kompetenzbereichs für Psychosomatische Medizin am Berner Inselspital. Die 156 Teilnehmer an der Studie wurden in drei Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe erhielt das Antidepressivum Zoloft (Sertralin), die zweite Gruppe erhielt Zoloft und lief dazu dreimal die Woche 30 Minuten bei mittlerer Intensität, und die dritte Gruppe absolvierte nur das Laufprogramm.

Das Resultat nach 16 Wochen: In allen drei Gruppen sanken die Symptome der Depressivität signifikant und beinahe um denselben Wert (siehe Quellenangabe). Eine Folgestudie derselben Autoren aus dem Jahr 2000 bekräftigte die positive Wirkung des Lauftrainings. Die Teilnehmer der Laufgruppe erkrankten in den Folgemonaten am wenigsten häufig erneut an einer Depression.

Opiat für Läufer

Auf was aber ist dieser positive Effekt des Laufens auf depressive Menschen zurückzuführen? Professor von Känel: «Beim Laufen werden körpereigene Opiate ausgeschüttet. Diese aktivieren bestimmte Regionen im Gehirn, welche für das Glücksempfinden verantwortlich sind.» Das führe zu einer Stimmungsaufhellung, welche schon kurz nach dem Laufen bemerkbar werde und bis zu drei Tage nachwirke. Besonders erfreulich: «Dafür reicht ein moderates Training völlig aus.»

Laufen baut Stress ab

Ausserdem hat Laufen eine stressmindernde Wirkung. «Stress ist ein Alarmsignal des Körpers bei einer Bedrohung», so von Känel. Dabei spiele es physiologisch keine Rolle, ob die Bedrohung körperlicher Natur ist, wie etwa bei einem Überfall, oder psychisch, wie bei Überbelastung im Beruf, in der Familie oder durch eine Depression. «In all diesen Fällen schüttet der Körper Cortisol aus, ein Hormon, das uns eigentlich ein schnelles und kraftvolles Reagieren in einer Bedrohungssituation ermöglichen soll.» Durch starke körperliche Aktivität, soll heissen Kampf oder Flucht, wird das Cortisol im Körper wieder abgebaut. «Geschieht das nicht, so werden die Stresssymptome erhöhter Puls, verminderte Denkfähigkeit, Angst und Nervosität zum Dauerzustand», so von Känel. Biologisch seien wir auf solche chronischen Stressfaktoren zwar nicht vorbereitet. «Mit dem Lauftraining können wir unserem Körper aber ein Schnippchen schlagen.» Dabei wirkt das Laufen in zweierlei Hinsicht positiv: Erstens baue die körperliche Anstrengung die Stresssymptome ab. Und zweitens reduziere sich durch regelmässiges Lauftraining die Stressantwort des Körpers auch bei psychischen Belastungen (siehe Quellenangabe).

Knackpunkt Motivation

Doch es gibt auch Einwände. «Zuerst muss man sagen, dass es für Menschen mit einer schweren Depression sehr schwierig ist, sich für ein solches Lauftraining zu motivieren», sagt Roland von Känel. Eine gewisse körperliche Mobilisierung hält er aber auch in diesen Fällen, eingebettet in eine klassische Therapie, für hilfreich.

Ein weiterer Einwand betrifft die Versuchsanordnung dieser Studien. Es scheint wahrscheinlich, dass sich für solche Studien eher Menschen bereitfinden, die bereits einen Hang zu sportlicher Aktivität haben. Dieser Gedanke führt zu einer Studie aus dem Jahr 2008. Ist es wirklich so, dass Laufen glücklich macht, oder laufen vielleicht glücklichere Menschen einfach lieber und mehr? Die Studie, welche 6000 eineiige Zwillinge über zehn Jahre beobachtete, kam zu dem Resultat, dass der unsportlichere Zwilling nicht mehr zu Depression neigte als der körperlich aktivere.

Dennoch ist von Känel von der heilsamen Wirkung von Laufsport und körperlicher Bewegung für Depressive überzeugt: «Eine Depressionstherapie, die auf die begleitende körperliche Aktivierung verzichtet, vergibt sich eine gute Chance auf ein optimales Ergebnis.»

Quellen: Blumenthal et al, «Archives of Internal Medicine», 1999; Rimmele et al, «Psychoneuroendocrinology», 2009; Hammer et al, «Biological Psychology», 2006; De Moor et al, «Archives of General Psychiatry», 2008.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 12.09.2011, 13:28 Uhr

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