Leben

«Er schlug unsere Köpfe zusammen, bis ich blutete»

Eine Zeitung aus Florida enthüllte die Geschichte von vier einstigen Top-Mitgliedern von Scientology, die jahrelang misshandelt wurden. Jetzt melden sich Dutzende weitere – und erzählen.

Sie erzählen ihre Geschichte: Frühere Scientology-Mitglieder auf der Titelseite der Zeitung.

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Schwere Vorwürfe gegen David Miscavige.

Schwere Vorwürfe gegen David Miscavige. (Bild: Reuters)

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David Miscavige

David Miscavige, 49 Jahre alt, arbeitet seit seinem 16. Lebensjahr Vollzeit für Scientology. Nach verschiedenen Medienberichten habe er den Sektengründer L. Ron Hubbard mit seinem Ehrgeiz beeindruckt. Er holte ihn früh ins kalifornische Hauptquartier, wo Miscavige immer höher in der Hierarchie der strikt organisierten Kirche aufstieg.

Als Hubbard 1986 starb, übernahm Miscavige den Chefposten von Scientology. Unter seiner Führung wuchs die Kirche rapide an, ausserdem erreichte er, dass sie als Religionsgemeinschaft von Steuerpflicht befreit wurde.

Die «St. Petersburg Times», ein Blatt aus Florida mit nationaler Ausstrahlung, zog die Geschichte gross auf. Unter dem Titel «The Truth Rundown», etwa «Die enthüllte Wahrheit», brachte sie eine dreiteilige Reportage, mitsamt zugehöriger multimedial gestalteter Webseite, über Marty Rathbun, Mike Rinder, Tom De Vocht und Amy Scobee. Sie sind die vier höchsten Mitglieder von Scientology, die je die Kirche verlassen haben.

Die ehemaligen Scientologen, denen Aufgaben wie die Medienarbeit der Kirche, die Führung des Prominentennetzes oder auch des Hauptsitzes zugeteilt waren, erzählen von Jahrzehnte langen Demütigungen und Misshandlungen, insbesondere durch David Miscavige, den Anführer der Scientologen. Miscavige hat seinen Platz auf dem Scientology-Thron einst von Gründer L. Ron Hubbard geerbt und wird von Mitgliedern weltweit als spirituelle Leitfigur verehrt.

«Die Macht der grossen Zahl»

Die Geschichten der Vier ähneln sich. Sie handeln davon, wie Miscavige die hochrangigen Mitglieder wiederholt ohrfeigte, ihre Köpfe gegen Wände schlug oder sie verprügelte. Teilweise wurden sie auch vor der versammelten Gemeinde verbal gedemütigt oder mussten «Reise nach Jerusalem» spielen, die Übung, bei dem immer ein Stuhl zu wenig in der Runde steht. Miscavige beschimpfte sie dabei als «Verlierer».

Seit die «St. Petersburg Times» die Reportage veröffentlicht hat, haben sich nun zahlreiche weitere ehemalige Mitglieder bei den Autoren gemeldet und von ihren Erfahrungen mit der Sekte erzählt. Zwölf von ihnen zeigte die Zeitung am vergangenen Sonntag auf der Titelseite ihrer gedruckten Ausgabe – unter der Zeile «Die Macht ihrer grossen Zahl».

Zwei Drittel redeten nicht öffentlich

Manche der bekennenden Scientology-Opfer wollten mit ihren Erzählungen ihre vier Vorgänger unterstützen, die von der Kirche als Lügner dargestellt würden, so das Blatt. Andere fühlten sich nun, nachdem so prominente Aussteiger an die Öffentlichkeit gegangen seien, sicherer, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Trotzdem: «Für jeden, der offen mit Namen und Text hinsteht, gab es einen bis zwei, die das ablehnten», schreiben die Autoren.

Diejenigen, die es taten, zeichnen ein ähnliches Bild wie Rathbun, Rinder, De Vocht und Scobee – das einer Organisation, die ihre Mitglieder unter extremer Kontrolle hält und sie regelmässig demütigt. Vier weitere sagen ebenfalls aus, sie seien von Miscavige misshandelt worden. Einer von ihnen, Mark Fisher, schildert eine besonders brutale Szene. An einem Treffen habe Miscavige ihn und ein anderes Mitglied gequält: «Er schlug unsere Köpfe zusammen, bis ich blutete.» Einer der anderen Zeugen, die sich bei der «Times» meldeten, hat den Vorfall nach eigener Aussage beobachtet.

«Desillusioniert, bitter und unehrlich»

Scientology weist die Berichte als falsch zurück. «Es ist offensichtlich, dass diese neuen ‹Berichte› durch ihre ersten Artikel ausgelöst worden sind», wird Sprecher Tommy Davis zitiert. «Sie sind nichts weiter als Hirngespinste einiger Anti-Scientologen, die sich im Internet tümmeln und gegenseitig aufheizen.»

Laut der Zeitung liess Scientology den Autoren über zwanzig Aussagen von aktuellen und früheren Top-Mitgliedern der Organisation zukommen, die den Kritikern die Glaubwürdigkeit absprechen. «Sie sehen anhand dieser Beweise, dass ihre ursprünglichen Quellen desillusioniert, bitter und unehrlich waren; die neuen Quellen sind bloss mehr von demselben», soll Davis dazu geschrieben haben.

Die «St. Petersburg Times» ist bekannt für ihre investigativen Berichte zur Scientology-Kirche. Sie hat seit 1964 acht Pulitzer-Preise erhalten, einen davon 1979 für ein Stück, dass eine Immobilien-Investition der Sekte aufdeckte. (oku)

Erstellt: 03.08.2009, 14:49 Uhr

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