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Ein Pyjama zum Schwimmen

Von Hannah Einhaus. Aktualisiert am 01.12.2008

Alle Schulkinder müssen schwimmen, entschied das Bundesgericht vor einigen Wochen – Glaube hin oder her. Für das kommende Dilemma muslimischer Mädchen bietet sich eine Lösung an: der Burkini. Wie es sich damit schwimmt? Ein Selbstversuch.

Burkini: Sieht im Wasser fast wie ein Neoprenanzug aus.

Burkini: Sieht im Wasser fast wie ein Neoprenanzug aus.

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Mit dem Segen des Muftis

Die vierfache Mutter Aheda Zanetti (38) plante keine feministische Revolution unter muslimischen Frauen, als sie den Burkini erfand. Vielmehr litt die streng religiös erzogene Frau aus einem libanesisch geprägten Quartier in Sydney darunter, dass sie Religion und Sport nicht unter einen Hut bringen konnte. Heimlich nahm sie Schwimmunterricht, mit Kopftuch und von oben bis unten mehrfach in dicken Stoff eingewickelt. «Wenn ich aus dem Wasser kam, dachte ich, ich hätte zehn Tonnen Ziegelsteine auf dem Rücken,» sagte Zanetti in Interviews.
Not macht erfinderisch, und so entwarf sie ein Badekostüm aus wasserabweisendem Lycrastoff mit schariakonformem Schnitt und pfiffigem Design, alles verbunden mit einem hohen Qualitätsanspruch. «Die Frauen sollen gleichzeitig moderat wie professionell-sportlich erscheinen, gekoppelt mit einem Ausdruck von Stolz,» schreiben sie und die Macherinnen auf ihrer Webseite. «Wir wollen beweisen, dass eine muslimische Frau nicht eine unterdrückte Frau ohne Gesicht und ohne Namen ist.»
Dessen nicht genug: Damit Zanetti wirklich ihre Klientel – religiöse, muslimische Frauen – von ihrem Produkt überzeugen konnte, holte sie sich den Segen des australischen Grossmuftis. Für sie ist das ihr Beitrag, um Muslime und die westliche Kultur näher zusammenzubringen, und sie hofft: «Damit können wir muslimischen Frauen sein wie alle anderen.» ein

Er sieht aus wie ein Pyjama, fühlt sich an wie ein Badeanzug und bietet zurzeit die wohl beste Annäherung an die Quadratur des Kreises zwischen Religionsfreiheit, Bundesgerichtsurteil, Integration und Schwimmpflicht: der Burkini, der verbale Mischling des Bikini mit der muslimischen Kopfbedeckung Burka. Seit das Bundesgericht im Oktober entschieden hat, dass alle Kinder, unabhängig ihrer Religion, Schwimmunterricht besuchen müssen, stehen schweizweit etwa 100 Mädchen vor einem Dilemma. Eine Lösung des Problems bietet der Burkini. Die Erfindung aus Australien erhielt den Segen des dortigen Mufti. In islamischen Ländern hat die Erfindung aus Australien zahlreiche Nachahmer gefunden, denn der Burkini kann je nach Ort westlichen Genuss mit muslimischen Werten verbinden. Hier zu Lande hält er jedoch erst zögerlich Einzug.

«Unproblematisch»

Die pyjamaähnlichen Hosen sind schnell angezogen. Das weit geschnittene Oberteil hingegen hat seine Tücken. Um die Taille wird es gebunden, damit der Stoff nicht im Wasser herumwirbelt oder gar den Bauch frei legt. Ärmel und Kapuze hingegen liegen eng an wie Taucheranzüge. Ein Kopfsprung – und schon düst frau dynamisch durchs nasse Element. Auch nach mehreren Zügen Crawlen und mehreren Längen Brustschwimmen bleibt der Lycrastoff leicht. An den Beinen ist von der Hose nicht viel zu spüren. Nur um Bauch und Brust sorgt der leicht blähende Stoff für Auftrieb.

Auf die anderen Badegäste wirkt die Burkiniträgerin – wie wäre es anders zu erwarten – exotisch . Ein schräger Blick von der Schwimmbahn nebenan, ein Grinsen auf den Stockzähnen beim Sprungbrett oder auch mal ein nettes Fragezeichen im Gesicht auf einem Liegestuhl am Beckenrand gehören zu den Reaktionen. Doch selbstbewusstes Auftreten und gute Schwimmtechnik machen das wett.

In den Städten Bern und Zürich weiss man Bescheid über die Burkinis. Frauen und Männer, die voll bekleidet ins Wasser gehen, werden aus hygienischen Gründen zurückgepfiffen. Nicht so beim Burkini. «Der besteht aus dem gleichen Material wie andere Badeanzüge und ist daher unproblematisch,» sagt Hugo Wenger vom Berner Sportamt. So sehen das auch die Verantwortlichen in Zürich.

Skepsis hier zu Lande

Politisch hat dort das australische Produkt erste Wellen geworfen. Im Frühling reichten die Schweizer Demokraten eine Motion ein mit der Begründung, Burkinis seien unhygienisch und bildeten eine Provokation durch jene Immigranten, die sich nicht den hiesigen Verhältnissen anpassen wollen. Auch in verschiedenen Chats befürchten Teilnehmer im Burkini einen Schritt zur Islamisierung.

Laut Hashim Maizar, Präsident der Föderation islamischer Dachorganisationen in der Schweiz, kann der Burkini zwar ein Stück zur Integration beitragen, doch die beiden Grundübel – die Angst vor dem Islam und die mangelnde Bereitschaft für einen gemeinsamen Integrationsprozess zwischen Muslimen und Schweizern – sollten nicht bleiben. «Diesen Prozess kann man nicht erzwingen», meint er zum Bundesgerichtsentscheid. Der Burkini wäre für muslimische Mädchen im Schwimmunterricht zwar eine Lösung. Gemäss Maizar stellen sie sich aber so noch mehr aus als beim Fernbleiben. «Hut ab vor jenen, die es doch wagen», sagt er. Letztlich zahle aber das Kind die Zeche, individuelle Lösungen wie bisher seien sinnvoller.

«Die Volksschule ist der beste Ort für die Integration», betont Beat Zemp, Präsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH). Im Burkini sieht er deshalb kein Problem.

«Gefühl von Freiheit»

Dankbarkeit hingegen zeigen die Käuferinnen des Burkini aus Australien, USA, Kanada, England und Österreich auf der Webseite der Herstellerin: Endlich wieder ins Wasser, statt am Poolrand zuschauen. Endlich schwimmen vor allen Leuten zu normalen Zeiten, statt heimlich um 5.30 Uhr früh. Ein Gefühl von Freiheit habe sich eingestellt.

Besonders bequem erweist sich der Burkini beim Rückenschwimmen. Die leichte Blähung des Oberteils sorgt für etwas Auftrieb. Die weniger bequeme Seite zeigt sich erst nach dem Ausstieg aus dem Wasser. Die von oben bis unten eingehüllte Haut lässt sich nicht mit dem Badetuch abtrocknen. Laut Werbung trocknet der Burkini sehr rasch. Das mag wohl richtig und angenehm sein an den heissen Meeresstränden Tunesiens, Ägyptens oder Australiens. Doch im feucht-warmen Hallenbad und erst recht nach dem Schwimmen in der Aare an einem mässig warmen Tag sieht das anders aus: Nach Verlassen des kalten Wassers sei da den Schwimmerinnen wärmstens der rasche Gang zur Umkleidekabine empfohlen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 01.12.2008, 09:19 Uhr

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