Die unmoralische Schlacht der Moralisten

«Moral ist der Ersatz für politische Kritik», sagt Psychoanalytiker und Satiriker Peter Schneider. Die moralische Aufwallung in den Affären Wulff und Hildebrand bringe nichts.

<b>Keine moralische Instanz mehr, die die Richtung vorgibt: </b>Der abgetretene Schweizer Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand.

Keine moralische Instanz mehr, die die Richtung vorgibt: Der abgetretene Schweizer Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Schneider, ist Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand über Moralvorstellungen gestolpert, die er missachtete?

Peter Schneider: Politische Moral ist selten – wie bei der Watergate-Affäre – eine objektive Angelegenheit, sie liegt vor allem im Auge des Betrachters. Wenn die Politik, das politische Argument nicht weiterhilft, kommt die Moral. Und da im Moment die Politik angesichts der Wirtschafts-, Euro- und Finanzkrise ohnehin schlechte Karten hat, bleibt Kritikern noch die Moral, um ihr Missfallen auszudrücken.

Hat der gut betuchte Nationalbankchef überhaupt Moralvorstellungen verletzt, indem er Devisengeschäfte betrieb?

Ein Notenbankpräsident muss sich an Recht und Gesetz halten, und aus Reputationsgründen ist es sicherlich erforderlich, dass er keine Spesenabrechnungen von einem Bordellausflug zur Abrechnung vorlegt. Aber er muss nicht durch besondere Moralität glänzen. Seriosität reicht. Er sollte nicht korrupt sein, er sollte seine Aufgabe gut erfüllen, sein öffentlicher Lebenswandel sollte den guten Geschmack nicht über Gebühr strapazieren – der Rest geht nur die etwas an, die mit ihm verheiratet sind oder sonstwie direkt unter ihm zu leiden haben.

Aber es ist doch moralisch verwerflich, dass ein Nationalbankchef schnell mal 75'000 Franken Währungsgewinn macht, die für einen Durchschnittsbürger ein Jahreseinkommen ausmachen.

Es ist nicht nur moralisch verwerflich, sondern strafbar, Insiderwissen zur Spekulation zu nutzen. Wie wir wissen, kommt die Insiderstrafnorm aber selten zur Anwendung, und noch seltener kommt es zu Verurteilungen. Dabei ist das Strafgesetzbuch der Massstab, nicht das Vorstellungsvermögen oder Jahresgehalt des Durchschnittsbürgers.

Das Problem ist doch, dass mit Verlockungen in Berührung kommt, wer wie Hildebrand in oberste Machtzirkel aufsteigt. Verlieren Mächtige zwangsläufig das Gefühl für Moral?

Die «Ökonomisierung» unserer Gesellschaft lässt natürlich auch nicht die Politik unberührt. Wenn Politiker darauf hinweisen, dass sie in der Privatwirtschaft ein Vielfaches verdienen könnten – und wie der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder unmittelbar nach der Abwahl in der «richtigen» Wirtschaft Kasse machen –, dann liegt es nahe, dass ihnen politische Macht nicht reicht. Kaspar Villiger hat das Wort geprägt, man könne die Frage der Bankenregulierung nicht den Laien von der Politik überlassen. Es ist den meisten klar, dass die Macht nicht im Parlament liegt, sondern die wirtschaftliche Macht (leider, leider) immer noch den Umweg übers Parlament gehen muss, wenn man es schon nicht schafft, an ihm vorbeizuagieren. Das ist ein strukturelles Problem. Und niemand hat eine Ahnung, wie man dem beikommen könnte. Also verschiebt man die notwendige Strukturdebatte auf das Feld hilflosen Moralisierens.

Schön analysiert. Aber noch einmal die ganz konkrete Frage: Verbiegt ein Aufstieg durch die Verlockung der Macht die Moral eines Menschen?

Dann wäre ja Macht an sich unmoralisch und Politik auch. Das trifft genau die Tastatur des antipolitischen, populistischen Klaviers, auf dem Christoph Blocher und seine Manne und Froue ständig klimpern. Es muss institutionelle Schranken der Macht geben, demokratische Kontrolle – nicht nur der Politik, sondern auch der Wirtschaft. Ob dann noch einer durch die Macht an Seele und Moral Schaden nimmt, ist mir, als Bürger jedenfalls, völlig schnuppe.

Vielen sind Hildebrands Finanztransaktionen nicht schnuppe. Ist seine moralische Verurteilung im Volk bloss eine Rache der Kleinen an den Grossen?

Wenn Sie Christoph Blocher zu den Kleinen rechnen wollen: Ja.

Hätte sich Hildebrand durch eine geschicktere Kommunikationsstrategie und eine frühere Entschuldigung vor moralischer Verurteilung und Rücktritt bewahren können?

Damit hätte die Moral der Kommunikationsberater gesiegt, vor der uns Gott behüten möge.

Hildebrand verletzte womöglich die zahnlosen Reglemente nicht, aber er hätte darüber hinaus denken können. Ersparen uns Reglemente Gewissensfragen?

Nein, sie verhindern lediglich, wenn sie klug gestaltet sind, dass alles und jedes zu einer Gewissensfrage werden muss. Wie im Strassenverkehr: Statt an jeder Ampel überlegen, ob ich nun die Maxime meines Handelns zum allgemeinen Naturgesetz erheben könnte, schaue ich lieber, ob ich Rot oder Grün habe und gebe Gas oder bremse.

Haben Sie eigentlich Mitleid mit Hildebrand?

Die Frage nach dem Mitleid bringt die Debatte gerade schon wieder auf die falsche Schiene. Statt in politischen Kategorien beginnen wir in Kategorien des Human Interest zu denken. Und schliesslich landen wir bei irgendeinem Geschwurbel, ob Blochers Angriff in Wirklichkeit den «starken Frauen» gilt.

War Hildebrand in seinem erhabenen Abgang besonders moralisch, oder hat er sich aus der Verantwortung gestohlen?

Wenn Vorwürfe wie ein Kaugummi an einem kleben, ohne dass die Möglichkeit besteht, sie in nützlicher Frist auf überzeugende Weise auszuräumen, bleibt wahrscheinlich nur noch der Rücktritt – es sei denn, man wollte sich noch dem zusätzlichen Vorwurf aussetzen, man klebe seinerseits wie ein Kaugummi am Amt. Das hat sicher mit Verantwortung zu tun, aber wenig mit Moral.

Die Deutschen demontieren ihren Bundespräsidenten Christian Wulff, der kein Gesetz verletzt hat. Die Italiener aber liessen ihren Premier Berlusconi trotz Bestechung und angeblichem Sex mit Minderjährigen jahrelang im Amt. Gibt es nationale Unterschiede der Moral?

Wulff ist der aufgestiegene Kleinbürger, dem die Hofberichterstattung zu Kopf gestiegen ist. Sein Fall ist der eines Landespolitikers, der zunächst zum Glamour-Boy und dann zum obersten Grüss-August der Republik aufgestiegen ist, aber dem Anforderungsprofil des nachdenklichen Staatsoberhaupts nicht genügt. Er mischt lieber bei den Schönen und Reichen mit. Ihm wird nun zum Verhängnis, dass er nachträglich als eine von der Koalition durchgedrückte schlechte zweite Wahl erscheint. Man denkt: Hätten wir doch lieber Joachim Gauck statt dieses nicht mal adligen Ersatz-Guttenbergs. Alt-Kanzler Schröder hat die Kumpanei mit Typen wie Putin und Maschmeyer stark gemacht. Wulff ist der Provinzklüngel mit dessen Söihäfeli-Söideckeli-Moral zum Verhängnis geworden.

Und Berlusconi?

Er galt als Renaissancefürst, den man wegen seines ungebrochenen Narzissmus und Machtwillens bewundert. Seine Anhänger waren fasziniert vom unverhohlenen Machiavellismus, den er verkörpert: Der Staat war Berlusconi, und ausser ihm hat manch einer profitiert. Man liebte ihn, wie die einfachen Mafiosi ihren Paten. Da kommt es auf Petitessen wie Rechtsbrüche nicht nur nicht an, sie steigern noch das Charisma.

Wie schafft es Christoph Blocher, sich als Saubermann zu inszenieren, obwohl er Milliardär und Hinterzimmer-Strippenzieher bei der «Basler Zeitung» ist?

Er funktioniert wie ein zwinglianischer Berlusconi. Orgien interessieren ihn nicht. Wohl aber die Macht. Die übt er hemmungslos aus. Notfalls auch mit Hilfe der Moral oder dem, was er dafür erklärt. Zuerst kommen die Volksrechte, dann die Menschenrechte, das Volk bestimmt. Anders als Berlusconi sagt er nicht: «L’état c’est moi», sondern: «Le peuple c’est moi.» Der Staat, die classe politique, die linke Presse, die feigen Bürgerlichen – sie alle stehen seiner Ideal-Union von Volk und Blocher im Wege. Demokratie ist, wenn die SVP mit einer Volksinitiative gewinnt. Fragen wie der Volksbetrug durch die falschen Prognosen hinsichtlich der Folgen der Unternehmenssteuerreform hingegen lassen ihn kalt.

Wenn mit Moral gefochten wird, ist die Doppelmoral nicht weit?

Die Doppelmoral ist etwa beim Bankgeheimnis mit beiden Händen zu greifen. Aber der Verweis auf etwaige Doppelmoral führt paradoxerweise nicht dazu, moralische Ansprüche und die Hoffnungen auf ihre totale Durchsetzung zu mildern, sondern er verschärft sie nur noch weiter.

Wie zum Beispiel?

Wenn der Führer einer homophoben Partei selber als schwul geoutet wird, lockert das nicht die Debatte in dieser Partei zum Thema Homosexualität, sondern man wird sich eine schärfere Kontrolle bei der Auswahl der Mitglieder ausdenken. Statt eine strukturelle Debatte über die Tatsache zu führen, dass laut einer ETH-Studie weltweit nur etwa 150 Unternehmen durch ihre ungeheure wirtschaftliche Macht den Gang der Geschichte bestimmen können, moralisiert man über unsaubere Spesenabrechnungen und Freiflüge.

Sobald Moralisten am Werk sind, geraten die wahren Probleme aus dem Blick?

Moral ist der Ersatz für politische Kritik. Das Bürgertum hat seinen Sieg über den Adel vor 200 Jahren nicht nur durch seine gewachsene wirtschaftliche Macht gewonnen, sondern nicht zuletzt auch durch den Anspruch, die moralische neue Klasse zu sein, während der Adel für Sittenlosigkeit stand. Wer heute aufbegehrt, bedient sich auch des moralischen Arguments. Auch weil es ihm an der wirtschaftlichen Macht fehlt, seiner Kritik Nachdruck zu verleihen. Moral ist aber nicht eine Perspektive, der man alles unterordnen kann.

Kann ein Normalsterblicher überhaupt eine Moralinstanz sein, wie man das von einem Bundespräsidenten oder einem Zentralbankchef erwartet?

Wenn es nicht darum geht, ein Albert Schweitzer der Politik zu werden, sondern wie Christian Wulff das, was die Parteien tun, mit einer gewissen Überparteilichkeit zu begleiten – warum nicht? Der deutsche Bundespräsident hat – als politisch weitgehend machtlose Figur – diese Funktion der moralischen Instanz bekommen. Dabei geht es jedoch vor allem darum, die Aufgabe politischer Reflexion jenseits der Tagespolitik zu übernehmen. Insofern bedeutet die Rede von der «moralischen Instanz» eine Verkürzung dieser Rolle, die sicherlich etwas mit der anhaltenden Moralisierung der Politik zu tun hat.

Führt die hilflose Moralisierung der Politik und die schnell aufflammende Moral zu einer generellen Entwertung der Moral?

So ähnlich kann man es formulieren. Auf dem traditionellen Feld der Moral, dem Sex, hat sich die Lage entspannt: Wenn alle Beteiligten einverstanden sind, dann ist alles okay. Ausnahme ist natürlich die Pädophilie. Klugerweise verzichtet man trotz aller Naturalisierung der Moral darauf, bei diesem Thema auf das sexuelle Verhalten im Tierreich zu verweisen. Dafür sind andere Bereiche mit viel Moral aufgeladen worden, vor allem Ernährung und Gesundheit. Ein guter Geist wohnt in einem fitten Körper. Und die «Kritik der politischen Ökonomie» ist dem Gejammer über Gier oder Neid gewichen.

Ist also die moralische Klage über Philipp Hildebrand oder Christian Wulff einfach nur hilflos und blöd?

Auf eine klare Frage eine klare Antwort: Ja. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.01.2012, 16:52 Uhr

Blogs

Foodblog Frühlingsmüde? Ein Fall für Michael Jackson!

Foodblog Nichts zu motzen über den Mozzarella

Service

Schnelle Info für zwischendurch

Lesen Sie die Nachrichten aus der Region in Echtzeit.