Drei Engel für die Gleichberechtigung
Von Stefanie Christ, Lucie Machac. Aktualisiert am 12.11.2011 5 Kommentare
Nach Feierabend an einem milden Herbsttag. Die 21-jährige angehende Fachfrau Gesundheit Noëmi Müller aus Jegenstorf, die 18-jährige lernende Detailhandelsfachfrau Yolanda Oluoma aus Bern und die 19-jährige Gymnasiastin Michelle Stirnimann aus Kerzers treffen vor dem Redaktionsgebäude der Berner Zeitung zum ersten Mal aufeinander. Sofort beginnt ein angeregter Austausch, schliesslich engagieren sich alle drei für ihre Rechte: Müller in ihrem frauentypischen Berufsumfeld, Stirnimann in einem Jugendrat und Oluoma im Trikot auf dem Fussballplatz. Auch später, während des Interviews, gehen die Frauen aufeinander ein – selbst wenn sie nicht gleicher Meinung sind.
Frauen sind anders. Männer auch
Fühlen Sie sich in unserer Gesellschaft gleichberechtigt?
Yolanda Oluoma: Nicht in jedem Lebensbereich. Das merke ich schon daran, wie schnell eine Frau als Schlampe oder Bitch bezeichnet wird, während ein Mann, der sich sexuell auslebt, als toller Kerl gilt.
Bitch gehört doch zur Alltagssprache Ihrer Generation.
Noëmi Müller: Also ich nenne niemanden eine Bitch.
Oluoma: Im Scherz unter Kolleginnen kann man das Wort verwenden, aber es ist und bleibt ein vulgärer Ausdruck.
Müller: Schlampe ist genauso herablassend wie Arschloch für Männer – nein, eigentlich viel schlimmer, denn der Ausdruck richtet sich gezielt gegen Frauen. Das Arschloch ist neutral.
Hat man Sie jemals Schlampe genannt?
Michelle Stirnimann: Darum kommen wir Frauen doch gar nicht herum.
Oft sieht man junge Frauen in Miniröcken, Netzstrümpfen, Stilettos – laufen sie da nicht Gefahr, solche Ausdrücke zu provozieren?
Oluoma: Ach was! Warum sollten wir uns dafür rechtfertigen, wenn wir uns sexy anziehen? Natürlich ist das ein heikles Thema – auch, weil uns heute jedes Rapvideo willige, halb nackte Frauen präsentiert.
Stirnimann: Solche Videos zementieren in den Köpfen ein Bild, wie Frauen auszusehen haben
Oluoma:und sie vermitteln den Eindruck, dass du keinem Mann gefällst, wenn du nicht so aussiehst. Kein Wunder, schminken sich heute bereits kleine Mädchen.
Stirnimann: Es kommt auch auf die eigene Stärke an. Wer genug Selbstvertrauen hat, muss bei einem Kleidertrend nicht mitmachen, selbst wenn alle anderen Miniröcke tragen.
Oluoma: Es hängt aber auch vom Umfeld ab, in dem du aufwächst. Ob alle deine Freundinnen sexy Klamotten tragen oder nicht. Gerade in der Pubertät ist dieser Druck gut spürbar. Wenn ein Mädchen weiter entwickelte Brüste hat als andere und die Männer es anhimmeln, versuchen es ihre Kolleginnen ebenfalls mit grösseren Ausschnitten.
Gibt es Momente, in denen Sie lieber ein Mann wären?
Stirnimann: Nein.
Oluoma: Auf keinen Fall.
Müller: Sicher nicht.
Nie?
Stirnimann: Na ja, ab und zu. Zum Beispiel auf der Autobahn, wenn du pinkeln musst und keine Raststätte in der Nähe ist
Oluoma: Ein Mann hat keine Periode, das ist praktischAber ein Mann kann nicht einfach mit den Wimpern klimpern, wenn er etwas bekommen will!
Müller: Ich finde es schön, mich zu schminken, mich zu frisieren und mit Freundinnen abzumachen. Männer haben untereinander einen viel grösseren Konkurrenzdruck.
Oluoma: Frauen nicht?
Stirnimann: Frauen sind dafür hinterhältiger – um noch ein Klischee zu nennen
Müller: Aber es ist halt etwas Wahres dran. Von Männern erwartet man zum Beispiel, dass sie keine Gefühle oder Schwäche zeigen. Oder wenn ein Mann Teilzeit arbeitet und sich vermehrt um seine Familie kümmern will
Stirnimann:dann heisst es schnell, er sei ein Weichei.
Für andere gilt er als emanzipierter Mann.
Müller: Im Prinzip schon. Aber erst, wenn das die Mehrheit so sieht, gilt es als normal. Viele Gleichaltrige haben heute noch das traditionelle Bild von der Frau, die zu Hause bleibt. Das erlebe ich öfter als erwartet, gerade bei Frauen. Natürlich wird es Hausfrauen immer geben, wir sollen ja auch auswählen dürfen.
Stirnimann: Vielleicht sollten wir die Märchen neu schreiben. Dort fängt es an mit den gesellschaftlichen Geschlechterbildern. Für einmal könnte die Prinzessin ja den Mann retten.
Oluoma: Ich weiss nicht, ob das alle Frauen möchten. Dann stehst du da mit dem Schwert über dem Drachen und musst noch in den Turm klettern
Stirnimann:an den langen Haaren des Mannes entlang. Nein, im Ernst, als Frau hat man andere Strategien.
Müller: Genau, die Frau holt eine Leiter Warum können sich Frau und Mann eigentlich nicht gegenseitig retten? Die Frau muss bereit sein, für ihren Partner das zu tun, was sie auch von ihm erwartet. Ihn trösten, wenn er weint. Aber ich weiss nicht, ob ich in der Lage wäre, meinen Freund zu beschützen, wenn er verprügelt wird
Kind und Karriere – das gibt Probleme
Haben Sie sich mal in einer «Männerdomäne» bewiesen?
Oluoma: Als kleines Mädchen nahm ich Ballettunterricht. Später merkte ich, dass ich das nicht mehr wollte, und begann, Fussball zu spielen. Auf dem Platz werden Frauen weniger ernst genommen als Männer: Bei den Giele waren die Publikumsränge jeweils voll, und wir konnten froh sein, wenn drei Nasen kamen, um uns anzufeuern. Erst als unsere Frauenmannschaft im Film «Pizza Bethlehem» porträtiert wurde, nahm das Interesse zu.
Stirnimann: Ich bin im Gymnasium in der Math-Plus-Klasse
Müller:allein unter Männern?
Stirnimann: Ja, fast. Aber es ist ein Klischee, dass Männer in Mathe besser sind als Frauen.
Müller: Aus meiner Erfahrung sind Frauen wirklich schlechter in Mathe.
Oluoma: Man kann nicht alle Frauen in einen Topf werfen, aber es gibt Bereiche, in denen Frauen tendenziell besser sind als Männer und umgekehrt. Ich erlebe immer wieder, dass Frauen besser kommunizieren können.
Stirnimann: Und trotzdem beanspruchen Männer 70 Prozent der Sitze im Parlament und sitzen in den Kaderpositionen.
Wollen Sie denn Karriere machen?
Oluoma: Nein, ich möchte Kinder haben.
Müller: Sagen wir es so: Momentan ist mir die Karriereplanung wichtiger als die Familienplanung. Ich möchte an die Fachhochschule und später auf der Intensivstation im Spital arbeiten. Wenn ich das erreicht habe, bin ich Ende 20 und kann entscheiden, ob ich Lust auf eine Familie habe.
Stirnimann: Ich habe beides nicht richtig geplant. Es kann sich noch so viel ändern.
Oluoma: Genau, Bedürfnisse ändern sich: Erst habe ich mich für eine Lehre als Hochbauzeichnerin entschieden. Nach der Berufsmatur wollte ich Architektur studieren. Und auf einmal habe ich mich gefragt, ob ich das wirklich will. Was, wenn ich mein Ziel erreicht habe? Dann arbeite ich vielleicht bloss ein, zwei Jahre auf meinem Beruf, ehe ich eine Familie gründe. Darum habe ich mich anders entschieden und eine Lehre als Detailhandelsfachfrau begonnen.
Müller: Es ist wirklich ein Problem, dass man sich als Frau so früh entscheiden muss.
Muss eine Frau mehr planen als ein Mann?
Stirnimann: Schon, zum Beispiel in der Politik: Eine Frau überlegt sich vor einem wichtigen Amtsantritt, wo sie in ein paar Jahren sein wird, ob sie noch Kinder haben will. Ein Mann tritt einfach mal an und schaut dann weiter.
Müller: Ist das nicht wieder ein Klischee?
Oluoma: Es liegt halt in unserer Natur, gerade bei der Kinderfrage. Eine Frau hat diesbezüglich weniger Zeit als ein Mann.
Könnten Sie sich vorstellen, eine Familie zu ernähren, während Ihr Partner zu Hause bleibt?
Oluoma: Nein. Wenn ich Kinder habe, möchte ich sie aufwachsen sehen. Klar würde ich daneben Teilzeit arbeiten. Wenn eine Frau mehrere Jahre pausiert, kann sie den Wiedereinstieg vergessen. Aber Kinder bedeuten eine grosse Verantwortung, da kann ein Elternteil nicht immer weg sein. Die Arbeit sollte aufgeteilt werden.
Stirnimann: Ich könnte es mir vorstellen. Gerade, wenn ich mehr verdienen sollte als der Mann.
Müller: Ich kann mir das auch vorstellen. Da ich in einem Pflegeberuf mit Schichtarbeit tätig bin, könnte ich das gut einrichten. Selbst bei 80 oder 100 Stellenprozenten könnte ich die Kinder sehen und dafür halt in der Nacht oder am Morgen arbeiten.
Der Mann ist die halbe Miete
Ist der Feminismus in Ihrer Generation noch ein Thema?
Oluoma: In Bethlehem, wo ich aufgewachsen bin, leben viele Nationalitäten zusammen. In einigen spielt die Frau eine untergeordnete Rolle. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich von Schulkameraden den Satz gehört habe: «Du bist nur eine Frau, was hast du zu melden?» Irgendwann getraute ich mich kaum mehr, etwas zu sagen.
Wie haben Sie das überwunden?
Oluoma: Ich hatte meine Mutter als Vorbild. Mein Vater war gewalttätig. Als die Situation eskalierte, trennte sie sich, und es folgte eine sehr schwierige Phase. Aber sie hat die Nerven behalten, ging arbeiten, war für uns Kinder da und lebte uns Stärke vor.
Müller: Ich habe auch eine sehr starke Mutter. Sie ist alleinerziehend und hat mich und meine Zwillingsschwester immer gut über Frauenthemen informiert.
Diskutieren Sie auch über Frauen in der Politik?
Oluoma: Ich hatte grosse Freude, als die Frauen im Bundesrat die Mehrheit übernahmen. Plötzlich haben sich auch meine Kolleginnen mit Frauenfragen auseinandergesetzt. Sie haben realisiert, dass sie hierzulande mitreden, mitbestimmen können.
Stirnimann: Ja, rechtlich gesehen sind wir gleichberechtigt. Das Problem ist aber in unseren Köpfen.
Auch in den Köpfen junger Männer?
Stirnimann: Es gibt eine Generation von Männern, die es als selbstverständlich erachtet, dass der Mann auch Teilzeit arbeitet oder zu den Kindern schaut.
Oluoma: Die Medien berichten oft über dieses Thema, das hilft. Schliesslich hat es einen grossen Einfluss, was wir in den Medien lesen oder im Fernsehen sehen. Zurzeit gibt es überall viele Berichte über diese Oben-ohne-Feministinnen
Müller: Femen.
Was halten Sie von dieser ukrainischen Feministinnengruppe?
Oluoma: Das, wofür sie einstehen, finde ich gut.
Müller: Aber es ist auch gefährlich. Die meisten Leute wissen nur, dass es diese Gruppe gibt, weil die Frauen oben ohne auftreten. Die wenigsten wissen, wofür sie sich einsetzen. Das kann nach hinten losgehen.
Würden Sie sich der Gruppe anschliessen?
Stirnimann: Sag niemals nie. Es gibt einige Dinge, die sich ändern müssen. Ich habe zum Beispiel eine Kollegin, die auf dem Bau arbeitet. Es hat aber nicht auf jeder Baustelle eine Damentoilette.
Müller: Und Frauen verdienen heute immer noch weniger als Männer. Als ich von diesem Missstand erfahren habe, war ich entsetzt.
Wie wollen Sie für gleichen Lohn kämpfen, wenn Sie mit Ihrer Ausbildung fertig sind?
Müller: In Gesundheitsberufen sind die Unterschiede, glaube ich, nicht so gross. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich mich erkundige, was üblich ist, und es anspreche, wenn ein Lohn-angebot davon abweicht. Ich hoffe wirklich, dass ich es tun werde.
Glauben Sie, dass Sie beruflich alles erreichen können?
Müller: Ja.
Oluoma: Doch.
Stirnimann: Ja, wenn wir es wirklich wollen. Aber eine Frau muss härter arbeiten, sie muss fordern, «ellbögelen» und einiges mehr bieten als ein Mann.
Oluoma: Genau, bei einem Mann geht man automatisch davon aus, dass er sich durchsetzen kann. Bei einer Frau überlegt man sich zweimal, ob sie sich in einer Chefposition gegen Männer behaupten kann. Das demotiviert viele Frauen.
Stirnimann: Für eine Frau ist halt das Geld oft zweitrangig. Sie will einen guten Job, der Mann hingegen hat genaue Lohnvorstellungen.
Müller: Wenn sich ein Mann mehr um seinen Lohn bemüht und dann auch mehr verdient, ist die Frau selber schuld. Das Problem liegt darin, dass bei der gleichzeitigen Bewerbung eines Mannes und einer Frau das Angebot für den Mann von Anfang an höher ausfällt als jenes für die Frau.
Stirnimann: Da besteht grosses Verbesserungspotenzial. Überhaupt finde ich, Frauen sollten nicht allein kämpfen müssen. Die Männer sollten uns entgegenkommen.
Oluoma: Genau. Es bräuchte die männliche Unterstützung, damit die Gleichberechtigung endlich Standard wird.
stefanie.christ@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)
Erstellt: 12.11.2011, 13:02 Uhr
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5 Kommentare
Der Artikel zeigt berechtigterweise gewisse Ungerechtigkeiten auf und ich verstehe auch, dass sich Leute dafür einsetzen, diese zu beheben.
Trotzdem ist der Artikel extrem einseitig: Frauen haben die höhere Lebenserwartung - trotzdem haben die Männer das höhere Rentenalter! Was ist mit dem Militärdienst?
Wenn Sie schon einen Artikel über Gerechtigkeit schreiben, sollte dieser auch gerecht sein!
Antworten
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