Frauen müssen lernen, mit Geld umzugehen
Naomi Wolf.
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Zur Autorin
Naomi Wolf hält regelmässig Vorträge zu den Themen Gleichstellung und soziale Ungleichheit. Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht.
Während sich die Welt abmüht, nach dem Beinahe-Zusammenbruch der Wirtschaft im letzten Herbst wieder auf die Beine zu kommen, gibt es eine Untergruppe, die noch weiter abrutscht: Frauen, die zuvor der Mittelschicht angehörten. Ein neuer Bericht zeigt, dass eine Million Amerikanerinnen aus der Mittelschicht sich dieses Jahr vor dem Konkursgericht wiederfinden werden. Das sind laut der Ökonomin Elizabeth Warren mehr Frauen als «ihren Abschluss am College machen oder eine Scheidung einreichen werden». Ihre Notlage ist in vielerlei Hinsicht symptomatisch für die Notlage von Frauen auf der ganzen Welt.
Diese insolventen Frauen sind in vielen Fällen besser ausgebildet als ihre männlichen Pendants. Ein oder mehrere von drei Gründen haben dazu geführt, dass genau diese Frauen heute knapp über der Armutsgrenze leben müssen. Zwei Faktoren sind wirtschaftlicher Natur, der dritte womöglich emotional.
Konsum macht weiblich
Erstens neigen diese Frauen dazu, sich bis über beide Ohren zu verschulden. Fast alle haben in der jüngsten Zeit über ihre Verhältnisse gelebt, aber Frauen aus der Mittelschicht haben eine besondere Beziehung zu Schulden. Viele von ihnen haben zu tief bezahlte Jobs, sodass sie zusätzliche Kredite aufnehmen müssen, um sich über Wasser zu halten. Andere erliegen den Verkaufsbemühungen von Luxuswarenherstellern und Kreditkartenunternehmen, die davon profitieren, dass die Massenkultur aus bestimmten Arten des Konsumverhaltens – der neuesten Designermode, der «angesagten» Handtasche der Saison, den richtigen Strähnchen – ein Märchen von erfolgreicher Weiblichkeit wob.
Dies ist nicht nur in den Vereinigten Staaten der Fall. Global entstehen neue Mittelschichten. Magazine wie «Cosmopolitan» und «Vogue» nehmen gezielt Frauen in Indien und China ins Visier, die seit kurzer Zeit der Mittelschicht angehören. Viele von ihnen zählen zu einer Generation, die zum ersten Mal überhaupt über ein eigenes Einkommen verfügt.
Der zweite Grund dafür, dass eine Million Amerikanerinnen Privatinsolvenz angemeldet haben, ist ein 2005 erlassenes Gesetz, das jetzt einzelne Frauen, die sich keine kostspielige Rechtsberatung leisten können, mit Kreditkartenunternehmen in Konflikt bringt. Mit diesen müssen sie darum streiten, ob mit dem Geld der Ex-Männer zuerst überfällige Kreditkartenrechnungen oder Unterhaltszahlungen beglichen werden.
«Unweiblich», wenn für die Arbeit Geld verlangt wird
Der Druck ist erheblich. In vielen Fällen gibt es einen dritten Faktor, der selten öffentlich angesprochen und noch weniger gemessen wird. Er hat mit den emotional komplexen Erwartungen vieler Frauen aus der Mittelschicht in Bezug auf Geld zu tun.
In dem Führungskräfte-Programm für junge Frauen am Woodhull Institute, an dessen Durchführung ich beteiligt bin, sehen wir immer wieder, dass Frauen aus der Mittelschicht es öfter als Frauen aus der Arbeiterklasse als peinlich empfinden, über Geld zu sprechen. Wenn sie es zur Sprache bringen – zum Beispiel bei Arbeitgebern – benutzen sie eine entschuldigende Sprache. Sie verhandeln widerwillig über Löhne und wissen selten, wie man dies tut. Sie glauben, dass es sie «unweiblich» macht, wenn sie für ihre Arbeit Geld verlangen. Sie gehen häufig davon aus, dass sie, wenn sie doppelt so hart arbeiten wie die anderen, eine Gehaltserhöhung erhalten werden – ohne dass sie ihre Leistung bei den Vorgesetzten anpreisen.
Ferner neigen diese Frauen dazu, unrealistische Vorstellungen über ihre wirtschaftliche Zukunft zu haben. Junge Mittelschichtfrauen sparen häufig nicht, weil sie – immer noch – annehmen, eine Heirat werde sie finanziell retten. Daher sehen sie den Kauf modischer Schuhe als «Investition» in ihre romantische Zukunft – statt jeden Monat Geld auf ein Sparkonto einzuzahlen. Und das vertraute Klischee ist allzu oft wahr: Ältere Frauen aus der Mittelschicht versäumen es, sich grundlegendes Finanzwissen anzueignen und überlassen Rentenkonten, Steuern, Lebensversicherungen usw. ihren Männern. Das macht sie in wirtschaftlicher Hinsicht verwundbar, wenn es zu einer Scheidung kommt oder ihr Mann stirbt.
Kein Ritter auf einem weissen Pferd
Paradoxerweise haben wir festgestellt, dass Frauen aus der Arbeiterschicht selten solche wirtschaftlich problematischen Verweigerungsstrukturen an den Tag legen. Sie sind nach unserer Erfahrung eher dazu bereit, sich grundlegendes Finanzwissen anzueignen und zu lernen, wie man in Lohnverhandlungen besteht. Sie können sich nicht der luxuriösen Illusion hingeben, dass ein Ritter auf einem weissen Pferd sie wirtschaftlich retten wird.
Tatsächlich ist der finanzielle Pragmatismus von Frauen aus der Arbeiterschicht und armen Frauen der Grund für den Erfolg der Mikrofinanzierung in Entwicklungsländern. Es würde mich überraschen, wenn irgendwo auf der Welt Frauen aus der Mittelschicht ohne eine steile Lernkurve so verlässlich und unnachgiebig sein könnten, wie es die Frauen aus den ärmsten Schichten und der Arbeiterschicht weltweit immer wieder sind.
Wenn Frauen aus der Mittelschicht über das Tabu, nicht über Geld zu sprechen, hinwegkommen sollen, dann müssen sie anfangen, zu verstehen, dass es bei Geld nie bloss um Geld geht. Die Aneignung von grundlegendem Finanzwissen bedeutet, gegen das Bild einer höflichen, in Wirtschaftsfragen unbedarften, unterbezahlten und einkaufsberauschten Abhängigen anzutreten. Den furchtbaren Druck aller anderen Faktoren, die so viele Frauen in den Bankrott treiben, wird es weiterhin geben. Aber zumindest werden mehr Frauen diesem Druck wesentlich bewusster begegnen und, so hofft man, viel bessere Optionen haben. (Der Bund)
Erstellt: 06.01.2010, 09:02 Uhr
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