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Die Zukunft beginnt heute

Von Philipp Loepfe. Aktualisiert am 13.02.2009 3 Kommentare

Roboter werden unsere Freunde sein. Neue Technologien werden das Energieproblem lösen. Wir werden Fleisch im Labor herstellen. Ein «Magazin»-Gespräch mit dem Utopisten Ray Kurzweil.

Optimist: Ray Kurzweil, Erfinder und Futurologe.

Optimist: Ray Kurzweil, Erfinder und Futurologe.

Das unscheinbare Haus in Wellesley Hills, einem gepflegten Vorort von Boston, in dem die Kurzweil Technologies sitzt, sieht alles andere als nach Zukunft aus. Am Empfang begegnet man der Wachsfigur eines Puritaners aus dem 19. Jahrhundert, danach Sarah, der Sekretärin. Schliesslich tritt man ins Büro von Raymond (Ray) Kurzweil.

Kurzweil, ein Mann in den Sechzigern mit schütterem Haar, spricht leise, aber bestimmt. Er ist frei von Starallüren, obwohl er in den USA ein Megastar ist. Allein mit seinen Auftritten an Universitäten und Kongressen verdient er jährlich mehr als eine Million Dollar. Wikipedia widmet ihm neunzehn Seiten, dort wird er als «Autor, Wissenschaftler und Futurologe» aufgeführt. Der Sohn jüdischer Emigranten aus Österreich ist auf jeden Fall eine Art Wunderkind. Als 15-Jähriger schrieb er sein erstes Computerprogramm, wenig später stellte er in einer TV-Show seinen ersten selbst gebastelten Musik-Computer vor. Später begann Kurzweil am MIT zu studieren, sammelte dabei Wissenschaftspreise wie andere Jugendliche Fotos von Sportlern. Nebst einem regulären Abschluss in Literatur und Computerwissenschaften besitzt er fünfzehn Ehrendoktorate verschiedener Universitäten.

Kurzweil ist ein genialer Bastler. Er baute ein Lesegerät für Blinde. Für Stevie Wonder entwickelte er einen Synthesizer, der Instrumente so perfekt imitiert, dass selbst Profis den Unterschied zum Original nicht mehr erkennen. Den ersten Bestseller veröffentlichte Kurzweil 1990, «The Age of Intelligent Machines». Darin sagte er etwa den bevorstehenden Untergang der Sowjetunion korrekt voraus. Sein wichtigstes Buch «The Age of Spiritual Machines» (1998) wurde zu einem der einflussreichsten Werke der Künstlichen Intelligenz (KI). Seine Prognose: Computer werden schon bald intelligenter als Menschen sein. Biologische und künstliche Intelligenz werden verschmelzen. Ein Quantensprung der Evolution. Weil der Mensch damit zugleich virtuell und potenziell unsterblich wird. 2005 folgte «The Singularity Is Near», worin Kurzweil auf die Details dieser Entwicklung eingeht. Er selbst ist wild entschlossen, den Zustand der Singularität, der Verschmelzung von Mensch und Maschine, zu erreichen. Deshalb hat er zusammen mit dem Mediziner und Ernährungsspezialisten Terry Grossman eine Spezialdiät für ein langes Leben entwickelt. Die kann man in «Fantastic Voyage: Live Long Enough to Live Forever» nachlesen.

In seinem Büro, auch das wie aus dem 19. Jahrhundert, sitzt Kurzweil nun in einem antiken Sessel und beantwortet alle Fragen mit seiner gleichförmigen leidenschaftslosen Stimme.

Ray Kurzweil, Energie und Nahrung werden knapp, die Erde wärmt sich auf und die Finanzmärkte spielen verrückt. Und Sie sagen, das seien alles nur vorübergehende Probleme. Meinen Sie das wirklich so?
Ja, denn ich bin sicher, dass der Fortschritt der neuen Technologien, der Robotik, Nanotechnologie und Gentechnologie, dazu führen wird, dass wir diese Probleme meistern können.

Ist das nicht ein sehr naiver Fortschrittsglaube?
Das mag auf den ersten Blick so aussehen. Wenn Sie jedoch das exponentielle Wachstum begreifen, das Phänomen, das ich «das Gesetz des sich beschleunigenden Nutzens» nenne, dann ist das keine lächerliche Aussage mehr. Dieses Gesetz ist kein Hirngespinst, es ist in der Praxis schon mehrfach bestätigt worden. Das Internet und seine explosionsartige Verbreitung ist ein gutes Beispiel dafür.

Konkret: Wie soll exponentielles Wachstum das Energieproblem lösen?
Auch bei der Solarenergie können wir das Gesetz beobachten. Eine neue Generation Nanosolarzellen ist in Entwicklung. Mit ihnen werden wir, ähnlich wie bei den Computer-Chips, die Leistung alle zwei Jahre verdoppeln können. Nach neun Verdoppelungen werden alle unsere Energiebedürfnisse mit Solarenergie abgedeckt sein. Sonnenenergie gibt es mehr als genug.

Experten der Ölindustrie rechnen uns aber regelmässig vor, dass auch 2050 noch zwei Drittel unseres Energiebedarfs durch Erdöl und Erdgas gedeckt werden müssen.
Sie irren sich. Der Wendepunkt zugunsten der Solarenergie wird in etwa fünf Jahren stattfinden. Dann wird die Sonnenergie günstiger sein als Öl und Gas. Diese Entwicklung wird sich rasant beschleunigen. Dank Nanotechnologie werden wir bald einmal in der Lage sein, Solarzellen zu bauen, die praktisch nichts mehr kosten.

Woher nehmen Sie die Zuversicht für solche Prognosen?
Aus meiner Erfahrung. Als ich 1990 voraussagte, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts das menschliche Genom entschlüsselt sein würde, schlug mir die gleiche Skepsis entgegen: Völlig unmöglich, lautete der Tenor damals. Anfänglich lief es tatsächlich äusserst harzig. Das Projekt war auf fünfzehn Jahre angelegt, und bei Halbzeit hatte man erst ein Prozent des Genoms identifiziert. Doch dann begann das exponentielle Wachstum zu wirken, und das Projekt wurde zeitgerecht beendet.

Nehmen wir an, das Energieproblem wird in fünf Jahren wirklich auf diese Weise gelöst sein. Was aber ist mit der Hungerkrise?
Bei Nahrung und Wasser ist das gleiche Phänomen wie bei der Energie zu beobachten: Wir haben genug Ressourcen und werden diese dank neuen Technologien bald auch sinnvoll ausnützen.

Wie soll man mit IT und Nanotechnologie Essen herstellen können?
Man wird bald jede nur denkbare Substanz Molekül für Molekül zusammensetzen können, auch Nahrungsmittel.

Heisst das, Milch und Fleisch stammen dann nicht mehr unbedingt von Kühen, sondern aus dem Labor?
Ja, Fleisch wird man in Fabriken herstellen können, ohne Tiere töten zu müssen. Sehen Sie, das mag seltsam wirken, ist es aber nicht. Die Menschen starren auf die bestehende Technologie und glauben, es würde sich nichts daran ändern. Doch wir werden die gleiche Entwicklung wie beim Computer erleben: Das exponentielle Wachstum wird sehr rasch sehr viel ändern.

Der Computer ist sehr viel schlauer geworden, ich aber bin immer noch der gleiche Idiot.
Seien Sie beruhigt: Künstliche Intelligenz wird auch Sie schlauer machen. Denn Computer werden immer kleiner und immer einfacher zu bedienen sein, und sie werden unsere Intelligenz vergrössern. Bald werden Sie einen Computer direkt in Ihr Gehirn implantieren können, wenn Sie das möchten. Wenn wir die heute bestehende Technologie unter dem Gesetz des sich beschleunigenden Nutzens betrachten, wird ein Computer in fünfundzwanzig Jahren etwa 100'000 Mal kleiner sein und eine Milliarde mal mehr leisten.

Heute müssen wir jedoch die Computer noch mühsam mit uns herumschleppen.
Ja, aber schon heute können die meisten Menschen ihre Arbeit ohne ihre IT-Werkzeuge nicht mehr erledigen.

Was für europäische Ohren verrückt klingt, hat in den USA so etwas wie Tradition. Im April 2000 veröffentlichte die Zeitschrift «Wired» einen Essay mit dem Titel «Why the future doesn’t need us», warum die Zukunft uns nicht braucht. Sein Verfasser Bill Joy ist eine Grösse in der IT-Szene. Er hat die Software Unix mitentwickelt und das Unternehmen Sun Microsystems mitgegründet. Joy beschreibt die Entwicklung des Verhältnisses von Mensch und Maschine im 21. Jahrhundert und kommt zum Schluss, dass die Maschinen bald die Menschen verdrängen und die Macht auf dem Planeten übernehmen werden. Er führt dabei Kurzweil als Kronzeugen an. «Ich hatte bisher stets das Gefühl, dass Roboter ins Reich der Sciencefiction gehören», stellt Joy fest. «Aber jetzt hörte ich von jemandem, den ich respektiere, gute Argumente, dass es durchaus möglich ist, dass intelligente Roboter bereits in naher Zukunft Realität sein werden. Ich war erschüttert, besonders weil Ray bekannt ist für seine Fähigkeit, sich die Zukunft vorzustellen. Ich wusste zwar bereits, dass neue Technologien wie Gen- und Nanotechnologie uns die Möglichkeit geben, die Welt neu zu gestalten. Aber ein realistisches und kurz bevorstehendes Szenario für intelligente Roboter überraschte selbst mich.»

Genetik, Nanotechnologie und Robotik werden Joy zufolge ihren Vormarsch fortsetzen: «Weil die Gesellschaft und die Probleme, mit denen sie konfrontiert wird, immer komplexer werden, werden auch die Maschinen immer intelligenter», sagt Joy. «Die Menschen lassen die Maschinen immer mehr Entscheidungen fällen, weil die Resultate besser sind als bei menschlichen Entscheidungen. So wird möglicherweise einmal ein Zustand erreicht werden, in dem die Entscheidungen so komplex geworden sind, dass die Menschen sie nicht mehr treffen können. Dann haben die Maschinen effektiv die Kontrolle übernommen. Die Menschen können die Maschinen nicht mehr abschalten, weil sie so von ihnen abhängig geworden sind, dass ein Abschalten gleichbedeutend wäre mit Selbstmord.»

Maschinen übernehmen die Kontrolle. Dieses Szenario kennen wir aus zweitklassigen Sciencefiction-Filmen. In der realen Welt sind Roboter und Computer etwas für unreife Männer, die sich von Pizza und Cola ernähren, rund um die Uhr an Software herumtüfteln und mit Frauen nicht klarkommen. Auch politisch hat die KI-Szene einen zweifelhaften Ruf. Sie steht unter dem Generalverdacht der Unkorrektheit. Sind diese Technofreaks nicht auch begeistert von blutrünstigen Games?

Wahrnehmung und Prestige der Künstlichen-Intelligenz-Forschung stehen mittlerweile in einem groben Missverhältnis zu ihrer wachsenden Bedeutung – auch im Alltag. «Wir stehen vor dem Phänomen, dass wir schon viel weiter in einer neuen Gesellschaft gelandet sind, als uns bewusst ist», sagt der Zukunftsforscher Peter Wippmann in der Studie «Die Zukunft der Evolution» des Gottlieb Duttweiler Instituts.

Künstliche Intelligenz ist unersetzlich geworden. Das gilt nicht nur für Technofreaks, die ohne ihr Blackberry nicht mehr leben können, deren Waschmaschine selbstständig den günstigsten Stromtarif sucht und deren Kühlschrank automatisch Milch bestellt. Auch der gemeine Autofahrer ist ohne KI aufgeschmissen. Ein GPS gehört zur Standardausrüstung seines Wagens, und ohne die Unterstützung von ABS, ESP und so weiter kann er ihn gar nicht mehr lenken. Das wird er auch bald nicht mehr müssen. Künftig wird man im Stau sein Auto einem Autopiloten überlassen können und statt auf den Verkehr zu achten, eine Zeitung lesen. KI lässt das Auto im Dunkeln Gefahren sehen, die dem Lenker verborgen bleiben. Selbst Autos für Blinde sind kein Hirngespinst mehr. In nicht allzu ferner Zukunft wird es Verkehrslenkungssysteme geben, die Autos automatisch abbremsen, beschleunigen, auf eine andere Route lenken und so Staus vermeiden.

KI unterstützt Piloten beim Landen und die Polizei beim Fahnden. Sie hilft Ärzten bei der Diagnose und Wissenschaftlern bei der Analyse. Dieser Trend beschleunigt sich rasant. Millionen von Menschen, die noch vor Kurzem keine Ahnung hatten, was eine Suchmaschine ist, können sich heute ein Leben ohne Google nicht mehr vorstellen. Entgegen den Befürchtungen macht die Ausbreitung der KI den Menschen kaum Angst. Intimste Daten werden bedenkenlos aufs Internet geladen, und wenn eine neue Generation iPhones oder Spielkonsolen auf den Markt kommt, übernachten die Fans vor den Verkaufsstellen.

Die meisten Menschen können zwischen ihrer eigenen und der künstlichen Intelligenz unterscheiden. Sie jedoch behaupten, dass dies bald nicht mehr möglich ist.
Warum sollte das schlimm sein? Jetzt schon haben wir eine sehr symbiotische Beziehung zu unseren Computern, sie sind im Begriff, einen Teil unserer Identität zu werden. Wenn wir beginnen, sie direkt in unseren Körper einzupflanzen, ist das einfach praktisch. Technologie ist schliesslich keine fremde Zivilisation. Sie ist ein Teil dessen, was wir sind. Deshalb müssen wir keine Angst davor haben, mit der Technologie zu fusionieren. Das Resultat wird immer noch eine menschliche Zivilisation sein.

Wo liegen für Sie die Grenzen?
Menschliche Zivilisation bedeutet, biologische Grenzen zu überschreiten. Wir fliegen, obwohl das in der Natur für den Menschen nicht vorgesehen war. Und wir haben unsere Lebenserwartung von durchschnittlich 23 Jahren in der Frühgeschichte auf weit gegen achtzig Jahre im 21. Jahrhundert ausgebaut.

Angenommen, es kommt zur Fusion von menschlicher und künstlicher Intelligenz. Was bedeutet das für unseren Alltag? Werden wir überhaupt noch arbeiten?
Im 19. Jahrhundert hat rund ein Drittel der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft und ein Drittel in der Industrie gearbeitet. Hätte damals ein Zukunftsforscher prophezeien können, dass im 21. Jahrhundert noch drei Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft und drei Prozent in der Industrie arbeiten würden, er wäre für verrückt erklärt worden.

Werden wir dann alle unsere Jobs verlieren?
Es werden viele neue Jobs entstehen, die wir uns heute nicht vorstellen können. Die meisten Beschäftigungen, die wir heute haben, gab es vor hundert Jahren noch nicht. Wir werden uns sicher in Richtung einer Wissensgesellschaft entwickeln, denn auch das Wissen hat ein exponentielles Wachstum.

Wie wird künstliche Intelligenz die Gesellschaft verändern?
Es wird virtuelle Welten geben. Kennen Sie «Second Life»?

Eine künstliche Welt im Internet, wo man sich eine andere Identität geben kann. Ein Trendphänomen, das bereits vorübergeht.
Die virtuellen Welten der Zukunft werden sehr viel bessere «Second Life»-Welten sein. Man wird sich darin verlieben und verheiraten, einige Beziehungen werden ernsthafter Natur sein, andere weniger. Heute wirken sie dagegen noch wie Comics. Aber schon bald können Sie dort auch Ihre Persönlichkeit verändern. In einen anderen Körper schlüpfen.

Sie selbst schildern ein Experiment, in dem Sie sich virtuell in eine Frau verändert haben. Wie ging das?
Ich hatte überall Sensoren, und wenn ich mich bewegte, dann wandelten sie meine Bewegungen in Echtzeit in eine weibliche Figur um, die ich Ramona nannte. In einem Cyber-Spiegel sah ich mich selbst als Frau. Es war sehr befreiend.

Befreiend?
Normalerweise identifiziert man sich mit seinem Körper. Ich bin, was mein Körper ist. Als Ramona habe ich realisiert, dass dies nicht stimmt. Mein Körper ist nur eine Art, mich auszudrücken. Ich kann auch einen ganz anderen Körper haben.

Was werden diese virtuellen Welten für uns bedeuten?
Wir werden immer mehr Zeit in diesen Welten verbringen. Schon in den primitiven virtuellen Welten der Gegenwart halten sich immer mehr Menschen immer länger auf, nicht nur weil es cool, sondern auch weil es bequem ist. Wir werden uns in diesen virtuellen Welten mit der gleichen Selbstverständlichkeit bewegen, mit der wir heute telefonieren.

Wie sieht der Übergang zum virtuellen Menschen aus?
Gleitend. Der nichtbiologische Teil von uns wird sich langsam durchsetzen, die virtuellen Erfahrungen werden immer mächtiger werden. Es ist ja die nichtbiologische Intelligenz, die exponentiell wächst, die biologische Evolution ist unendlich viel langsamer.

Die tragende Säule des Gedankengebäudes von Kurzweil ist eben jenes «Law of Accelerating Returns», das Gesetz des sich beschleunigenden Nutzens. Was er darunter versteht, illustriert die Geschichte des chinesischen Kaisers, der den Erfinder des Schachspiels belohnen wollte. Er versprach ihm Reis nach der folgenden Formel: ein Reiskorn auf dem ersten Feld, zwei auf dem zweiten, vier auf dem dritten und so weiter bis Feld 64. Der Kaiser hatte keine Ahnung von exponentiellem Wachstum und kapierte nicht, dass er ab Feld 46 Gefahr lief, sein ganzes Reich zu verschenken. Daher endet der Kaiser in einer Version als Bettler, in einer anderen verliert der Schacherfinder seinen Kopf.

In der Informationstechnologie drückt sich das exponentielle Wachstum im mooreschen Gesetz aus. Gordon Moore war Mitbegründer des Chip-Herstellers Intel. 1965 prophezeite er in einem Artikel des Magazins «Electronics», dass sich die Anzahl der Transistoren, die man auf einem Chip unterbringen kann, alle zwölf Monate verdoppeln werde. Bis heute hat sich dieses Gesetz bewahrheitet und es wird voraussichtlich noch weitere Jahrzehnte gültig sein. Die Folgen sind, wie bei Reiskorn und Schachspiel, dramatisch. Nach Kurzweil werden wir deshalb im 21. Jahrhundert nicht hundert, sondern 20 000 Jahre Fortschritt erleben. Oder, zurück zum Schachbrett: Wir kommen langsam in die zweite Hälfte und somit zu den Feldern, wo die Turbowirkung des exponentiellen Wachstums sich bemerkbar macht.

Die Evolutionstheorie von Charles Darwin liefert die Basis für Kurzweils Thesen. Sie geht von den gleichen Prämissen aus wie die Informationstechnologie: Es gibt keinen Unterschied von künstlicher und biologischer Intelligenz. Lebendige Wesen sind eine Ansammlung von Molekülen, und Intelligenz ist Intelligenz. Der berühmte Neo-Darwinist Richard Dawkins drückt es in «The Blind Watchmaker» so aus: «Im Kern eines jeden lebenden Wesens ist nicht ein Feuer oder ein warmer Atem oder ein ‹Funken des Lebens›, sondern es handelt sich um Information, Wörter, Anweisungen. Wer unbedingt eine Metapher für das Leben braucht, sollte nicht an Feuer oder Funken oder Atem denken. Stattdessen an Milliarden von einzelnen digitalen Zeichen. Wer das Leben verstehen will, sollte nicht an vibrierende, pulsierende Flüssigkeiten denken, sondern an Informationstechnologie.»

Ob Intelligenz oder Gefühle: Alles mündet in der Frage, wie viel Information wie schnell verarbeitet werden kann. Das Potenzial der humanen Intelligenz ist begrenzt und unveränderlich. Die Leistungsfähigkeit der künstlichen Intelligenz hingegen nimmt gemäss mooreschem Gesetz exponentiell zu. Kurzweil rechnet damit, dass im Jahr 2029 ein gewöhnlicher Laptop die gesamte Intelligenz eines Menschen speichern kann.

Ist die Gefahr nicht gross, dass die exponentiell wachsende künstliche Intelligenz in falsche Hände gerät?
Technologie ist Macht, da besteht kein Zweifel. Sie hat auch stets die destruktive Seite der Menschheit verstärkt. Es gibt eine unendliche Diskussion darüber, ob Technologie den Menschen mehr genutzt oder geschadet hat. Allein im letzten Jahrhundert haben Kriege 180 Millionen Tote gefordert. Aber Sie müssen auch sehen, was uns die Technologie gebracht hat. Noch vor ein paar Hundert Jahren konnte der Philosoph Thomas Hobbes zu Recht sagen: Das Leben ist hart, hässlich und kurz. Schubert und Mozart starben jung, an Krankheiten, die wir heute behandeln können. Die Menschen mussten extrem hart arbeiten, nur um zu überleben. Aber ja, Technologie kann missbraucht werden; ich bin persönlich sehr stark in dieser Thematik engagiert.

Wie engagieren Sie sich?
Wir brauchen eine wirkungsvolle Verteidigung gegen Bioterroristen, die mit Errungenschaften der modernen Biotechnologie bewusst tödliche Krankheiten verbreiten wollen. Wir haben mittlerweile recht wirksame Abwehrkräfte gegen Softwareviren. Die müssen wir nun auch für biologische Viren entwickeln. Indem wir diese Viren rasch dank Sequenzen entziffern. Auch hier haben wir wieder exponentielles Wachstum: Wir brauchten fünf Jahre, um das HIV-Virus zu sequenzieren, für das Sars-Virus nur fünf Tage. In den USA ist die Armee für die Abwehr von Bioterrorismus verantwortlich. Ich arbeite mit ihr zusammen.

Sollten wir die Forschung wegen der Gefahren einstellen?
Das ist eine sehr schlechte Idee. Aus drei Gründen: Wir würden uns grosser Vorteile berauben, etwa der Möglichkeit, gefährliche Krankheiten zu besiegen. Zweitens widerspricht es zutiefst unserem Glauben an den Fortschritt. Und drittens würde es nicht funktionieren. Diese Technologien würden im Verborgenen weiterblühen und dadurch noch viel gefährlicher werden.

Diese könnten auch von Diktatoren missbraucht werden.
Grundsätzlich ja, doch der Fortschritt der dezentralisierten Kommunikation hat bisher den Demokraten genützt. Ich sagte schon in den Achtzigerjahren in meinem ersten Buch voraus, dass die Sowjetunion wegen Faxmaschinen und anderer Kommunikationsmittel zum Untergang verurteilt sei. Genau das traf ein.

China ist der Gegenbeweis. Sogar Google wird kontrolliert.
Das moderne China ist viel weniger diktatorisch als die kommunistische Sowjetunion. Auf den rund hundert Millionen Blogs im chinesischen Internet wird ziemlich offen diskutiert.

Ist das nicht eine Spur zu naiv?
Ich will mich nicht als Verteidiger von China aufspielen, stelle nur fest, dass trotz politischer Unterdrückung die Freiheit grösser ist als in der Sowjetunion damals. Und ich bin überzeugt, dass das Internet ein Instrument ist, das die Demokratie fördert.

Ihr Technologie-Vertrauen scheint grenzenlos zu sein.
Nein, natürlich braucht es auch andere Werte, Moral und politische Überzeugung. Ich möchte nochmals ausdrücklich betonen, dass ich nicht bestreite, dass diese Technologien auch zu autoritären Zwecken missbraucht werden können. Aber vergessen Sie nicht: Vor dreissig Jahren waren die Demokratien in der Minderheit. Heute sind Diktaturen die Ausnahme, zum Glück.

Bessere künstliche Intelligenz vermenschlicht die Roboter. Der Begriff ist vom tschechischen Wort robota abgeleitet und bedeutet «Zwangsarbeit». Industrieroboter sind derzeit noch Ungetüme, die in abgesperrten Bereichen ihre harte Arbeit verrichten, weil sie sonst die Menschen gefährden würden. Doch in den Labors der technischen Hochschulen und Hightech-Unternehmen werden Roboter immer intelligenter. Für die Menschen sind diese bald keine Gefahr mehr, sondern Partner, mit denen sie Seite an Seite arbeiten und die Freizeit verbringen.

Einzelne Prototypen von sozialen Robotern haben bereits eine gewisse Berühmtheit erlangt. «Kismet» etwa, ein von Cynthia Breazeal am Medialab des Massachussetts Institut of Technology entwickeltes Roboterbaby, kann einige Emotionen durch Änderung des Gesichtsausdruckes ausdrücken. Es hat Augen, Lippen, Brauen, Ohren. «Die Emotionen sind leicht zu erkennen», schreibt das «New York Times Magazine» über Kismet. «Es sind dies Wut, Angst, Abscheu, Freude, Überraschung und Schmerz. Gemäss psychologischer Theorie sind diese Gefühlsausdrücke automatisch, unbewusst und universell gültig.»

Die Entwicklung der sozialen Roboter steckt noch in den Kinderschuhen. Bill Gates vergleicht sie mit dem Stand der Entwicklung des PC in den Siebzigerjahren. Doch sie macht enorme Fortschritte, vor allem in Asien. «Japan ist dabei, den Roboter zu humanisieren, ihn auf die Übernahme von Aufgaben vorzubereiten, die nichts mit der Schwerindustrie zu tun haben», berichtet die «NZZ». «So hat man unlängst bei National Panasonic einen Roboter gesehen, der mit besonderer Sorgfalt bettlägerige Patienten umbettet. Die Welt wird noch staunen, für welche Aufgaben die Roboter in Japan eingesetzt werden.»

Der britische Mathematiker Alan Turing sagte schon vor mehr als einem halben Jahrhundert voraus, dass intelligente Maschinen dereinst so selbstverständlich seien, dass man sie gar nicht mehr zur Kenntnis nähme. Turing gehörte zu dem legendären Expertenteam des britischen Geheimdienstes, das während des Zweiten Weltkriegs den Enigma-Code der Deutschen knackte. Der Nachwelt hat er die Lackmusprobe der KI hinterlassen, den Turing-Test. Er funktioniert nach dem Prinzip: Wenn etwas aussieht und quakt wie eine Ente, ist es eine Ente, egal, ob es weiss, dass es eine Ente ist. Bewusstsein ist keine Voraussetzung für Intelligenz. Der Turing-Test ist bestanden, wenn ausgewählte Experten nicht mehr zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz unterscheiden können.

In der Sciencefiction sind Roboteraufstände ein beliebtes Sujet. Wie realistisch ist das?
Kaum. Sie sind keine Marsmännchen, keine andere Rasse, die mit uns um die Macht kämpfen wird. Es wird etwas ganz anderes eintreffen: Die klare Trennung zwischen Mensch und Maschine wird verschwinden und viel intelligentere Wesen entstehen.

Das ist für uns heute kaum nachzuempfinden.
Weil wir immer noch traditionelle Vorstellungen haben. Maschinen sind für uns nach wie vor Autos oder Computer. Mit solchen Maschinen wird sich der Mensch nicht verschmelzen. Sondern mit welchen, die so subtil und vielfältig wie Menschen sind.

Werden Menschen mit Maschinen dann auch Sex haben?
Ja.

Menschen sind irrational. Ihre Maschinen auch?
Ich bin überzeugt, dass wir das menschliche Gehirn mittels der Technik des sogenannten Reverse Engineering imitieren können. Und verstehen, wie die emotionale Seite des Menschen funktioniert. Das bedeutet, unsere Gefühle werden kopierbar, und das wiederum bedeutet, dass die Maschinen unsere emotionale Intelligenz verstehen und daran teilnehmen können. Sie machen Witze, drücken ihre Zuneigung aus und so weiter.

Sie sagen, wenn die Maschinen 2029 den Turing-Test bestehen, es nicht mehr möglich sein wird, zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz zu unterscheiden.
Wenn Sie sich dann in einer der vielen virtuellen Welten bewegen, wissen Sie nicht mehr, ob es Mensch oder Maschine ist.

Kann man dank künstlicher Intelligenz auch eine ganz bestimmte Persönlichkeit im Massstab 1:1 kopieren?
Das wird ab etwa 2040 möglich sein. Eine bestimmte Persönlichkeit zu reproduzieren, ist komplizierter, als künstliche Intelligenz zu erzeugen, die der menschlichen ebenbürtig ist.

Sie selbst möchten das noch erleben und den Zeitpunkt Ihres Todes selbst bestimmen. Wollen Sie Gott spielen?
Ich habe zusammen mit dem Mediziner Terry Grossman eine «Drei-Brücken-Strategie» entwickelt und will damit den Zeitpunkt meines Todes selbst wählen können.

Deshalb nehmen Sie täglich 250 Zusatzstoffe ein?
Es sind nur 150. Ich halte auch eine strenge Diät ein und betreibe ein speziell für mich ausgearbeitetes Fitnessprogramm.

150 Pillen bis zur Unsterblichkeit?
Nein, sie halten mich fit, bis wir Brücke zwei erreichen. Das sollte in fünfzehn bis zwanzig Jahren der Fall sein. Dann werden wir unsere biologischen Prozesse neu programmieren und unser Leben kontinuierlich verlängern können.

Was geschieht bei Brücke drei?
Dort werden wir dank Nanotechnologie in der Lage sein, unsere biologischen Grenzen gänzlich zu überwinden. Bei Brücke drei sind wir bei der radikalen Lebensverlängerung angelangt. Wir können unser Leben theoretisch bis zur Unendlichkeit ausdehnen.

Möchten Sie das denn auch?
Natürlich. Sie nicht?

Ray Kurzweil: «The Singularity is Near: When Humans Transcend Biology», Penguin 2006 Auf Deutsch: «Homo Sapiens. Leben im 21. Jahrhundert. Was bleibt vom Menschen?», KiWi 1999



Lesen Sie das ganze «Magazin»: www.dasmagazin.ch (Das Magazin)

Erstellt: 13.02.2009, 16:19 Uhr

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3 Kommentare

Horst D. Deckert

13.02.2009, 14:06 Uhr
Melden

Bis heute gibt es keinen einzigen Beweis für eine Evolution. Die Evolution ist lediglich ein Glaube, eine Religion. Darwin war auch ein Utopist zu seiner Zeit. Doch nach mehr als 150 Jahren hat sich die Evolution als wissenschaftliches Märchen erwiesen. Interessant ist nur, wie viel Geld man mit solchen Märchenstunden verdienen kann. Antworten


martin SCHAFFNER

15.02.2009, 22:55 Uhr
Melden

was ist mit dem müde sein ? ist man dann einfach nicht mehr müde ? Antworten



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