«Eine Klientin glaubte, Jesus getötet zu haben»
Von Werner Schüepp. Aktualisiert am 17.03.2010 9 Kommentare
«Sekten bleiben ein gesellschaftliches Thema», Infosekta-Geschäftsstellenleiterin Susanne Schaaf. (Bild: Nicola Pitaro)
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Frau Schaaf, seit 20 Jahren gibt es die Sektenberatungsstelle Infosekta. Braucht es diese überhaupt noch?
Ja, denn die Szene der Sekten, Weltanschauungen und selbsternannten Heiler ist im Laufe der 20 Jahre nicht kleiner geworden. Das zeigt sich auch daran, dass wir jährlich ähnlich viele Anfragen von Ratsuchenden erhalten wie vor 10 Jahren. Die Sektenthematik ist unverändert aktuell, wenn auch nicht mehr so sichtbar in der Öffentlichkeit.
Zwei Jahrzehnte lang hatten Sie es mit selbsternannten Predigern, Wunderheilern und Gurus zu tun. Was fasziniert Sie so daran?
Bei mir haben schon immer die Alarmglocken geläutet, wenn Wunderheiler und Gurus ihre übersinnlichen Dienste anboten. Mit Sekten in Berührung kam ich an der Universität als junge Studentin in den neunziger Jahren. Damals waren gerade der Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM) und Scientology aktuell. Zu Beginn hatten wir als Psychologen noch das Gefühl, man könne mit diesen Leuten sachlich reden. Schnell merkten wir, dass das naiv war. Mit Menschen, die von sich behaupten, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein, ist das unmöglich. Es beschäftigt mich immer noch stark, wie kaltblütig manche Menschen das Vertrauen und die Leichtgläubigkeit anderer ausnützen und missbrauchen. So hat sich meine Arbeit in den zwei Jahrzehnten nicht gross verändert: Es geht immer noch darum, Menschen darin zu unterstützen, sich aus ihren Verstrickungen zu befreien.
Waren Sie je in Versuchung, selber einer Sekte beizutreten?
Nein, das war bisher nie ein Thema. Wir sehen aber, dass Sekten und dubiose Heiler in Krisen- und Umbruchphasen für Betroffene attraktiv werden können. Sie versprechen Halt und absolute Lösungen. In diesem Sinn gibt es das typische Sektenmitglied nicht. Es ist vielmehr so, dass jemand in Zeiten seelischer Not an die Falschen gerät. Und genau hier setzt Infosekta an. Es geht uns nicht darum, die Welt zu retten oder für den richtigen Glauben zu missionieren.
Sondern?
Wir zeigen Strukturen und Mechanismen auf, welche die Selbstbestimmung des Einzelnen sehr stark beschneiden und in seelische Abhängigkeit führen.
Wenn Sie die 20 Jahre Revue passieren lassen, welcher Fall ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Viele Fälle haben mich berührt. Ich erinnere mich beispielsweise an eine Klientin, die auf Grund einer Rückführung überzeugt war, sie hätte in einem früheren Leben Jesus getötet und dadurch an extremen Schuldgefühlen litt. Oder an die Tochter einer Mutter, die zur Heilerin gezogen ist und mit der Mutter von einem Tag auf den anderen nichts mehr zu tun haben wollte. Daneben gibt es auch Entscheidungsanfragen, ob und unter welchen Bedingungen beispielsweise ein Kind in eine streng evangelikale Pflegefamilie platziert und wie das Wohl des Kindes garantiert werden kann.
Wie viele Anfragen bekommen Sie?
Wir haben fast 1000 Anfragen pro Jahr. Reine Informationsanfragen haben abgenommen. Da spielt sicher das Internet eine grosse Rolle. Mit einigen Mausklicks kann man sich Grundinformationen holen. Das war vor 20 Jahren unmöglich. Eine Beratung ersetzt das Internet natürlich nicht, denn die Fälle sind oft komplex, und es gibt nach wie vor Gruppierungen, über die nur wenig seriöse Informationen verfügbar sind.
Wer sucht vor allem Rat?
Es sind Ratsuchende, die ihre Angehörigen oder Freunde an eine sektenähnliche Organisation verloren haben und von uns wissen wollen, wie sie reagieren und sich verhalten sollen. Wir sind bekannt für eine konfessionsunabhängige Beratung. Diese ist allerdings intensiv, weil sie viel Zeit in Anspruch nimmt, denn mit dem Sektenthema sind oft noch andere Aspekte verbunden. Beispielsweise die Ablösung vom Elternhaus oder das Loslassen aus einer Partnerschaft. Eher selten suchen aktive Sektenmitglieder Unterstützung bei uns.
Warum sind Sekten heute in der Öffentlichkeit weniger präsent als früher?
Auf den ersten Blick stimmt diese Beobachtung. In den Neunzigerjahren kam es zu Sektendramen, beispielsweise die Belagerung der Siedlung der Davidianer in Waco, Texas oder die Sonnentemplertragödie in der Schweiz mit vielen Todesopfern. In den letzten 10 Jahren wurde es ruhiger um die grossen, bekannten Sekten. Sie wurden subtiler und erreichten auch immer stärker etablierte Gesellschaftsbereiche. Dadurch kann für Aussenstehende der Eindruck entstehen, die Gefahr der Sekten sei gebannt, was nicht stimmt. In Wirklichkeit buhlen weltweit Hunderte von Gruppen und Einzelanbieter um verunsicherte Menschen.
Die bekannten Sekten . . .
. . . wie beispielsweise die Scientologen stagnieren seit einigen Jahren, wahrscheinlich verlieren sie sogar Mitglieder. Wir stellen seit einiger Zeit eine Verschiebung der Beratungsfälle Richtung Esoterik fest. Dieser Markt erlebt zurzeit einen richtigen Boom. Man kann sagen, der Weltanschauungsmarkt ist pulverisiert.
Wie merken Sie das bei Ihrer Beratertätigkeit?
Scientology und Zeugen Jehovas bleiben nach wie vor Schwerpunkte der Infosekta, aber es kommen deutlich mehr Fragen zu Freikirchen wie zum Beispiel ICF (International Christian Fellowship), die ihre Missionstätigkeit vorwiegend auf junge Leute konzentrieren. Viele Anfragen betreffen auch kleinere Vereinigungen oder Einzelanbieter wie selbsternannte Hexen oder Propheten, die den Weltuntergang vorhersagen und die Lösung gleich mitliefern.
Sind Einzelanbieter weniger gefährlich als grosse Sekten?
Es gibt im Esoterikbereich sicher harmlose Heiler, aber viele benutzen die gleichen Methoden der Manipulation wie Sekten. Von daher sind diese dubiosen Anbieter und ihre radikalen Ideologien nicht ungefährlich.
Seit 20 Jahren ist die prekäre Finanzlage bei Infosekta immer wieder ein Thema. Standen Sie schon vor der Entscheidung, die Beratungsstelle zu schliessen?
Man wollte uns – vor allem in den Anfangszeit – auch schon mittels einer Einzelinitiative den Geldhahn abdrehen. Das Überleben der Fachstelle stand immer wieder mal auf Messers Schneide. Auch nach 20 Jahren ist es uns nicht gelungen, eine stabile Finanzgrundlage zu schaffen, vor allem fehlt es an regelmässigen Beiträgen wie denjenigen von Stadt und Kanton. Wir erhalten die Hälfte der Beratungskontakte von ausserhalb des Kantons Zürich, aber leider keine finanziellen Unterstützung dieser Kantone, mit Ausnahme von Bern, Graubünden und Uri. Aus diesem Grund wollen wir in unserem Jubiläumsjahr unsere Fundraisingbemühungen verstärken. Um den laufenden Betrieb finanzieren zu können, sind wir weiterhin auf finanzielle Unterstützung angewiesen.
Bei einem Jubiläum schaut man gerne nach vorn. Wie sehen die nächsten Jahre bei Infosekta aus?
Sekten werden weiterhin ein gesellschaftliches Thema bleiben, die Arbeit wird der Fachstelle sicher nicht ausgehen. Wir möchten uns vermehrt in der Prävention betätigen, zum Beispiel Aufklärung an Schulen, und in der Weiterbildung von Fachpersonen aus den Bereichen Gesundheit und Soziales. Derzeit sind wir intensiv daran, eine Selbsthilfegruppe für Angehörige aufzubauen. Der Kontakt zu anderen Fachstellen soll intensiviert werden. Und wenn es die zeitlichen Ressourcen zulassen, möchten wir vermehrt Texte für unsere Website verfassen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.03.2010, 09:44 Uhr
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9 Kommentare
Alles, was heute nicht in das Schema Kirche u. Psychologie passt und im biblisch-christlichen evangelikalen Raum angesiedelt ist(z.B. ICF)wird vorschnell als Sekte abgetan.Man muss sich heute ernsthaft fragen,ob nicht die Psychologie die grösste Sekte ist,die eine Mehrheit an Menschen abhängig gemacht hat u.macht!Genau sie wollen ja immer die Wahrheit gepachtet haben,was sie andern apsprechen! Antworten








































































































































